Freundschaften #Elternalltag

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Haben alle Freundschaften ein Ablaufdatum? Fällt es nur mir scheinbar schwer, Freundschaften aufrecht zu halten? Und wie pflegt man eine Freundschaft, damit sie erhalten bleibt? Schon fast ein halbes Jahr leben wir nun Übersee, weit entfernt von allen Freunden und der Familie, mit sechs Stunden Zeitverschiebung. Es gibt so viele Sprüche über Freundschaften, die vieles besagen, zum Beispiel darüber, was mit vielen Freundschaften passiert, wenn man Kinder bekommt oder wenn man viel Geld hat. Man kann natürlich nicht alle Freundschaften über einen Kamm scheren, es gibt viele verschiedene Arten von Freundschaften so, wie es auch unterschiedliche Menschen gibt. Im Großen und Ganzen kann ich leider von mir behaupten, mit den Jahren des erwachsen seins fast alle meine Freundschaften verloren zu haben. Die Zeit in der ich das erste Mal Mutter geworden bin, habe ich meine ersten fest geglaubten Freundschaften verloren. Neue sind vor allem durch die Covid Pandemie nicht entstanden. Unser Umzug in die USA hat dann dem letzten Häufchen Freundschaften, den ich bis dato noch hatte, den Rest gegeben. Woran mag das liegen?

Freundschaften – damals und heute

Ich kann mich glücklicherweise zu der Generation Kinder zählen, die ohne Smartphone aufgewachsen ist. Wenn ich mich mit jemandem verabreden wollte, musste ich über das Festnetz bei der Familie anrufen und nach der gewünschten Person fragen. Noch heute habe ich die ein oder andere Festnetznummer im Kopf. Wenn man sich zu einer Zeit an einem Ort verabredet hat, gab es keine Möglichkeit abzusagen. Der Wunsch dazu war aber auch nicht da. Als Kind wollte man noch mit anderen Kindern spielen. Auch in der Jugend, als es dann anfing mit den ersten, damals noch Nokia und Sony Ericsson Handys, war das nicht das Kommunikationsmittel der Wahl. Eine SMS mit 160 Zeichen hat damals noch 19 Cent gekostet und die war schnell voll. Die Notwendigkeit aber war auch hier nicht da, man hat ja den ganzen Tag in der Schule schon Zeit mit den Freunden verbracht. Man befand sich in einer Situation, in der man Freundschaften gezwungener Maßen entwickelt hat. Immerhin hat man mit den Leuten oft mehr Zeit verbracht als mit der Familie. Damals sind die Freundsachaften einfach entstanden. Ich kann mich nicht erinnern, in der Zeit zwischen der ersten und 10. Klasse nach Freunden gesucht haben zu müssen. Nicht das mir das Freundschaften schließen leicht fällt, was ich damit meine, ist, dass es Kindern viel einfacher fällt. Viel faszinierender finde ich, wie schnell sich die Wege dann aber wieder trennen können. Die Zeit in der Oberstufe ist zu Ende und schwupps, von einem Tag auf den nächsten hat man zu einer über vier Jahre oder mehr entwickelten Freundschaft keinen Kontakt mehr! Wie kann das sein? Und warum ist man gleichermaßen so eiskalt zueinander?

Man lernt neue Leute kennen, eine neue Schule, ein neuer Job, ein Studium, was auch immer, plötzlich lernt man neue Leute kennen, mit denen man die meiste Zeit verbringt. Bedeutet das aber, das man für alte Freundschaften keinen Platz mehr hat? Hat man sich nichts mehr zu erzählen? Keine Gemeinsamkeiten mehr? Wer kann von sich in der heutigen Zeit noch behaupten, Freundschaften aus der Jugend zu haben?

Introvertiert vs. Extrovertiert

Ich bin zu 100% eine introvertierte Person. Ich falle ungern auf, trage Unsicherheiten mit mir rum und habe Schwierigkeiten, neue Kontakte zu knüpfen. Nicht, dass introvertiert etwas Schlechtes wäre. Meine ruhige Art wurde schon des Öfteren als angenehm wahr genommen. Aber, bei dem Thema neue Freundschaften zu knüpfen, ist das nicht hilfreich. Schon in meiner ersten Ausbildung, damals war ich 15 Jahre alt, fiel es mir unwahrscheinlich schwer, auf andere Leute zuzugehen. Damals hatte ich das Glück, und diesen Moment werde ich nie vergessen, dass ein Mädchen aus der Klasse mich in die grade entstandene Gesprächsgruppe aufgenommen hat. Dieses Mädchen war für die nächsten vier Jahre eine sehr gute Freundin von mir. Das ist nun schon einige Jahre her, ich habe nach den vier Jahren nie wieder was von ihr gehört. Dieses Mädchen war eine absolut extrovertierte Person. Mir ist über die vielen Jahre und Freundschaften aufgefallen, dass ich Freundschaften überwiegend mit extrovertierten Personen geknüpft habe. Ob das daran liegt, das eine introvertierte Person nicht auf eine andere introvertierte Person zugehen würde? Ich jedenfalls habe nie genug Mut aufgebracht, auf fremde Leute zuzugehen und ein Gespräch aufzubauen.

