Descender Band 1

Copyright: Splitter-Verlag

Das Cover von „Sterne aus Blech“ ruft sofort Assoziationen zu einem doch recht bekannten Film mit einem scheinbar ähnlichen Thema auf: Ein Roboter, der aussieht wie ein Kind in einer futuristischen Welt, in der es eine unbekannte Bedrohung gibt. Soweit so gut mag man denken, das kenne ich doch tatsächlich aus „A.I.“. Doch weit gefehlt! „Descender“ (Herabsteigender) wurde von Jeff Lemire geschrieben. Er ist der kluge Kopf hinter vielen Erfolgscomics wie „Black Hammer“ und der mittlerweile in einer Netflix-Serie adaptierten Dystopiegeschichte „Sweet Tooth“. Viele seiner Werke zeugen von einem großen Ideenreichtum, dem Willen eine komplexe Welt aufzubauen und darin Figuren zu entwickeln, die vielschichtiger sind, als sie es auf den ersten Blick vermuten lassen. Gezeichnet und mitkonzipiert hat diese Geschichte der Künstler Dustin Nguyen. Eine Fortsetzung dieser beim Splitter-Verlag erschienenen sechsteiligen Reihe findet sich in „Ascender“ (Aufsteigender).

Das Setting und die Handlung

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Es gibt in dieser Geschichte neun Planeten, die von neun hoch technologisierten Völkern bewohnt werden. Alle Wesen haben unterschiedlichste Fähigkeiten und Erscheinungen. Vom Geistwesen, die aus Gasen bestehen über auf Wasser schwimmende Städte oder in Wüsten existierenden wurm- und käferartigen Wesen bis zu humanoiden Lebensformen ist die Bandbreite groß. Allen ist eines gemein. Sie können interstellare Reisen in Überlichtgeschwindigkeit vollbringen und benutzen Androiden oder Roboter zur Erleichterung ihres Arbeitslebens und Alltags.

Der Wissenschaftler Dr. Quon hat sich mit seinen Entwicklungen in der Robotik zur lebenden Legende hochgearbeitet. Er gilt als der Vater der modernen Robotik, dem es gelang komplexe Maschinen mit der Fähigkeit zu Empathie und menschlichen Gedanken zu entwickeln.

So weit so gut und friedlich will man meinen, jedoch erscheinen eines Tages gigantische, den Horizont verdunkelnde Roboter. Sie heißen Harvester und genau diese Arbeit verrichten sie auch. Mit ihrer Strahlentechnologie zerstören und ernten sie von allen neun Planeten einen Großteil des Lebens und der Materie. Es ist die totale Zerstörung und innerhalb von wenigen Momenten auch schon beendet. So unvermittelt, wie die Harvester auftraten, verschwinden sie auch wieder in den unbegrenzten Weiten des Universums.

10 Jahre später

Die Geschichte macht einen Zeitsprung, zehn Jahre in die Zukunft. Ein kleiner Junge erwacht aus seinem zehnjährigen Schlaf auf einer Mondbasis. Er heißt TIM-21 und ist ein Gesellschaftsroboter. Seine Aufgaben waren einst Spielgefährte und Beschützer eines menschlichen Kindes auf der weit entfernten Basis zu sein. Seine kindliche Optik trügt allerdings, denn er kann seinen gesamten Körper, wie eine Art Robotik-Schweizer-Messer umfunktionieren und besitzt die verschiedensten tödlichen Funktionen. So legt er seinen wiedergefundenen „Hund“ Bandit frei und holt diesen wieder zurück ins Leben. Auf der sonst komplett ausgestorbenen Mondmine wandelt er umher und sucht schließlich Hilfe bei der UGC, der United Galactic Council und Dr. Quon, der ihm das Leben schenkte.

Dr. Quon hingegen ist ein gefallener Stern. Nachdem die Harvester die neun Welten zerstörten entwuchs eine Anti-Robotik Atmosphäre sondergleichen. Man kann von einem Genozid sprechen, sofern man Robotern Gefühl und Bewusstsein zuspricht dessen Existenz man beenden könnte. Dies führte dazu, dass nahezu jeder Android gejagt und zerstört wurde. Das Rätsel um die Harvester wird hingegen weiterhin erforscht und nach möglichen Ursprüngen dieser Technologie gesucht. Eine Überraschung war, dass der Code eines von Dr. Quon programmierten TIM-21 mit dem eines Harvesters verdächtig ähnlich schien. Aus diesem Grund „motiviert“ ihn Captain Telsa auf die gemeinsame Reise zur Mondmine zu gehen, um dort den letzten Tim-Roboter einzusammeln.

