Die Arche Neo 2 – Rosskur

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Sind sie nicht süß, diese kleinen Tierchen? Allein der schieren Anzahl nach, die es an Videos auf einschlägigen Plattformen zu sehen gibt, könnte man darauf schließen, dass Tiere einen ganz besonderen Platz in unserer Gesellschaft finden. Doch ist dies wirklich so? Hat ein Hund einen ähnlichen Stellenwert, wie ein Schwein oder gar ein Huhn? Diesen und anderen Fragen geht die Graphic-Novel „Die Arche Neo“ nach. Verfasst hat diese bislang zweiteilige Reihe der Autor Stéphane Betbeder. Paul Frichet verleiht den antropomorphisierten Tieren leben und erschafft erneut eine schöne Szenerie. Seine tierische Gang geht darin ihrer Suche nach Frieden nach und Erfüllung nach.

Eine harte Welt

Im vorigen Band ist es der Gruppe um das Hausschwein Neo gelungen dem Menschen zu entrinnen. Nun begibt sich die Gang, bestehend aus der Kuh Renate, ihrem Kalb Herzchen, dem Schaf Soasig, einem eierlegende Hahn namens Ferdinand und dem Bullen Bruce auf ihren eigenen Road-Trip. Sie verstecken sich nun in Mitten der Zivilisation in Wäldchen nahe der Autobahnen. Weiterhin sind sie auf der Suche nach Neos Paradies. Seiner Idee zu Folge, sollte es ihnen möglich sein das von ihm im Fernsehen gesehene Inselparadies zu erreichen. Sie müssten nur die Karte lesen können und würden dann nach vielen entbehrlichen Tagen der Reise ankommen.

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Doch es entsteht Zwist in der Gruppe, einige glauben nicht mehr an die Insel, anderen ist der Weg zu gefährlich. Als sie dann unfreiwillig in einer Tankstelle für Chaos sorgen und die Menschen verschrecken, scheint der Faden gerissen und sie trennen sich. Einige von ihnen geraten in Gefangenschaft und fürchten nun um ihr Leben.

Neo macht sich allein auf seiner Bestimmung zu folgen, während die Gruppe um Renate ihren eigenen steinigen Weg beschreitet. Bei einer Rast spielen das Schaf Soasig und Ferdinand das Spiel um das Verstecken der Eier. Ferdinand legt diese unfreiwillig, da er sich eigentlich als Hahn identifiziert. Ein Zirkusdirektor sieht dies und schnappt sich die Zwei. Sie sollen von nun an auf der großen Bühne ihr Schauspiel abhalten.

Neue Wege

Durch einen merkwürdigen Zufall lernt Neo eine Taube kennen, die versucht ihren Instinkt und somit ihre Fähigkeit zur Navigation wiederzuerlangen. Gemeinsam begeben sie sich zu einem Bekannten, von dem sich Neo erhofft etwas Hilfe zu bekommen. Es ist ein nobles und eingebildetes Pferd, mit sehr viel Attitüde und eigenem Pool für den Sport. Dieses Ross hat Kontakte zu besten Ärzten und kennt sich in der Welt aus, ist sogar selber kurz davor eine Reise nach Übersee zu beschreiten. Dort liegen nämlich besagte Inseln zu denen Neo sich sehnt. So geht er einen Handel ein und begibt sich in die Gesellschaft des edlen Pferdes.

Nahezu zeitgleich werden Renate von einem Farmer gekauft. Doch ist es nicht irgendein Farmer. Es ist ein Freund der ehemaligen Besitzer und es scheint sich auf ein Happy-End hinzubewegen. Doch ist noch nicht alles geklärt. Die Reise zu den Insel steht bevor, die Eingliederung in die neue Umgebung gelingt nicht immer und die Gefangenschaft der Tiere im Zirkus ist ein umfassendes Thema. In diesem zweiten Teil wechselt wegen der zweigeteilten Erzählstränge häufig die Szenerie. Die Akteure erleben eine große Menge Herausforderungen und viele Fragen zu artgerechter Haltung und Freiheitsdrang diskutieren die Tiere miteinander aus. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, weshalb gerade diese oder jene Ereignisse als wichtiger Plot-Punkt erzählenswert ist. Im Nachgang und mit Blick auf den ersten Band ergibt sich jedoch ein etwas größerer Bogen zu den Fragen Identität, Zugehörigkeit und der Suche nach Veränderung seiner Lebenswelt.

Ganz entzückend sind sie

Natürlich hat Paul Frichet den im ersten Band gezeigten Stil weitergeführt und es ist immer noch so fantastisch, wie auf der allerersten Seite. Die Farben und Formen sprechen eine eigene ganz entzückende Sprache. Die Mimiken der tierischen Helden beleben die Dialoge mit feinen Nuancen und starken Expressionen. Das gesamte Szenario zeigt die Leibe zum Detail, die akribische Arbeit an jedem Bild und ist einfach hinreißend.

Solch Charakterszenen, wie die der Scham um ein vom Hahn Ferdinand gelegtes Ei, transportieren sich sehr lebhaft, sind einfühlsam und verleihen den Tieren extrem viel Menschliches. Diese Hybris, dass das Tier erst mit übermäßiger Empathie besetzt wird, wenn es vermenschlichte Züge aufzeigt, ist jedoch etwas, wessen man sich bewusst werden kann und sollte. Auch in dieser Ausgabe werden psychisch gebrochene und physisch schlecht behandelte Tiere gezeigt, die nicht jeder weichen Seele unbedingt gut tun könnten. Daher sollte auch dieser zweite Band, obwohl es eine ganz klassische Heldenreise mit einem bunten Kanon an Figuren ist, vor der Rezeption mit den eigenen Kindern einmal drüber gelesen werden, ob es tatsächlich schon etwas für die Kleinen sein könnte.

Die nahtlose Fortsetzung in Stil und Geschichte
Dieser zweite Band von „Die Arche Neo“ beschleunigt die Schicksale der Gruppe rasant. Einige unerwartete Einstellungen und Ansichten werden offensichtlich, auch von Figuren, denen man so etwas nicht zugetraut hätte. Die behandelten Aspekte von Vertrauen auf den Instinkt und den Verlust eben solcher Empfindungen wie Freiheitsdrang und Neugier werden exemplarisch und überzeugend erzählt. Der kritische Umgang bezogen auf die Behandlung von Tieren, der Blick auf die Menschheit allgemein und die ganz universellen Fragen, machen diese Graphic-Novel zu einem wahrhaften Genuss. Man schließt die bunte Reisegruppe mehr und mehr ins Herz und wünscht ihnen nur das Beste auf ihrem Wege. Allerdings steht noch keine Ende fest und das Künstlerteam hat bisher keine Verlautbarung zur Länge dieser Reihe herausgegeben.
Pro
fabelhafte Illustrationen
spannende Fragen zum Leben
Kontra
teilweise unorganischer Plot
7

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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