Geburt in Amerika – Teil 1: So läuft die Schwangerschaftsvorsorge in den USA wirklich ab

11. Januar 2026
3 Minuten Lesezeit

Geburt in Amerika

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Mit zwei kleinen Kindern, geboren in Berlin, sind wir 2021 nach Washington D.C. gezogen. Der Wunsch nach noch einem Baby war schon immer da, wurde aber durch die große Lebensumstellung verdrängt. Vier Jahre später ist es aber doch so weit und wir haben unser drittes Kind bekommen. In Amerika. Wie das so abläuft mit der Schwangerschaft, Geburt und Nachsorge war für uns wegen der zwei vorherigen Geburten nicht ganz neu, aber dennoch anders und teilweise kompliziert und unverständlich. Darüber möchte ich natürlich gerne berichten, ist es doch spannend zu vergleichen, wie es im Sozialstaat Deutschland und im eher kapitalistischen Amerika mit großer Eigenverantwortung anders ist. In diesem Teil soll es um die Vorsorge gehen. Wo fängt man an wenn man plötzlich den positiven Schwangerschaftstest vor sich hat? Und vor allem die Frage, was das kostet und ob es die Versicherung zahlt?

Das Spiel mit der Versicherung

Photo by Marek Studzinski on Unsplash

Für meine üblichen Vorsorgeuntersuchungen war ich bisher in einer Arztpraxis außerhalb der Stadt, hier aber hatte ich schon die ersten Probleme mit meiner Versicherung. Wir sind alle über eine Auslandsversicherung bei der Barmenia versichert, dafür gibt es den US- Abwickler GMMI, der uns für unsere Arztbesuche jeder Art hier in den USA einen Versicherungsschein ausstellt. Das bedeutet, vor jedem Arztbesuch muss ich bei der GMMI anrufen und erklären, warum und wann ich zum Arzt möchte. Am liebsten möchte die GMMI schon den Termin haben, die Arztpraxis aber vereinbart ungern Termine ohne eine Versicherungsnummer. Ist es dann aber geschafft, dass ich eine Versicherungsnummer für diesen Termin habe, muss die Arztpraxis auch zum einen diese Versicherung akzeptieren und zum anderen auch die Rechnungen dort einreichen. Schon des Öfteren habe ich einfach eine Rechnung in der Post gehabt, die eigentlich bei der Versicherung abgewickelt wird.

Für meine Schwangerschaft und Entbindung habe ich dann erstmal bei der Versicherung angerufen und gefragt wie ich am besten vorgehe. In den USA gibt es die Möglichkeit entweder zum Gynäkologen (OBGYN) oder zur Hebamme (Midwife) zu gehen. Die Midwives sind dafür bekannt, den eher natürlichen Weg zu gehen und nicht voreilig unnötige Eingriffe zu beschließen. Dafür habe ich mich natürlich entschieden. Die Versicherung wollte aber erstmal eine gynäkologische Überweisung. Nach viel Hin- und Her und etlichen Telefonaten habe ich dann endlich meinen Versicherungsschein für die Midwives bekommen der nicht auf einen Termin begrenzt war und die gesamte Schwangerschaft und Geburt abdeckt.

Die Midwives

Meine Arztpraxis war angebunden an das Med Star Krankenhaus hier in D.C. Das bedeutet, alle Hebammen, die ich über die vielen Termine hinweg kennen lerne, arbeiten auch auf der Entbindungsstation. Außerdem war somit kein weiterer Versicherungsschein von meiner Krankenkasse nötig. Den ersten Termin bekommt man erst ab der 10.-12. Schwangerschaftswoche. Danach darf man alle vier Wochen antreten. Beim ersten Termin wird Blut und Urin abgegeben, die Termine danach sind nur für die hier üblichen Fragen nach Depressionen und häuslicher Gewalt sowie Blutdruck, Temperatur und Blutsauerstoff da. Hin und wieder werden Bluttests angeordnet, diese werden dann zwar in der Praxis gemacht, sind aber über weiteren Anbieter namens LabCorp abzurechnen. Die Bluttests sind die selben wie in Deutschland. Auch die drei großen Ultraschalluntersuchungen in jedem Trimester sind hier Norm, werden aber in einer anderen Abteilung im selben Krankenhaus durchgeführt.

Zum Ende der Schwangerschaft habe ich eigentlich die üblichen 20 Minuten CTG-Schreiben erwartet, das wurde aber nie Durchgeführt. Die Hebammen haben ab dem 3. Trimester immer auch nach den Herztönen des Babys gehorcht aber das war es auch schon. Auch die in Deutschland ständigen Urintests sind bei den Hebammen nicht üblich. Mit dem Ende der Schwangerschaft wurden dann die Intervalle der Termine kürzer, der Bauch wurde gemessen, es wurde über die Geburtswünsche gesprochen, alles ganz wie in Deutschland.

Der US-Markt

Laut Statistiken ist die Kaiserschnittrate in den USA recht hoch, höher als in Deutschland. Auch die Rate der Periduralanästhesie in den USA liegt bei über 60%, in Deutschland bei nur 20%. Je nachdem bei welcher Arztpraxis man sich befindet gibt es viele medizinische Eingriffe um die Geburt voran zu bringen, die in Deutschland nur bei dringlicher Notwendigkeit gemacht werden. So kann man zum Beispiel, wenn man das möchte, schon zwei bis drei Wochen vor dem errechenten Termin eine Einleitung machen. Auch geplante Kaiserschnitte sind nicht unüblich. Mir wurde eine Membranlösung vorgeschlagen, bei der die Hebamme die Fruchtblase mit den Fingen vorn der Gebärmutter löst. In 50% der Fälle soll dies Wehen auslösen. Und auch das Internet hat mitgehört und mir fleißig Stories von werdenden Müttern, die ähnlich weit in der Schwangerschaft waren, reingespült. Himbeerblättertee, Curb-Walking und Datteln werden auch hier von nicht medizinischen „Fachleuten“ mit dem perfekten Haus in der wunderschönen Kleinstadt empfohlen. Was mir aber neu war, ist das frühzeitige Milch abpumpen. Ich habe gelernt, dass werdende Mütter schon früh, ca. ab der 37. Schawangerschaftswoche, anfangen Milch abzupumpen. Den Zweck dieser Sache habe ich absolut nie irgendwo auch nur ansatzweise erklärt gefunden. Das ganze Thema zum Stillen/Füttern ist aber ein ganz anderes riesiges Thema, worauf ich in einem anderen Teil eingehen werde.

Meine Midwives waren alle sehr darauf bedacht, alles seinen Weg gehen zu lassen, mir keine unnötigen Eingriffe aufzudrängen und haben auch schnell festgestellt, dass ich mit meinen zwei Geburten eher den natürlichen Weg gehen möchte. Ich war also mit der Vorsorge überwiegend zufrieden, auch wenn ich vermute, dass der ein oder andere Bluttest nicht hätte angeordnet werden müssen, aber die Versicherung zahlt ja. Wahrscheinlich läuft das bei zahlenden Versicherungen des Öfteren so ab.

Annegret Hünerfürst

Annegret Hünerfürst

Geboren in der selben Woche, in der die erste Website online kam - gelernte Diätassistentin und Mutter von drei Kindern

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