Marsupilami – Die Bestie Band 1 durchgelesen

Kennst du das Marsupilami? Dieses gelbe, langschwänzige affenähnliche Wesen mit den dunklen Punkten auf dem Körper, das bereits in den 1990ern eine eigene Kinderserie bekam? Genau darüber soll es hier heute gehen. Jedoch nicht etwa über alte Serien des frühabendlichen Kinderprogramms auf SuperRTL.

Der Carlsen Verlag hat mit dieser Adaption des Sujets „Marsupilami“ einen wahren Erfolgsgriff gemacht. Die französischen Künstler Zidrou und Frank Pé haben es geschafft das Fabelwesen aus der meist kindlichen Perspektive in ein düsteres Szenario für den erwachsenen Leser zu transformieren. Der erste Teil erschien im Juni 2021 hier in Deutschland und ist mit seinem quadratischen Hardcoverformat auch im Regal eine echte Besonderheit.

Diese Geschichte spielt in den fünfziger Jahren in Belgien. Ziemlich genau zu der Zeit als das Marsupilami zum ersten Mal das Licht der Welt in einer Ausgabe von „Spirou und Fantasio“ erblickte.

Die Handlung

Ein Containerschiff landet im Hafen von Antwerpen und hat tierische Fracht für den Zoo dabei. Kaum ein Tier hat die lange Überfahrt leider überlebt. Nicht nur schlechte Versorgung war daran Schuld, nein auch ein besonderes Tier. Mit seinem langen gepunkteten Schwanz hat er fast jedes andere kleinere Tier erledigt. Nur die großen Raubtiere blieben übrig. Das Wesen hat noch keinen Namen, denn niemand weiß, worum es sich dabei handeln möge. Doch bevor es zu Spezialisten gebracht werden kann gelingt die Flucht.

Die Handlung springt in das Leben des kleinen Francois, der eigentlich Franz heißt. Da aber sein Vater einstiger Soldat der nationalsozialistischen Armee und verhasster Besatzer in Belgien war, nennt er sich lieber Francois. Er ist trotzdem das Mobbing-Opfer seiner Klassenkameraden und gerät häufig in Konflikte. Sein aufmerksamer und unkonventioneller Lehrer hat eine schützende Hand über den auch körperlich kleinen Francois gelegt. Francois alleinerziehende Mutter wird sich mit diesem Lehrer anfreunden.

Copyright: Carlsen Verlag

Bis dahin jedoch lernen wir die Familie kennen und warum das Marsupilami überhaupt bei den zweien landet. Der kleine Francois findet nahezu jedes mal, wenn er sich vor seinen Peinigern versteckt hält, ein verwundetes oder krankes Tier, das er mit nach Hause bringt, um es dort zu zu pflegen und behalten. So lebt er mit seiner Mutter in einem Zoo der eigenartigsten Tiere. Sie teilen sich ihr Haus und Garten mit einem Truthahn, der allmorgendlich anfängt zu „krähen“, ein Pferd, das ein Alkoholproblem hat, ewig verliebte Biberratten die in der Badewanne wohnen, ein kleines Wildschwein, ein dreibeiniger Hund und noch viel Weitere, um nur einige Tiere zu nennen.

Eines Tages bringt Francois das Marsupilami mit nach Hause. Abgesehen davon, dass sich niemand erklären kann worum es sich hier handelt entstehen erstmal keine Probleme. Bis zu dem Tag, als Francois ihn der Schule präsentieren möchte. Von dort an beginnt die Handlung so richtig Schwung aufzunehmen. Die Künstler bauen den Konflikt und die bisher angesprochenen Themen der Ausgrenzung und der Probleme mit Identität weiter aus und an dem Punkt an dem es spannend wird, ist das Buch leider schon zu Ende.

Der Stil

Die Zeichnungen haben einen grandiosen Stil. Die ständig regnerische Atmosphäre des Dorfs, die vielen liebevollen Details in den Hintergründen, die Mimiken der Figuren und natürlich das Design des Marsupilami sind absolut sehenswürdig. Man braucht, nur weil es ein francobelgischer Comic ist, keine Angst davor haben einen Stil präsentiert zu bekommen, wie man ihn aus „Asterix&Obelix“ oder „Spirou und Fantasio“ kennt. Wer bunte und einfache Farbflächen wie von anderen francobelgischen Künstlern erwartet, wird hier eines Besseren belehrt. Das gesamte Farbkonzept sieht aus, als hätte man sich auf eine Farbpalette aus gelben, roten, orangen und braunen Tönen fokussiert. Natürlich finden sich auch andere Farben darin, aber es wirkt allgemein etwas entsättigter, matter und daher trister. Dies kommt der Stimmung des Comics nur zu Gute. Die gesamte illustratorische Umsetzung wirkt wie sehr hochwertig handgemalte Aquarelltuschebilder.

Auch das Format, des von Carlsen Comics verlegten ersten Bandes, ist super. Das Hardcover wertet das Ganze natürlich bereits extrem auf, hinzukommt, dass die Seiten angenehm kräftig sind.

Fazit

Wenn es mal eine Geschichte über Ausgrenzung wegen seiner Andersartigkeit sein darf, die mit atmosphärischen Zeichnungen und einer liebevoll gestalteten Erzählung unterstützt wird, sollte man zu diesem ersten Band greifen. Die darin bereits angedeuteten Themen der Besatzungsvergangenheit, die Schwierigkeiten als „Aussätzige“ einer Gemeinschaft wieder Anschluss zu finden und die sich aufbauende Jagd um das Marsupilami bieten großes Potential für den nächsten Band.
Marsupilami mal anders, nicht sehr albern, nicht quitschig bunt, dafür aber mit viel Gefühl und einen Blick auf die Abgründe von Kindern und erwachsenen Menschen. Eine definitive Leseempfehlung!

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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