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Eine weitere Bedrohung

Der von Tim ausgesendete Hilferuf bleibt aber nicht ungehört in den Weiten des Universums. So wundert es nicht, dass kurz vor Ankunft des UGC-Schiffs, auf dem sich Dr. Quon befindet, eine Gruppe Schrotter auf dem Mond landen. Diese wollen den TIM-21 gewinnbringend verkaufen, haben aber nicht mit Widerstand gerechnet. Tim hat nämlich einen Plasmastrahl, der dem der Harvester nicht unähnlich ist, womit er den Kapitän der Piraten tötet. Glücklicherweise erwacht, wegen des Tumults, ein Bohrroboter und zerlegt kurzerhand die Besatzung des Schrotter-Schiffs. Tim ist jedoch schwer verletzt, sein gestartetes Backup, in dem sich wertvolle Erinnerungen an seinen menschlichen Freund Andy befinden, droht verloren zu gehen, denn „Bohrer“ kann ihn nicht reparieren. Tim wacht in einer Welt auf, die wie ein Traum zu sein scheint, aber Roboter können doch nicht träumen, oder doch? Hat Tim Visionen? Und woher stammt diese unwirkliche und fortgeschrittene Technologie der Harvester?

Der Stil

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Schon das Cover macht so unfassbar viel Lust auf mehr. Das Design des Tim-Roboters, die Formen und verwendeten Farben haben einen super Look. Der Eindruck bestätigt sich bereits auf den ersten Seiten. Die Arbeit von Dustin Nguyen ist schier atemberaubend gut. Das gesamte Werk wurde mit echter Aquarellmalerei umgesetzt, belegbar durch die teilweise noch erkennbaren Texturen des kräftigen Aquarellpapiers, auf dem gemalt wurde. Die Farbkomposition allein ist geraderaus fantastisch. Dann kommt hinzu, dass die Designs der Häuser, Schiffe, Roboter und anderen Objekte so unglaublich stimmig sind. Diese Welt fühlt sich in der Summe tatsächlich wie etwas eigenständiges an und nicht wie ein wahlloses Potpourri aus anderen bekannten Weltraumgeschichten. Obwohl gesagt werden muss, dass die Kopfteile der Harvester schon extreme Ähnlichkeiten mit den Masken der Sturmtruppen aus Star-Wars besitzen. Als kleine Kritik an dem Stil kann man einige Illustrationen der Gesichter anfügen. Diese wirken manchmal ein wenig aus der Proportion geraten.

Der kalte Raum, der unbarmherzige Weltall, die vielen Bedrohungen durch fremde Völker, die als Piraten durch das unendliche Universum ziehen und die ständige Angst vor den Harvestern zieht sich durch das gesamte Werk. Die Illustration dessen ist Nguyen in vielen Hinsichten gelungen und tragen neben der fabelhaften Erzählweise des Jeff Lemire dazu bei, dass dieser Comic eine echt eindrucksvolle Science-Fiction Geschichte wurde.

Descender Band 1
Visuelles Feuerwerk trifft unendliche Weiten
In „Descender“ wurde das Rad nicht neu erfunden. Eine Technologie, die so hoch entwickelt ist, dass sie kaum einer versteht und deren Ursprünge mysteriös sind, erscheint und löscht nahezu die gesamt Bevölkerung aus. Die zukünftigen Angriffe können nur durch einen einzigen Überlebenden verhindert werden, der selber zur diskriminierten und für den Angriff verantwortlich gemachten Gruppe gehört. Hat man diese Konstellation einmal hingenommen und ihr den Raum gegeben, kann man sich aber auf sehr hohem visuellen, wie auch erzählerischen Niveau entführen lassen. Die von Splitter gewohnt hochklassige Qualität des Drucks und der Hardcovereinband geben diesem Comic ein weiteres Qualitätsmerkmal, das sehr viel Freude beim Lesen verbreitet. Dies ist erst der Anfang, denn wie bereits angedeutet folgen noch fünf weitere Ausgaben, die das Schicksal des Dr. Quon und TIM-21 begleiten.
Pro
Schöne Aquarellmalereien
gut erzählte emotionale Momente
Spannende Wendungen
Kontra
Teilweise unproportional gezeichnete Figuren
Kopien der "Stormtrooper"-Designs
8
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