Harley Quinn: Broken Glass

In den letzten Jahren wird zunehmend klar wie schnell es passieren kann, dass aus einer moderaten und kritischen Position, sei sie politisch oder spirituell, eine radikale Weltansicht werden kann. Nicht zuletzt wegen der vor einigen Jahren entstandenen und hartgesottenen Flat-Earther, sowie den sich zunehmend radikalisierenden Corona-Leugner:innen, die in den sozialen Medien für Hetze und Aufruhr gesorgt haben, beschäftigen sich mehr und mehr Wissenschaftler aller Disziplinen mit dem Phänomen Verschwörungsmythos und Radikalisierung.

Der Comic „Harley Quinn: Broken Glass“, erschienen beim Imprint Panini-Ink, richtet sich explizit an ein jüngeres Publikum (ab 13 Jahren). Er behandelt die schleichende Radikalisierung, die anfänglich aus noblen Motiven erwuchs und sukzessiv zu Fanatismus wurde. Geschrieben hat diesen Comic die Eisner-Award prämierte Autorin Mariko Tamaki (Ein Sommer am See). Sowohl zeichnerisch grandios von Steve Pugh umgesetzt.

Welche Harley Quinn lernen wir kennen?

Copyright: Panini

Harleen Quinn, bekannt aus „The Suicide Squad“, ist in dieser Variation der DC-„Heldin“ noch Teenager. Sie wird wegen eines Jobs von ihrer Mutter für ein Jahr nach Gotham City zur Großmutter geschickt. Dort angekommen muss sie feststellen, dass ihre Oma dort nicht mehr lebt. So kommt Harleen bei der Trans-Frau „Mama“ alias Benny unter. Sie wohnen in einem der Gentrifizierung unterworfenen Viertel. Große Baufirmen planen Kulturstätten, Treffpunkte, Parks und Räume öffentlichen Lebens einzuebnen und die Flächen mit, für die dort lebenden Menschen, unbezahlbaren Wohnungen neu aufzubauen. Harleen geht, auf anraten von „Mama“, zur Schule. Dort verbringt sie schnell viel und gern Zeit mit Ivy, die sehr politisch aktiv ist. Ivy verbringt ihre Freizeit gern mit ihren Eltern auf Demonstrationen gegen die Bauunternehmer oder engagiert sich in einem nahegelegenen Gemeinschaftsgarten.

Die bereits in jungen Jahren, durch ihre aufbrausende und auch gewaltbereite Auslegung von Gerechtigkeit, aufgefallene Harleen findet schwer Anschluss in der neuen Schule und scheut die Konfrontation nicht. Einer kleinen Gruppe um Ivy fühlt sie sich zugehörig. So sind bald kleine Demonstration innerhalb der Schule, im Clowns-Kostüm, eine erste gemeinsame Aktion der Freundinnen. Es wird sehr schnell klar welcher Antagonist in diesem Comic erzählt werden soll: die diskriminierende und von kapitalistischer Gier getriebene Oberschicht.

So ist es innerhalb der Geschichte ganz natürlich, dass „Mama“ als Betreiberin einer Drag-Show ein einfaches Ziel von Diskriminierungen und physischer Bedrohung ist. Eingeworfene Fenster mit eindrücklich Gewalt androhenden Nachrichten gehören bald zum Alltag. Harleen ist jeder Zeit mittendrin und erlebt die zwei Seiten des „anders seins“ hautnah, die Sorgen vor der Zukunft und die Freuden in einer eingeschworenen Gemeinschaft, der scheinbar nichts etwas zu Leide tun kann.

Der Riss vergrößert sich

Auf einem ihrer nächtlichen Streifzüge wird sie von einem scheinbar gleich alten Jungen abgefangen. Er stellt sich als „Der Joker“ vor, zur Wahrung seiner Identität noch mit einer improvisierten Maske. Dieser instrumentalisiert sie zunehmend, um sie als Strohpuppe für seine eigene Machtfantasie und einen destruktiven Plan einsetzen zu wollen.

