KILL or be KILLED – Band Eins

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Copyright: Splitter-Verlag

„Denn die Welt ist scheiße heutzutage, und wir alle wissen es. Guckt nur fünf Minuten Nachrichten, dann wisst ihr Bescheid. Große Konzerne kontrollieren die Regierung…Fast jeden Tag ein neuer Amoklauf…Terroristen schlagen in Flughäfen und Bahnhöfen zu…Polizisten töten unschuldige schwarze Kinder und kommen davon…Psychopathen werden Präsident–„

Ed Brubaker, Splitter-Verlag: „KILL or be KILLED 1“

Mit dieser starken und zynischen Eröffnung beginnt die in vier Bänden abgeschlossene Reihe „KILL or be KILLED“. Es ist die sechste Kooperation des Künstlerteams bestehend aus dem siebenfach Eisner-Award prämierten Autoren Ed Brubaker und dem vierfach prämierten Zeichner Sean Phillips. Zusammen haben sie das Crime-Genre der Comicwelt wiederbelebt und auf einen zeitgemäßes thematisches Niveau erhoben. Ihre bisher mehrheitlich in der Vergangenheit spielenden größten Erfolgswerke sind: „The Fade Out“, „Pulp“, „Criminal“ und „Reckless“. Dieser nun zu besprechende Comic ist in der Gegenwart lokalisiert. Die Geschichte erschien Ende 2017 erstmalig auf deutsch beim Splitter-Verlag. Wie gewohnt in hochwertigem Hardcovereinband und bester Druckqualität.

Ein Leben für ein Leben

Die gesamte Zeit seines 28 jährigen Lebens war Dylan jemand der ausgewichen ist, anstatt den Konflikt zu suchen. Er nahm hin, dass seine afroamerikanische Freundin von Arschlöchern im Bus angemacht wurde und er nahm hin, dass seine beste Freundin und heimliche Liebe mit seinem Mitbewohner zusammenkommt. All das, wie auch einige im Verlauf aufgedeckte lange vergangene prägende Momente, führten zu dieser einen schicksalshaften Nacht. Er springt vom Dach eines sechsstöckigen Hauses und nichts passiert. Der Schein trügt jedoch, denn in der Nacht erscheint ihm ein Dämon, der ihm seine neue Lebensrealität diktiert. Dylan dürfe sein Leben behalten, wenn dieser dem Dämonen Monat für Monat das Leben eines anderen Menschen dafür im Tausch gebe. Der Endzwanziger glaubt sich diese Begegnung eingebildet zu haben und bleibt vorerst tatenlos. Bis zu dem Punkt, an dem er schwerst krank wird.

Nun beginnt ein Doppelleben der anderen Art. Bei Tag Student und zurückhaltender Mensch, bei Nacht Mörder. Hinzu kommt ein emotionales Durcheinander mit seiner besten Freundin, die ihm immer wieder Avancen macht. Auf der Suche nach möglichen Opfern stellt sich Dylan schnell die Frage, welches Recht er hat in gute und schlechte Menschen einzuteilen, geschweige den vermeintlich bösen das Leben zu nehmen. So befasst er sich zügig mit moralische Fragen, sucht nach Gründen der Rechtfertigung und vor allem sucht er passende böse Menschen. Wie findet man jene Personen, bevor sie von der Polizei dafür verhaftet werden? Wie bleibt man dabei unerkannt? Und wie kann man so einen Lifestyle mit dem privaten Chaos vereinbaren?

Der Stil

Die Zeichnungen des Sean Phillips sind eine Fusion der frühen 90er Jahre und moderner digitaler Ästhetik. Das Spiel mit Farbgradienten, um Dimension zu kreieren zeigt sich mal kleinstteilig, mal grob. Dabei gelingt es dem Künstler eine realistisch anmutende Welt zu schaffen, die durch ein wenig Mystik erweitert wurde. In großen Posen voller Kraft erleben wir den Protagonisten in den ersten Szenen. Kontrastierend dazu zeigt Phillips Dylan, als gebeugt laufenden Mann mit hängenden Augen. Gerade die Gesichter der Figuren tragen ausdrucksstarke Emotionen und sorgen neben der spannenden Inszenierung und Kolorierung erheblich für die gesamte Atmosphäre. Die Art und Weise die Gesichter zu beleben, mit teilweise zwei bis dreifarbiger Abtönung der selben Farbe ergibt sich ein homogenes Bild.

In seiner Panelstruktur, dem ganzen Feeling erinnert dieser erste Band seltsam häufig an „Deadly Class“, welches zwei Jahre zuvor in den USA startete. Im Speziellen ist damit gemeint, wie Monologe auf weißem Hintergrund neben dem Panel stehen. In etwa so, als würde eine Off-Sprecherstimme die Szene kommentieren. Dabei ist es nur Dylan, der uns als Leser mit an die Hand nimmt. Eine gewöhnliche Panelaufteilung findet sich hierin auch nur selten. Häufig wirken die sequenziellen Ausschnitte wie auf eine ganzseitige Szene aufgelegt. Mit dickem weißen Rand umrahmt, bilden die Panels des Öfteren einen Übergang zwischen den Aktionen auf der oberen zur unteren Hälfte einer Seite. Nicht selten flankieren sie die Figur auf einer Splashpage, worin sich dann Close-Ups und fortgeführte Monologe finden lassen.

KILL or be KILLED – Band Eins
Brachial genialer Einstieg
Die allgemein aufgebaute Stimmung dieses Einstiegs in „KILL or be KILLED“ macht extrem Lust auf mehr. Es ist total mitreißend inszeniert und die Zeichnungen und Farben ergeben ein glaubhaftes Szenario. Das aufgebaute moralisch-ethische Dilemma, in dem sich der Protagonist befindet, trifft auf fruchtbaren Boden und saugt einen förmlich ein. So seltsam der Aspekt des Dämons auch sein mag, umso stimmiger und authentischer sind die Figuren erzählt. Zum Glück sind es nur vier Bände dieser Reihe, die ganz dringend bis zum Ende durchgelesen werden will.
Pro
Klasse Zeichnungen
Großartige Farben
Moralisches Dilemma
Kontra
Der Dämon wirkt anfangs sehr deplatziert
9

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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