Monstress 6 – Der Schwur

9. März 2022
4 Minuten gelesen

Treffen sich eine dreischwänzige Katze, eine von einem Urzeitgott besessene junge Frau und eine Hexe in einer Taverne. So ähnlich könnte man einen Witz beginnen, der die Welt dieser selten zum Lachen anregenden Reihe „Monstress“ schnell beschreiben würde.

Diese geht nun schon in die sechste Runde und es ist schier unglaublich, was die Autorin Marjorie Liu und die Künstlerin Sana Takeda geschaffen haben.

Das bildgewaltige und inhaltlich dicht erzählte Epos erscheint beim Cross Cult Verlag in klappenbroschierten Softcoverbänden. Allein das Preis-Leistungs-Verhältnis ist sagenhaft gut und legt die Hürde des Erstkaufs sehr niedrig.

Was bisher geschah

In „Monstress“ erleben wir eine matriarchalisch geordnete Welt, in der Kriege, politische Machtinteressen, doppelbödige Allianzen und ein alles durchdringender Rassismus das Leben prägen. Denn diese Welt teilt sich in drei humanoide Arten auf: die Menschen, die Arkanen (von den Menschen Dämonen genannt) und die Katzen.
Die Menschen versuchen, seit der blitzartigen Zerstörung der Stadt Constantine, Wege und Mittel zu finden, sich gegen arkane Macht zu verteidigen. Dafür „ernten“ sie die Körper der magisch begabten Wesen und stellen daraus Lilium her, ein Stoff, der giftig ist für die Arkanen und den Menschen dabei hilft, apokalyptische Waffen zu fabrizieren.
Die Arkanen hingegen, in ihren Formen und Arten (Fischwesen bis Wolfsmensch) extrem divers, sehnen sich nach einer Zeit des Friedens und einem Ende der Verfolgung.
Die Katzen stehen als Mittler und Beobachter über allem. Sie sind die Gelehrten dieses Kosmos und bilden einen Orden des Ubasti zur Wahrung der Weltordnung und Geschichtsschreibung.

Maika Halbwolf, die Protagonistin und Tochter sehr mächtiger und einflussreicher Eltern, kämpft seit ihrer Kindheit ums Überleben. Ihr Schicksal ist es, einen der alten Götter in ihrem Körper zu beherbergen, dessen Macht sie über den Verlauf der Geschichte zu verstehen lernt. Ihre treue Begleiterin ist das Fuchsmädchen Kippa, dessen furchtlose und liebevolle Art und Weise mit der verrohten Maika umzugehen ihnen schon so manches Mal das Leben rettete. Ihre Rolle ist außergewöhnlich, denn sie scheint eine der wichtigsten Figuren in diesem Kosmos zu werden, obwohl sie so klein und naiv ist. Gemeinsam begeben sich die zwei Heldinnen in Schlachten, kämpfen Wortgefechte mit intriganten Kaiserinnen, Hexen, Generälen und Anhängern des Ordens der Cumea. Die Cumea sind eine ultrareligiöse Gemeinde, die sich der Ernte der Arkanen und der Macht der Alten verschrieben hat.

Es herrscht große Konkurrenz zwischen den adligen und arkanen Höfen und der Föderation der Menschen. So kommt es in „Monstress“ zügig zu den ersten großen Schlachten und zu massiver Zerstörung.

Was nun geschieht

In diesem sechsten Band dieser an Steampunk erinnernden Reihe eröffnen sich neue Aspekte der Vergangenheit. Kurz vorher wurde in Ravenna, einer von Arkanen besiedelten Stadt, ein Angriff durch die Föderation abgewandt. Die Schäden sind gravierend und viele Verletzte und Tote gibt es auf beiden Seiten zu beklagen. Sogar die Baronin des Hofes der Abenddämmerung Tuya und ihre Frau und die Tante Maikas treffen in Ravenna ein. Es folgt eine Konfrontation mit der Vergangenheit, Schuld und Vergebung.

Mindestens genauso erhellend sind die Episoden, in denen sich Kippa und Maika ihre eigene Geschichte und Motivation näherbringen. Die zwei entwickeln über den Verlauf der Reihe eine fantastische Beziehung zueinander, die sich nun zum ersten Mal darin äußert, dass sie sich über ihre innerlich aufgestaute Trauer und Wut austauschen.