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Abwechselnd erleben wir auch Episoden, in denen das Schicksal der Darstleller:innen der Drag-Show Platz finden kann. Ebenso gleichwertig erzählt Tamaki innerschulische Konflikte, beispielsweise um die Teilnahme im Film-Klub. Allen Episoden ähnlich ist das drunterliegende Motiv der Klassengesellschaft, der Abgrenzung voneinander und der daraus resultierenden Diskriminierung einzelner Person oder Personengruppen.

Die Balance zu halten, gelingt der Autorin Tamaki, unfassbar gut. Zwischengesetzte Rückblenden, bilden in diesem Kontext noch mehr Verbundenheit und ein komplexeres Bild der Figur Harley Quinn. Zudem zeigen die kontrastierenden Einflüsse – Ivy (Poison Ivy) als Pazifistin und politische Aktivistin und dem Joker als radikalen Terroristen gegen die gesellschaftliche Ordnung – die Zerrissenheit und Komplexität eindrücklich. Es scheint nahezu logisch, dass sie schlussendlich zu dem wird, wofür sie bekannt ist. Mit dem Joker steht sie für ungehemmte Gewalt mit radikalen Ansichten zwischen Empathie und Wahnsinn.

Der Stil

Wenn eine Ausgabe zu nennen ist, die als visuelles Highlight aus der Panini-Ink Reihe stammt, dann ist es diese. Steve Pugh hat eine absolut fantastische Arbeit mit dieser Geschichte abgeliefert. Von der ersten Seite an zeigt dieser Comic, was an Tiefe, Lichtspiel, fast fotorealistischer Haptik die Panels versprühen können.

Die Zeichnungen sind so reich an atmosphärischen Details, dass jede Seite ein wahrer Augenschmaus ist. Auf nahezu jedem Bild zeigen die Figuren komplexe Schattierungen, die wie mit dem Pinsel gesetzt aussehen. Die, in Verbindung mit der fortschreitenden Geschichte, immer künstlerisch und wilder werdenden Panelstrukturen geben dem Lesefluss und dem Gefühl für die Figuren das passende Korsett.

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Als große Besonderheit dieses Comics ist aber sicherlich, neben dem wirklich einzigartigen Zeichenstil, die Kolorierung dieser Geschichte. Ein anfänglich monochromatischer Eindruck, ganz in Pantone Farben, also einem blau-gräulichem Ton, werden zu Anfang noch wenig, später eine große Anzahl von roten, grünen, braunen und gelben Tönen hinzugefügt. Dabei nie wahllos, sondern der jeweiligen Episode angepasst. Die erste rote Phase dürfen wir beispielsweise betrachten, als von Harleens erstem Gewaltausbruch in einer Rückblende berichtet wird. Diese sind noch in Pastelltönen, ebenso im monochromatischen, also einfarbigem, Design der ganzen Seiten. Als sie dann zum ersten mal in die Nacht aufbricht, um für Krawall zu sorgen, springen einen die für Harley Quinn bekannten knalligen roten und schwarzen Farben an. Es ist wirklich ein eindrucksvolles Comic, das sich an junge Leser richtet. Umso mehr für die, die möglicherweise noch nie einen Comic gelesen haben. Dafür liegt die Messlatte sehr, sehr hoch.

Harley Quinn: Broken Glass
Ideal für Kinder im "problematischen Alter"
Sollte man sich nur einen Panini-Ink Titel besorgen, dann wäre es wohl dieser Comic. Mit knapp 200 Seiten geballter Zeichenkunst, einer Geschichte, die so menschlich und rührend erzählt wird und Charakteren, die gleichzeitig nicht nur Abziehbilder ihrer Selbst sind, gehört dieses Werk zu einen der besten Ink Werken der letzten Jahre. Die angesprochenen Themen sind komplex und zeitgemäß. Es ist die spannende und ansprechende Aufbereitung der Geschichte einer Idealistin, die sich von falschen Wahrheiten zu kriminellen Machenschaften radikalisieren lässt. Eine uneingeschränkte Empfehlung für jeden Fan von Harley Quinn und auch jeden Menschen, der von guten Geschichten überzeugt werden kann.
Pro
stimmungsvolle Zeichnungen
multiperspektivische Erzählung
Genese der Radikalisierung
Kontra
eine etwas zu einfältige und gutgläubige Harleen Quinzel
9
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