Eine Rucksackreise durch Japan – Erster Teil – Die Ausfahrt „Nichtraucher“

28. August 2023
5 Minuten gelesen
  1. Eine Rucksackreise durch Japan – Erster Teil – Die Ausfahrt „Nichtraucher“
  2. Eine Rucksackreise durch Japan – Zweiter Teil – die ersten Schritte
  3. Eine Rucksackreise durch Japan – Dritter Teil – auf die inneren Werte kommt es an
  4. Eine Rucksackreise durch Japan – Vierter Teil – Sprachbarrieren
  5. Eine Rucksackreise durch Japan – Fünfter Teil – Zu Gast bei Familie Takahashi
  6. Eine Rucksackreise durch Japan – Sechster Teil – Heiß, Heißer, Onsen
  7. Eine Rucksackreise durch Japan – Siebter Teil – It’s a Long Way From Home
  8. Eine Rucksackreise durch Japan – Achter Teil – Kontraste
  9. Eine Rucksackreise durch Japan – Neunter Teil – Allein unter Tausenden
  10. Eine Rucksackreise durch Japan – Zehnter Teil – Yukatas, Trommeln und eine Erkenntnis
  11. Eine Rucksackreise durch Japan – Elfter Teil – Ein langes Gespräch und wenig Bewegung
  12. Eine Rucksackreise durch Japan – Zwölfter Teil – Mitten im Nirgendwo
  13. Eine Rucksackreise durch Japan – Dreizehnter Teil – Die Magie der Zeit
  14. Eine Rucksackreise durch Japan – Vierzehnter Teil – Klima, Verkehr und ein Paar auf Hochzeitsreise
  15. Eine Rucksackreise durch Japan – Fünfzehnter Teil – Die Stadt des Tons
  16. Eine Rucksackreise durch Japan – Sechzehnter Teil – Eine Zeitreise
  17. Eine Rucksackreise durch Japan – Siebzehnter Teil – Kyoto, die Stadt der Reizüberflutung
  18. Eine Rucksackreise durch Japan – Achtzehnter Teil – Ein Tag in der Mall und eine Massage
  19. Eine Rucksackreise durch Japan – Neunzehnter Teil – Die Suche nach Tee und das Nachtleben
  20. Eine Rucksackreise durch Japan – Zwanzigster Teil – Körperlich ausgelaugt
  21. Eine Rucksackreise durch Japan – Einundzwanzigster Teil – Ein Tag im Nebel

Endlich ist es geschafft. Der erste Teil meines Reiseberichts der einmonatigen Japanreise ist fertig. Es werden immer eine Woche am Stück veröffentlicht. Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich auf Fragen und Reaktionen.

Die Bilder meiner ersten Fotoreise habe ich alle mit einer 10 Jahre alten EOS Canon 6D, einem 50mm f/1.8 STM und einem 24-105mm f/3.5-5.6 STM geschossen. Nachbearbeitet habe ich auf dem Tablet mit der LightRoom Applikation.

-Die Hinreise-

Das Reisen beginnt mit dem Verlassen des Hauses. Ohne große Vorbereitung und Gedanken, packte ich am Tag vor der Abreise meinen Rucksack. Mein erfahrener Reisebegleiter würde mich auch dieses Mal unterstützen. Der selbstgeknüpfte Anhänger mit den schönen Steinen baumelte schon seit Jahren am Schultergurt. Kaum denkbar, dass dieses kleine, einst aus einem Anflug der Esoterik entstandene Accessoire, bereits so viele Kilometer und Kofferpackerhände überlebt hatte. Ich sah es als glücklichen Umstand und denke mir: sind diese Steine noch ganz, kann mir ja nichts mehr passieren. An meiner Hüfte baumelten zwei Umhängetaschen. Eine für den prompten Gebrauch, also Pass, Geld, ein aufblasbares Reisekissen, ein Tablet, etwas Lernmaterial zum Zeitvertreib und eine Zahnbürste. Auf der anderen Seite erinnerte mich die Kameratasche mit rhythmischem Klopfen an den Oberschenkel daran, dass ich sie bedienen sollte. Dies würde dann meine erste Reise mit einer Kamera von Format sein. Einer richtigen also, für große Bilder und mit vielen kleinen Rädchen und Knöpfchen zum Versauen eines sonst schönen Motivs. Die Kleidung war der Uhrzeit und des Wetters im Berliner Sommer entsprechend. Zumal es sich leicht in Flugzeugen friere, dachte ich mir. 