Freundschaften als Eltern

Wie schon erwähnt, verliert man gute Freunde auch mal über die eigenen Kinder. Es ist für mich absolut verständlich, dass sich die Wege trennen, weil die Gesprächsthemen und Gemeinsamkeiten nicht mehr die selben sind wie früher. Und nicht nur das, die Zeit, die man vor Kindern für Freunde hatte ist ebenso zum einen deutlich weniger und zum anderen nicht mehr die selbe Tageszeit. Als Mutter, besonders am Anfang, steht man viel früher auf, als man vielleicht möchte, und fällt abends sehr früh müde ins Bett. Da findet sich oft keine Zeit und Energie mehr, in eine laute Bar oder in ein überfülltes Restaurant zu gehen. Schade finde ich es nur, wenn man sich sehr viel Mühe gibt, die Mutter als Person zurückzulassen, wenn man merkt, der Gegenüber ist nicht so affin mit Kindern und auch die Möglichkeit bietet, die Treffen kinderfrei zu lassen und es trotzdem einfach ins Nichts verläuft. Aber man kann ja niemanden zwingen, befreundet zu bleiben. Und vielleicht hat man sich trotz aller Versuche dagegen, mehr verändert, als man überhaupt wahr nimmt. Umso schöner ist es, eine oder mehrere Freundschaften mit Eltern zu haben. Meine Muttifreundschaften belaufen sich zwar nur auf eine, ich schätze aber diese eine Freundschaft sehr, vor allem, wenn man jemanden findet, mit dem man offen über all die Dinge reden kann (Kinder) über die man mit seinen vergangenen Freundschaften nie reden konnte. Und umso schöner, wenn man als Mutter auf einem ähnlichen Level ist. Denn grade unter Müttern ist es nicht immer leicht, Aufrichtigkeit, Freundlichkeit und Verständnis zu finden.

Technologie – hilfreich oder nicht?

Wie viele unserer Freundschaften sind eigentlich reine Online-Freundschaften? Wie viele davon gäbe es ohne soziale Medien noch? Hätten die Freunde mehr Interesse, würde man nicht hin und wieder eh schon auf Instagram und Co. zeigen, was so alles neu ist im Leben? Wenn ich durch meine WhatsApp Chats schaue, sehe ich schnell, viele unbeantwortete Sprachnachrichten und einseitige Geburtstagsgrüße, wo ich mich als introvertierte Person irgendwann frage, ob ich vielleicht den Gegenüber in Ruhe lassen sollte? Ob es vielleicht auch mit dieser Freundschaft einfach vorbei ist? Gerade jetzt, wo wir so weit weg wohnen, scheint es sich nicht zu lohnen, meine Freundschaft aufrecht zu halten. Vielleicht dramatisiere ich auch etwas zu sehr, immerhin haben die paar Freunde, die ich bis zum Schluss in Berlin noch hatte, alle einen Job oder ein Studium, andere Freunde, Familie, einfach viel zu tun. Es ist erstaunlich, wie die fortgeschrittene und moderne Technologie, die uns so einfach mit der Welt verknüpft, uns zu unsozialen Menschen macht. Auf Nachrichten nicht reagieren, sich stumpf Inhalte von Freunden anschauen, aber nicht darauf zu reagieren. Und dabei kann sich jeder selbst an die Nase fassen. Wir sind alle irgendwie abgestumpft.

Let’s hope for the Best

Ich hoffe natürlich sehr, irgendwann mal wieder von meinen berliner Freunden zu hören. Es ist schade, dass niemand Interesse hat, wie es uns hier geht und wie der Umzug war. Und genauso hoffe ich, dass mich auch hier eine extrovertierte Mutter sozusagen an die Hand nimmt und ich die eine oder andere Freundschaft schließen kann. Ob das nun oberflächlich ist, ist fraglich. Meine bisher geschlossenen Bekanntschaften auf dem Spielplatz sind nur entstanden, weil ich mit den Kids deutsch gesprochen habe und die Mütter sich doch so sehr wünschen, dass ihre Kinder auch deutsch sprechen lernen. Und am besten geht das natürlich durch Kontakt zu deutschsprachigen Kindern. Die Absichten sind also sehr von Eigennutz geprägt, trotzdem sind alle Eltern, die ich bisher kennen gelernt habe, sehr liebe Leute. Aber aus dem „Let’s meet up“ und „I’ll text you“ ist noch nicht wirklich mehr geworden. Vielleicht ja dann, wenn die Preschool im September beginnt.

Annegret Hünerfürst

Geboren in der selben Woche, in der die erste Website online kam - gelernte Diätassistentin und Mutter von zwei Kindern

2 Comments

  1. Das ist sehr schade, lesen zu müssen, wie es dir ergeht, aber ich kann das (selbst ohne Übersee-Umzug oder Kinder) komplett nachvollziehen. Der Wandel der Zeit aber auch Berlin selbst sind da glaube ich festzumachen. Mir ist als Zugezogener extrem aufgefallen, wie unverbindlich diese Stadt ist. Der Versuch, neue Freundschaften zu etablieren, scheitert oft daran, dass Leute zu viele Optionen haben, kurzfristig Dinge absagen und anscheinend oftmals lieber 500+ Bekanntschaften als 5 wirkliche Freunde haben möchten (wobei ich Letzteres viel erstrebenswerter finde).

    Ich hoffe, dass du und ihr zeitnah richtig gute US-Freunde finden könnt! Immerhin hat die moderne Technik auch ihr Gutes, dass wir trotz tausender Kilometer Entfernung mitbekommen können, was ihr macht und wie es euch geht! Viele machen das zwar lediglich passiv, aber sei dir sicher, dass auch alte Freunde noch immer Anteil an eurem Leben haben, und sei es auch nur über Insta-Bildchen.

    • Schön gesagt! Zu viele Optionen, das trifft es gut. Ich bin auch eher für wenige aber enge Freundschaften als für eine große Zahl an flüchtigen Bekanntschaften. Aber, was soll man machen.

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