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Das Tagebuch der Anne Frank

Copyright: S.Fischer Verlag

„Ich sehe, wie die Welt langsam immer mehr in eine Wüste verwandelt wird, ich höre den anrollenden Donner immer lauter, der auch uns töten wird, ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit. Und doch, wenn ich zum Himmel schaue, denke ich, dass sich alles wieder zum Guten wenden wird, dass auch diese Härte aufhören wird, dass wieder Ruhe und Frieden in die Weltordnung kommen werden.“

(Tagebuch, Anne Frank, Samstag, 15. Juli 1944)

Dieses dem Tagebuch der Anne Frank entstammende Zitat setzt sehr treffend die Tonalität der im Folgenden zu besprechenden Graphic-Novel. Außerdem überdauerte es die Zeit und ist trauriger Weise noch heute gültig. Es ist eine tollkühne Unternehmung ein solch umfangreiches Werk in einen grafischen Kontext zu wandeln. Ari Folman und David Polonsky haben sich dieser Aufgabe gewidmet und eine eindrucksvolle Adaption des wohl einflussreichsten Tagebuchs der jüngeren Geschichte entworfen. Die beiden Künstler sind für ihr Schaffen an „Waltz with Bashir“ bekannt geworden. Ihre Adaption ist beim S. Fischer Verlag als Hardcover erschienen, in der sich ein ausführliches Nachwort zur Entstehung dieses Werks finden lässt.

Das sprechende Bild

Gerade weil das von Anne Frank verfasste vorliegende Ausgangsmaterial so umfangreich ist, fiel es den zwei Künstlern gelegentlich schwer eine Auswahl zu treffen. Dennoch ist ihnen gelungen eine nachvollziehbare Chronologie der Ereignisse darzustellen. Die Geschichte beginnt in Deutschland. Anne bekommt ein Tagebuch geschenkt und eröffnet mit einem an ihr Tagebuch „Kitty“ gerichteten Monolog. Schon wenige Seiten später wird klar, dass das Nazi-Regime auch dem Leben der Familie Frank ein Ende bescheren will. So beginnt die Flucht vor dem Tod in die bereits besetzte Niederlande. In Amsterdam finden sie ihre Zuflucht.

Die reflektierte Art und Weise ihre Tagebuch mit Gedanken, Gefühlen und philosophischen Fragen zu überhäufen lässt einen in Bewunderung zurück. Es ist den Künstlern gelungen diesen Stil in ihren Bildern bestens zur Geltung zu bringen. So wechseln sich Dialoge in konventioneller Panelansicht mit ganzseitigen Schaubildern zu Gedankenspielen der Autorin ab. Häufig werden Charakterbeschreibungen, Eigenheiten der ebenso geflüchteten „Mitbewohner“ Familie van Daan und ihrer eigenen Familie auf einer bis zwei Seiten in knappen aussagekräftigen Bildern gerafft. Ebenso finden sich stilisierte und abstrahierte Darstellungen in diesem Werk, beispielsweise einer doppelseitigen Szene in der alle Bewohner des Hauses als Tiere charakterisiert gemeinsam essen.

Diese unscheinbar schlanke Graphic-Novel nimmt sich immens viel Platz und Zeit beim Lesen. Nicht wenige der beeindruckenden Texte der Anne Frank finden sich in ihrer Gänze in diesem Werk. Die Auswahl und das Editieren des Materials wird von den Künstlern im Nachwort als sehr aufwendig beschrieben. Es ist ihnen trotz allem gelungen den richtigen Ton zu treffen und an den wichtigen Stellen dem Original, dem geschriebenen Wort, lediglich mit atmosphärisch komplementären Bildern zu unterstützen.

Ein Bild sagt manchmal mehr, als tausend Worte

Die Bilder des Künstlers David Polonsky sind in ihrer grundlegenden Tonalität kindlich weich und vermitteln doch eine tiefgreifende Empathie für die diversen Situationen. Er zeigt die Figuren in verletzlichen Momenten, in temperamentvollem expressivem Ausdruck und in Augenblicken von Hoffnung. Mit seinen weichen Formen, den großen Augenpartien und einem liebevollen Blick auf die Details der Lebensumgebung erwecken die Figuren erneut zum Leben. Die teilweise abstrahierten Szenen, beispielsweise die in der alle zu Tieren werden, oder gar Anspielungen auf große Künstler und ihren ikonischen Werken wie „der Schrei“, die Annes Innenwelt verdeutlichen sind wohl dosiert und immer treffsicher in ihrer angestrebten Wirkung.

Die Zeichnungen als solche sind leichter und weicher Natur. Kräftige Outlines werden nur selten genutzt, die Kolorierung bleibt in gedeckten Tönen, der Zeit und den Umständen entsprechend. Dabei sind die hauptsächlich verwendeten Farben aus dem roten und braunen Spektrum. Panelstruktur und Struktur allgemein richtet sich zweckdienlich dem zu präsentierenden Inhalt des Tagebuchs. Zusammenhängende und wichtige Textpassagen des Tagebuchs werden auf ganzen Seiten gezeigt. Zu größtem Teil sind die Einträge allerdings über mehrere Seiten aufgeteilt und in sinnvollem Zusammenhang mit Bildern zusammengesetzt. Ihre Wirkung verlieren sie dadurch nicht, sie gewinnen eher an Atmosphäre und sind greifbar wie nie.

Das Tagebuch der Anne Frank
Bedrückend, humorvoll, sensibel
Sollte man noch nie Kontakt mit dem Werk der Anne Frank gehabt haben, ist diese Graphic-Novel ein absolutes Muss. Es generiert eine großartige Atmosphäre, zeigt die belebte Innenwelt der Autorin und hinterlässt einen mit einem Gefühl aus Optimismus und gleichzeitiger Trauer. Dieses Werk ist eine historische Annäherung an die Lebenswelt der verfolgten Juden, vertreten durch die Erfahrungen der Familie Frank, in perfekter Symbiose von Bild und Schrift.
Pro
ideale Einstiegsliteratur für lesefaule Kinder und Jugendliche Geschichtsfans
Illustrationen, die mit Witz und Abstraktion wirkungsvoll inszenieren
Kontra
10
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