Wie ich am Flughafen ankam merkte ich beim Self-Check-In, dass mir möglicherweise eine Corona Testabfrage beim Transit in China begegnen könnte. Natürlich hat Berlin, ganz im Sinne „arm, aber geil“ keine Ärzte oder Teststationen vor Ort. Man müsse einen Notarzt rufen, versicherte mir der freundliche Mitarbeiter am Infostand. Dann blieb mir wohl nichts anderes, als mich am Transitort Wien darum zu kümmern. Ach ja, habe ich eigentlich erwähnt, dass der neue und einzige Flughafen in Berlin eine logistische und schlecht beschilderte Katastrophe ist? 

Nun gut. Der Flug nach Wien war so kurz, dass sich das Ausklappen des Tisches vor mir, zum lernen von ein paar weiteren japanischen Vokabeln, fast nicht lohnte. Das kann man Keinem erzählen, dass es nicht möglich war für solche Strecken Hochgeschwindigkeitszüge im Halbstundentakt fahren zu lassen. Wo kämen wir denn da hin? Das sollte ja fast japanische Ausmaße annehmen. 

Als der Sinkflug begann, wappnete ich mich mental auf die anstehende Situation. Ich hatte eine Stunde Zeit, um aus dem Flieger raus und quer über den Flughafen zu rennen, das Gebäude der Praxis zu finden, dort den Test zu machen und zurück durch die Sicherheits- und Passkontrolle (zeitlich nur möglich Dank freundlicher Leute, die meinen Zeitdruck fühlten und sahen) zu hasten. Die wienerische Gemütlichkeit in einem Moment dieser Dringlichkeit auszuhalten, wenn man es ganz offensichtlich, dort am Tresen im Angesicht seines Schweißes unruhig wie ein Tiger kurz vor der Fütterungszeit auf und nieder laufend, extrem eilig hatte, auch noch lakonisch und gemütlich gesagt zu bekommen, dass man grad warten müsste, würde sich mir bestimmt als Vorlage für einen dramaturgisch gut geschriebenen Alptraum einbrennen. Egal ob Arzt oder Sicherheitscheck, wo man mich nochmal die Kameratasche auspacken ließ. Doofe Kameratasche. 

Auf dem Weg von und zur Praxis fühlte ich mich jedoch kurzzeitig, wie Jemand aus einem Actionfilm. Bepackt mit zwei Taschen, diese fest umklammernd, damit die Beute nicht herausfiele, auf leichten Füßen wie ein Fußballer durch die wirren Massen aus unendlich vielen Verteidigern tanzend, joggte ich durch den sicherlich architektonisch schönen Flughafen Wien. Tolle POV-Aufnahmen hätte das ergeben. Man müsste jedoch den von mir mit unregelmäßigem Keuchen angebotenen Ton mit einer dramatischen Musik á la Mission Impossible ersetzen. Natürlich nur für den Effekt versteht sich.

Zum Glück gibt es noch freundliche Menschen. Im Eilverfahren ließen mich die Mitarbeitenden am Check-In zum Flug nach Beijing durch, druckten mir noch mein Transit-ticket für Japan Haneda aus und schleusten mich in den Flieger. Ich war der Letzte. Ich ließ mich in den Sitz fallen und trocknete leicht nach vorn gelehnt meinen Rücken. Mein Sitz war am Gang, neben mir frei. Der Fensterplatz war besetzt von einer jungen Tschechin auf dem Weg nach Korea zu einer internationalen Politik-Konferenz für Jugendliche. Fun-Fact: nur Polen, Tschechien und die Slowakei nehmen an diesem Programm als europäische Länder teil. Auf die Frage, ob dies irgendeinen religiösen Anstrich hätte, versicherte sie mir Schulter zuckend, dass sie sich das auch schon gefragt hätte. Bisher fand sie keine Antwort. Das Gespräch war damit auch beendet. Nonverbal gab sie mir mit dem langsamen Einstecken ihrer Kopfhörer zu verstehen, dass sie doch lieber „The Office“ weitersehen wollte. 