Weiterhin werden weitere Details preisgegeben, die den Ursprung der Symbiose zwischen dem alten Gott Zinn und Maika erläutern. In immer wieder auftauchenden inneren Dialogen, die Zinn und Maika in einem astralen inneren Raum führen, wird vieles deutlich. Ihnen gelingt es, ihre gemeinsame Existenz zu akzeptieren, anstatt sich gegenseitig bekämpfen zu wollen. Man muss wissen, dass Maika bereits ihren Arm – Schulter abwärts – an Zinn verlor, als dieser seine Macht nutzte. Eines steht fest: Alle großen Mächte dieser Welt fürchten das, was Maika beherbergt, und wollen sie bestenfalls tot sehen.

Der Stil

Es ist wirklich beeindruckend, was Sana Takeda in „Monstress“ aufs Papier gebracht hat. Die minutiös detaillierten Designs der technischen Apparaturen, die liebevoll gestalteten Hintergründe, die niedlichen Kätzchen und Gesichtsausdrücke Kippas zeigen, wie vielfältig ihre Kunst ist. Die von Takeda gewählten Panelstrukturen sind häufig konventionell und geordnet. Einige Seiten, vor allem Kampfszenen, weisen „wildere“ Strukturen auf und erzeugen dadurch die nötige Dramatik.

Die Zeichnungen und Entwürfe sind durchgehend auf sehr hohem Niveau. In dieser Ausgabe findet man aber manches Panel, in dem die Gesichter übereilt oder unsauber gezeichnet scheinen. In einigen Szenen werden Maikas einprägsame Gesichtszüge minimal anders dargestellt.

Als prägend für den Stil kann man festhalten, dass Takeda sehr kräftige Outlines zeigt. Teilweise sogar so stark, dass sich fast ein invertierter Glow-Effekt, also ein Schatten-Effekt, um die Figur legt. Dieser Effekt kommt der allgemein bedrohlichen und bedrückenden Stimmung dieser Welt nur zugute. Trotz der gezeigten süßen Figuren, die in hellen und farbenfrohen Settings agieren, ist die gesamte Welt in „Monstress“ dunkel und bedrückend. Dies wird sicherlich auch viel durch die Kolorierung hervorgehoben. Allesamt gedeckte Farben, viel Braun, Schwarz, Grün und Gold erzeugen diese Atmosphäre eines ausgehenden fiktiven 19. Jahrhunderts. Nur die mächtigen Wesen werden farblich anders inszeniert, mit knalligen Magenta- oder Blautönen. Die Wirkung der Bilder hat allerdings etwas ganz Spezielles.

Als stilistische Brechung sind an viele Kapitel spezielle Doppelseiten angehängt worden. Auf diesen erklärt der Professor Tam Tam (eine vierschwänzige Katze) den Katzenjungen, wie die Welt aufgebaut ist, wie sie organisiert wird und welche kulturellen Ursprünge sie vorzuweisen hat. Diese doppelseitigen Panels sind immer hell und freundlich. Sie erfrischen visuell erheblich, obwohl auch dort nicht gerade wenig Informationen und World-Building geschehen. Denn eines kann man gewiss festhalten: Diese von Liu und Takeda geschaffene Welt ist unfassbar komplex und dicht dargestellt. Sei es die Visualisierung, die in den Gegenständen und Szenerien eine lange Geschichte erahnen lässt, oder die extrem umfangreichen Diskussionen und Expositionsmonologe, die der Welt eine Ebene nach der anderen hinzufügen. Es ist visuell wie auch erzählerisch kein Comic für zwischendurch!

Fazit
Die Reihe „Monstress“ ist manchmal etwas sperrig, da der Veröffentlichungsabstand teilweise so groß ist, dass man sich durch wiederholtes Lesen der vorangegangenen Comics erst wieder in die politisch komplexe Welt einfinden muss. Ein redaktioneller „Was bisher geschah“-Text wäre da sehr hilfreich. Abgesehen davon muss man aber sagen, dass dieser feministische Ansatz, eine Geschichte zu erzählen, die dieses spezielle Setting aufweisen kann, absolut überzeugt und in den Bann zieht. Es kann passieren, dass die vielen politischen Wendungen und höfischen Allianzen zu Verwirrung führen, jedoch schafft es dieser sechste Band, die Figuren wieder zu erden. Maika und Kippa sind so nahbar und umwerfend wie nie. Wer also noch nicht angefangen hat mit dieser Reihe, sollte dies dringend tun. Der Cliffhanger dieser sechsten Ausgabe ist emotional brutal und frustrierend zugleich. Die nächste Ausgabe kann daher gar nicht schnell genug erscheinen.
Pro
Komplizierter Weltaufbau, komplexe Charaktere, atemberaubende und detaillierte Kunstwerke, feministischer Erzählansatz.
Kontra
Der sporadische Veröffentlichungsplan erfordert möglicherweise ein erneutes Lesen, die komplexe politische Handlung kann für einige Leser verwirrend sein.
9.8

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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