Das rätselhafte Archiv – 200 Jahre Kosmos Verlag

8. Mai 2022
2 Minuten gelesen

„Es ist ein Comic.“
„Sehr gut.“
„Es behandelt Geschichte.“
„Auch gut.“
„Die Geschichte des Verlags Kosmos.“
„Ah…ok?!“

Diesen inneren Monolog könne man führen, wenn es hieße „Das rätselhafte Archiv“ soll besprochen werden. Doch weit gefehlt! Es ist ein historischer Comic mit sehr hohem künstlerischem und unterhaltendem Wert, in dem zudem viele spannende Aspekte einer deutschen Verlagsgeschichte offenbart werden.

Der Autor:innen Christopher Tauber, der zuweilen einer der Leiter des Verlags Zwerchfell ist, und Anja Herre, die vorrangig mit den hauseigenen Detektiven (Die drei ???) und der TKKG verbunden ist, entwarfen dieses vorliegende Werk in mühseliger Archivarbeit. Die Illustrationen stammen auch aus der Feder Taubers. Die Klappenbroschur und das kräftige Papier geben dieser bei Kosmos veröffentlichten grafischen Lektüre zusätzlich einen wertigen Eindruck.

Woher kommt Kosmos eigentlich?

Zu Beginn – eine tolle Idee! – wurden offensichtlich Menschen befragt, was ihnen Kosmos sagt und bedeutet. Dieser legere und auch witzig gestaltete Einstieg setzt den Ton für dieses Werk.
Mit der Frage „Woher kommt Kosmos?“ begibt sich die namenlose Protagonistin für uns Leser:innen, in Begleitung von Irmela, der Kosmaus, auf die Suche nach der Lösung. So viel sei gesagt, es ist unfassbar schwer, eine 200-jährige Geschichte auf nur knapp 100 Seiten abzureißen. Umso erstaunlicher ist es, dass man einen detaillierten Einblick zu den Gründern, die Gebrüder Franckh, den ersten Magazinen, beginnenden Absatzzahlen und neuen Formaten des Verlags, bekannten Illustratorinnen, Erfolgsrezepten und so vieles mehr nicht nur schlüssig, sondern auch noch charmant und witzig beigebracht bekommt.

Die Form dieser Graphic-History ist aufgrund der vielen zeitlichen und örtlichen Sprünge (inklusive seiner teilweise ganzseitigen Einschübe von verlegten Büchern) sehr lose strukturiert. Unser Tourguide Irmela Kosmaus und ihre wissbegierige Begleiterin nutzen alle Meta-Tricks, die man sich vorstellen kann. Sie sind sich völlig im Klaren darüber, dass sie Teil eines Comics sind und nutzen dies mehr als einmal sehr pointiert und witzig.

Natürlich kann bei solch begrenzter Seitenzahl nicht alles genannt werden. Doch selbst dafür dachten sich die Kreativen zu diesem Buch etwas aus. Im Anhang befindet sich ein QR-Code, durch den man zu einem vollständigen Zeitstrahl geleitet wird, und erhält außerdem den Hinweis (in Form von Werbung) zur umfangreicheren Chronik des Verlags.
Eines muss man daher festhalten: Diese Graphic-History ist von kulturhistorischem Wert, zugleich aber auch eine einzige Werbeveranstaltung für die größten Hits des Verlags. Es sei dem Verlag gegönnt, sich über ihre marktführenden Produkte zu freuen, schließlich sind sie nicht nur einmal weltweit damit erfolgreich gewesen.

Geschichte in putzigem Gewand

Bereits beim groben Durchblättern dieser Graphic-History fällt einem eins auf: Sie ist sehr vielseitig, sehr bunt und bricht den Erzählverlauf mehr als einmal komplett auf. Die an franko-belgische Comics für Kinder erinnernde Stilistik der Figuren lockert und belebt jede Seite mit einem süßlichen Charme. Kontrastierend dazu sind die zeichnerischen Nachempfindungen der originalen Ausgaben des Kosmos-Magazins, der Ratgeber oder der Sachbücher. Immer wieder finden sich Cover von Büchern, Spiele oder der berühmte Chemiebaukasten im Verlauf der Erzählung. Jedes Mal sind die Zeichnungen mit liebevoller und detailgetreuer Feder illustriert worden.

Hinzukommt, dass die lose Erzählform viele Überraschungen bereithält. Wie im Vorwort bereits angedeutet, nimmt sich der Comic die Freiheiten, wildeste Ideen und abstrakte Wege zu gehen, um die Geschichte des Verlags zu erläutern. In jedem Fall sind die Überleitungen und Pfade der zwei Erzählerinnen nachvollziehbar. Ganz zum Ende dieses Werks lassen sich die Künstler den Raum, eine Gratulation der aktuellen Konzernleitung zu gewähren. Es lässt die Chefetage noch menschlicher und nahbarer erscheinen, als sie es vielleicht schon ist. Dies kann man zu viel finden, zu sehr ins Gesicht gedrückt, zu selbstreferenziell, doch muss man auch ehrlich sagen, dass 200 Jahre und ein weiterhin erfolgreicher Verlag sich dies auch gönnen darf.

Fazit
„Das rätselhafte Archiv“ ist ein unterhaltsamer, hübsch illustrierter und lehrreicher Ritt durch jahrhundertelange Verlagsgeschichte, wie man sie sich wünscht. Mit leichtem Witz, ansprechenden Bildern und vielen sehr spannenden Fakten zur Genese dieses deutschen „Kulturguts“ lernt man mehr als nur die Geschichte des Verlags. Das Selbstverständnis, die Art und Weise den Menschen zu betrachten und auch die Motivation dieses Verlags wird umfänglich auf Papier gebannt. Man sollte sich daher nicht von der Thematik abschrecken lassen, denn dieses Buch kann mehr als nur Geschichte.
Pro
Informative und unterhaltsame Reise durch die 200-jährige Geschichte des Kosmos Verlags mit charmanten Bildern und kreativem Storytelling.
Kontra
Begrenzte Tiefe, mögliche Werbeuntertöne und eine lockere Story-Struktur können die allgemeine Attraktivität beeinträchtigen.
10

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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