Die Flugzeit verstrich zäh. Kurze, maximal einstündige Nickerchen und regelmäßige Nahrungszufuhr hielten mich bei Laune. Die Zeit zu nutzen, hatte ich mir vorgenommen. Ein paar Rezensionen zu bereits gelesenen und vorbereiteten Comics, Graphic-Novels oder Mangas wollte ich schließlich schreiben. Viele sind es nicht geworden, aber mir blieb ja noch Zeit bis ich in Tokio ankommen sollte. Ab ungefähr der Hälfte überkam mich ein Drang zur Bewegung, wie er mir selten unterkam. Es ist diese unangenehme Mischung aus Beinen, die Rennen wollen, einem Rücken der über eine Faszienrolle ausgeknackt werden möchte und einer viel zu platt gesessenen Hinternmuskulatur, die nach Kontraktion schreit. All das verwoben mit zu viel Koffein, dank Cola und Kaffee, geistigem Matsch im Kopf der Müdigkeit zu Dank und dem Bedürfnis sich einfach mal zu Strecken. Ich würde dabei auch brav an einige meiner Kindergärtnerinnen denken, die uns immer aufforderten: 

„Bis zu den Sternen greifen. Und die Zehenspitzen nicht vergessen“.

Doch blieb mir nichts außer zu Sitzen oder sich als der „Eigenartige“ des Flugzeugs zu entpuppen, der mehrere Male von Anfang bis Ende im Kreis die schmalen Gänge entlang lief. Ich entschied mich, sitzen zu bleiben und dem Umstand zu fügen. 

Als ich dann nach drei weiteren Stunden Wartezeit am Flughafen Beijing den letzten Flug nach Tokio nehmen konnte, fühlte ich die Zeit nicht mehr so langsam verstreichen. Neben und hinter mir saß eine Gruppe von anscheinend wohlhabenden chinesischen Hausfrauen mit ihren Tablet-Kindern, die schon auf dem Flughafen alle Geräte auf maximale Lautstärke der Öffentlichkeit präsentierten. Es musste wohl etwas an der Aussage dran sein, dass man sich seinen Problemen stellen müsse, da man sie sonst nur mit sich trug, aber nicht hinter sich lassen würde. Selbst wenn man tausende Kilometer weit weg flog, irgendwann und irgendwo säße immer ein von Medien abhängiges Kind neben dir und du fragst dich einfach nur: „warum?“. Es ist ja nicht so, dass mich dieses Thema als Lehrer schon seit Beginn meiner Tätigkeit schwer beschäftigte. An dieses Thema gekoppelt, hingen immer öfter Gedanken, die eigene Kinder betrafen. Allerdings endeten diese, nach reiflicher Überlegung, jedesmal in der Sackgasse der „unethischen Entscheidung“. Basierend auf einer Mischung aus gefühlten und evidenzbasierten Fakten erschien mir die Vorstellung, ein Kind in einer von Klimakrisen und politischer Radikalisierung zunehmend unbelebbareren Welt leben zu lassen, keine gute Lebesnrealität. Zynismus oder Nihilsmus, ich konnte mich bisher nicht entscheiden, welches die schlechtere Option war.

So hatte ich es dann doch irgendwie geschafft während der über einen Tag anhaltenden Reisezeit nicht völlig mürbe im Oberstübchen zu werden. Ich nahm meinen Rucksack, stellte mich der japanischen Einreisekontrolle und ging erstmal eine Rauchen. Es war eine gute Zigarette in einem viel besser belüfteten Raucherbereich, als es die Eckkneipe bei mir im Haus jemals und trotz geöffneter Fenster sein würde. Einen Tag hatte ich ja schon ohne eine Zigarette zu rauchen hinter mich gebracht. Die Ausfahrt „Nichtraucher“ wäre gut gepflastert und ausgeleuchtet gewesen. Ich bog aber nicht ab, sondern fahre bisher weiter mit jedem Zigarettenzug. 

Keine 10 Minuten befand ich mich nun in Japan und es eröffnete sich mir eine ganz neue Welt. Asien als kultureller, wenn offen gestanden sehr weit gefasster, Raum war mir nicht unbekannt. Das was mich nun erwartete, würde mich doch überraschen. 

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