Ein paar Gedanken zu Weihnachten

Es ist das schönste Fest für jedes Kind. Nein, warte, nur für jedes Kind, das einen christlichen Kulturhintergrund hat. Oder vielleicht doch nicht?

Mittlerweile ist Weihnachten ein weltweit gefeiertes Fest, das auch in asiatischen, daher häufig tiefgehend buddhistisch geprägten Ländern ein offizieller nationaler Feiertag ist. Aus der christlichen Tradition, die Geburt Jesus von Nazareth zu feiern, wurde etwas, das heutzutage mehrere Gründe zur Freude und Kontroversen mit sich bringt. Eine saisonal steigende Dichte an kriminell unterbezahlter Zeitarbeit im Logistikbereich und zeitgleich explodierende Zahlen zu Verpackungsmüll aus der Entsorgungsbranche sind nur einige unbequeme Themen, die mit dieser 5. Jahreszeit verbunden werden könnten.

Was gehört eigentlich zu Weihnachten?

Mein persönliches Interesse an Weihnachten, zumindest einem, das mit bunt blinkender Leuchtdekoration, Geschenken und ritualisiertem Trinken von Glühwein auf Weihnachtsmärkten zu tun hat, endete vor einigen Jahren. Das Feiern eines Festes, das in seinem Kern ein religiösen Hintergrund hat, liegt mir immer ferner. Ich war noch nie in einer Kirche zu einer Weihnachtsmesse und kann mir auch nicht vorstellen, dass ich dies jemals angehen würde. Meinem recht säkularen erzieherischen Hintergrund zu Folge hat „die Kirche“ auch kaum Relevanz. Dieser kulturellen Identität abtrünnig zu sein bedeutet häufig mit den damit zusammenhängenden Riten wenig anfangen zu können. Die überstilisierte Ausformung dessen, was wir heute oftmals als „weihnachtlich“ wahrnehmen, also der kommerzialisierten Kuschelstimmung, die nur noch von den sich ewig wiederholenden Weihnachtsliedern aus allen Radios und Lautsprechern überspitzt wird, kommt mir daher oft befremdlich künstlich vor.

Der Ursprung und was daraus wurde

Es ist nichts dagegen zu sagen, dass man sich gerne etwas schenkt, jedoch scheint es mir fernab davon, was im Kern der Tradition überliefert wurde und wofür dieses Fest eigentlich stehe. Drei Könige brachten schließlich Teile ihrer größten Reichtümer in eine von Armut gezeichnete Hütte und schenkten. So wurde es tradiert, darauf fußt dieses rot-weiße Fest der Liebe. Allerdings haben wir, die wohlhabenden Könige dieser Welt, leider oft wenig Interesse an Armut und den damit einhergehenden unbequemen Tatsachen, die sich auf unsere Verantwortung im Umgang mit den Ressourcen dieser Welt zurückführen ließe.

Es ist ein Fest der Nächstenliebe und der Sorge um das Wohl weniger gut gestellter Menschen. Das dies Einkehr gefunden hat in die Lebenswelten vieler Menschen ist auch nicht von der Hand zu weisen. Jährlich hohe Summen, die in genau diesem Zeitraum an wohltätige Zwecke gespendet werden sind ein gutes Zeichen für die vorhandene Selbstlosigkeit der Menschen. Jedoch lässt sich auch die Frage stellen, ob dies nicht, ähnlich dem Ablasshandel, ein sich frei kaufen von Schuld und Verantwortung darstellen könnte. Zumindest führt die finanzielle Reinigung des Gewissens dazu, dass es vielen Menschen besser geht und Organisationen mit guten Absichten weiterhin bestehen können.

Das Schenken

Das Schenken spielt überall eine große Rolle. Super-Sonderangebote, die einen locken zuzuschlagen und noch mehr Geld auszugeben. Doch nur allzu häufig beschenken wir uns gegenseitig mit Dingen, die entweder bereits vorhanden sind, Dingen, die man schon mit dem Beleg und der Aussage: „kannst es ja umtauschen wenn’s nicht gefällt“ schenkt und Geschenke macht, die leider selten besonders nachhaltig sind. Hinzukommen auch noch die Gutscheine, die einen des Öfteren dazu verpflichten Produkte in einem Geschäft zu kaufen, welches man nicht finanziell unterstützen möchte oder es einfach nichts gibt, was einen dort interessieren würde. Diese Gutscheine dann zu verkaufen oder umzutauschen geht nur selten reibungslos über die Bühne.

Unbenutzte Gutscheine wieder zu verkaufen führt oftmals zu einem Wertverlust des Wertgutscheins beim Verkauf oder einer Tour-de-Shop mit den gesammelten Kaufbelegen, wobei man sich dann auch noch die soziale Scham ganz kostenlos abholt. „Hat dir das Geschenk etwa nicht gefallen? Ich dachte ich würde dir damit eine Freude machen.“ und das schlechte Gewissen jemanden, wenn auch nur ein Stück, zu kränken oder beleidigen kommen inklusive.

Das schlechte Gewissen

Wer sich außerdem für Ökologie und Nachhaltigkeit interessiert und in seinem Alltag einsetzt, stößt eben dann teilweise an eigene Grenzen der Überzeugungen. Es muss diesbezüglich erwähnt werden, dass ein Bio-Wollpullover eben nicht von Fairness strotzt, wenn man diesen beim weltgrößten Versandhandel bestellt, der medial bekannt dafür ist ausbeuterische Prinzipien zur maximalen Gewinnerwirtschaftung auszunutzen. Doch dann liegt der Pullover ja schon „unter dem Baum“ und die Retour ist ja so gesehen nur ein weiterer Weg mit einem Lieferwagen, eines weiteren unterbezahlten Liefermenschen. Schlussendlich bleibt der „Pullover of shame“ einfach im Schrank und wird auch nur selten getragen. Es soll sogar vorkommen, dass Menschen ungeliebte Kleidung nur dann tragen, wenn sie den schenkenden Menschen begegnen, um somit eine gewisse Achtung ihrem Gegenüber zu erweisen.

Die Funktion eines solchen Festes

Die Momente der ernstgemeinten Fürsorge, des Interesses und der Gemeinsamkeit sind gerade in solch polarisierten Zeiten während der nun mittlerweile zweijährigen Pandemie immer schwerer zu bewahren. Viele sind nervlich am Ende (wer kann es Ihnen verwehren?), denn Krisenzeiten sind nicht selten Momente, in denen der „wahre“ Mensch sich zeigt.

Ein zunehmend rücksichtsloser und gereizter Ton macht sich unter den Menschen breit, der erheblich auf die psychosoziale Gesundheit aller Beteiligten drückt. So ist es in diesen Zeiten umso wichtiger für sich einzustehen, seine eigenen Bedürfnisse, auch gegen Protest zu wahren und sich das bestmögliche Weihnachten zu genehmigen. Das alles ohne jemanden in seinen Gefühlen, kulturellen Traditionen oder Lebensweisen einzuschränken und mit der Brechstange zu kränken. Respekt, Achtung und Nachsicht sind Eigenschaften, die langfristig zu einem angenehmeren Lebensalltag aller führen können.

Dies ist vielleicht wirklich der Kern der Weihnacht, ein Fest, das sich für den anderen interessiert, ihm aufmerksam zuhört, seine Sorgen erkennt und respektiert dafür, dass es so ist. Sich dann gemeinsam in einer wohl gewählten Form der Gemeinsamkeit zu verbringen, kann etwas wirklich schönes sein und gibt Kraft. Mindestens so viel, wie es das gemeinsame Essen und die komplette Ermüdung nach dem fünften Gang einem geben kann.

Meine bisher schönsten Momente einer Weihnachtsfeier waren oft die Augenblicke der Ruhe. Die feinen Momente, wenn die Aufregung, das hektische Treiben in allen Märkten und Straßen ein Ende findet, die Menschen den Stress hinter sich lassen, alles leise wird und man das Gefühl der gemeinsamen Freizeit mit anderen Spaziergängern teilen kann. Natürlich lässt sich diese Zeit umso mehr in Gemeinschaft genießen. Und vielleicht ist es genau das. Die Freude an einer selbstgewählten Gemeinschaft, die mit ähnlichen Idealen die Feiertage, in dieser sehr komplizierten und oftmals überfordernden Welt des Kapitals, in der selben Manier „zelebrieren“ kann. Oder eben auch einfach nicht.

Schlussfragen

Und dann stellt sich mir zuletzt die Frage, wie damit umgehen, wenn man selber nicht sehr viel mit diesem Fest anfangen kann, aber Vater oder Mutter wird? Der soziale Druck diesbezüglich ist ja nicht gerade unerheblich und man gilt schnell als „Spielverderber“ oder „Weihnachtsgrinch“. Ich frage mich, wie Weihnachten allgemein die Riten und Traditionen unserer Kulturen der Welt entwickeln werden. Die Menschheit zu vereinen, Konflikte beizulegen und das füreinander zu zelebrieren, scheint das wirklich erstrebenswerte Motiv der Weihnacht. Dass dies möglich ist und war, zeigen die sich beschenkenden und fußballspielenden Soldaten der verhärteten Fronten im Ersten Weltkrieg am Weihnachtsabend. Warum also lieben wir unseren Nächsten nicht wie uns selbst und warum ist nicht möglich, diesen Geist der Weihnacht einfach das ganze Jahr zu leben? Muss es für Nächstenliebe und die Sorge um das Wohl anderer einen Feiertag geben?

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