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Moon Knight – ägyptische Gottheiten und traumatische Erlebnisse

Mit der Ankündigung, der bei Disney+ zu erscheinenden Mini-Serie „Moon Knight“, startete eine große Vorfreude in mir. Diese Figur ist jedoch für viele MCU Fans keineswegs bekannt oder relevant. Allerdings gibt es thematisch und visuell einige sehr interessante Comics zu diesem Helden. Allen voran ist die Reihe von Jeff Lemire zu nennen. Lemire hat sich mit seinen schreiberischen Tätigkeiten schon einiges an Anerkennung in der Comic-Gemeinschaft erarbeitet. Viele seiner kreierten Werke haben außerdem Adaptionen in Film und Serie erfahren. Diese Serie hat sich auch einige Inspiration aus eben seiner Moon Knight Reihe genommen und cineastisch umgesetzt.

Das Ensemble der Serie ist überschaubar: Oscar Isaac als Moon Knight, Ethan Hawke als Antagonist Arthur Harrow, May Calamawy als Partnerin Moon Knights namens Layla El-Faouly und F. Murray Abraham als die Stimme Konshus. Einen Großteil der Folgen hat Mohamed Diab, der selber hauptsächlich in der arabischsprachigen Filmwelt arbeitet, Regie geführt. Lediglich zwei der sechs Episoden haben das Regisseur-Duo Justin Benson und Aaron Moorhead übernommen, die bereits eine Episode in der Serie „Loki“ abdrehten. Die Drehorte lagen teilweise in Ungarn, Slovenien, England und natürlich viel in Studios in den USA.

Der erste Eindruck setzt den Ton

Mit einem Cold-Opener (Start in die Serie/Film vor den Opening Credits) beginnt die Serie. Sie setzt sofort eine für Marvel-Serien andersartige Tonalität. Man beobachtet einen Mann dabei wie er ritualisiert ein Glas zertrümmert und sich die Scherben in seine Schuhe schüttet. Mit seinem Gehstock, der von einem doppelköpfigen Krokodil gekrönt wird, schreitet er in eine Tempelhalle, die nur von Fackeln beleuchtet ist. Was für ein metaphorischer und das Setting etablierender Start!

Nach der Eröffnung springen wir sofort in die Perspektive des Steven Grant. Er ist ein von Schlafproblemen geplagten Angestellter eines Souvernirgeschäfts im Museums für altägyptische Kunst. Er scheint ein waschechter Ägypten-Nerd zu sein, hat einen kräftigen Londoner Cockney-Akzent und ist im Umgang mit anderen Menschen eher unbeholfen. Seine allabendliche Routine sich vor dem Schlafwandeln zu hindern, wie auch das Zusammenleben mit seinem Goldfisch, erleben wir in einer Montagesequenz. Alles scheint soweit in sicheren Bahnen zu laufen in London.

Traum oder Realität?

Doch plötzlich findet sich Steven mit ausgerenktem Kiefer mitten in einer alpenländischen Berglandschaft wieder. Er weiß nicht wo er sich befindet, geschweige wie er dort hingekommen ist. Außerdem spricht eine mysteriöse Stimme mit ihm, die enttäuscht darüber klingt, dass der „Parasit“ wieder den Körper lenkt. Es bleibt auch nicht viel Zeit, sich über diese Neuerungen bewusst zu werden, denn sofort wird das Feuer auf ihn eröffnet und er stürmt davon.

Im Tal liegenden Dorf angekommen, trifft er auf den im Cold-Opener gezeigten Glassandalenträger, Arthur Harrow. Er ist der Anführer eines Kults, der mit Hilfe einer ägyptischen Göttin über Leben und Tod der Menschheit richten möchte. Sogar zukünftige Unreinheiten der Seele, beziehungsweise des Herzens, werden mit dem vorzeitigen Ableben bestraft. In diesem sich zuspitzenden Teil der ersten Episode erleben wir als Zuschauer erstmalig die noch verborgenen Fähigkeiten des Steven Grant. Beziehungsweise erleben wir sie nicht, denn immer noch folgen wir Steven Grant. Nach einem harten Schnitt steht er urplötzlich inmitten von bewusstlosen Menschen. Steven weiß nicht, ob er dafür verantwortlich ist und wie das alles passieren konnte. Es entwickelt sich eine rasante Verfolgungsjagd mit immer wieder eintretenden Lücken des Beobachteten. Stilistisch und schauspielerisch ist diese Szene sehr interessant gelöst. Weniger schön gelöst sind in diesen Szenen einige CGI Einsätze, die eher schlecht als recht überzeugen.

Der Kult verfolgt ihn, da er im Besitz eines Skarabäus ist, der wie ein Kompass fungiert und zum Grab der in Stein gebannten Göttin Ammit. Sie wird mit hauptsächlich mit einem Krokodilskopf dargestellt und herrscht über das Jenseits. Mit ihrer Kraft will Arthur Harrow die Welt von verdorbenen Menschen befreien.

Ein System der Pluralität

Diese kurze Zusammenfassung der ersten Hälfte der ersten Folge macht schon grob klar in welche Richtung sich diese Serie bewegen wird. Jedoch sollte man sich nicht von der scheinbar mythisch verklärten und doch recht schemenhaften Handlung einlullen lassen. Es folgen sehr interessante und anregende Wendungen ab der zweiten Hälfte dieser Show. Dabei wird sich vor allem an Lemires Comic-Run bedient, der es schaffte das maximal Machbare aus dem Wächter der Nacht heraus zu kitzeln.

Äußerst spannend an dieser Serie, speziell dieser Figur und seiner Entstehungszeit, ist zum einen das Schauspiel Oscar Isaacs. Er verkörpert die Facetten seiner Rollen Steven Grant und Marc Spector sagenhaft überzeugend. Mit vermeintlichen Kleinigkeiten wie Mimik und Körperhaltung gelingt es ihm jeden Aspekt seiner Figur und Rolle auszufüllen. Der Zuschauer erhält sofort eine umfassende Charakterisierung in den Kopf zu pflanzen. Das Zusammenspiel aus Make-Up, Styling und Kameraarbeit weiß die Wirkung seines Schauspiels zu verstärken.

Zum anderen befasst sich diese Serie wie keine andere mit dem radikalsten Coping-Mechanismus für schwerste erlebte Traumata: die dissoziative Persönlichkeitsstörung. Im weiteren Verlauf dieser Serie, im Besonderen ab Episode vier, nimmt dieser Aspekt viel Raum ein. Die Darstellung dessen ist aus psychologisch fachlicher Sicht vielleicht nicht korrekt, jedoch kreativ und für den Spannungsaufbau sehr kreativ gelöst.

Auf einer interpretatorischen Ebene gibt die Show „Moon Knight“ auch überraschend viel her. Der Cold-Opener lässt schon einige Schlüsse zu Kernthemen und Motiven des Films zu. Die Entbehrung, die Aufopferung, der Kampf gegen den Schmerz, der Sieg des eigenen Willens über den Körper, der Sieg über den Körper ganz allgemein, sind einige verwendete Aspekte dieses Intros. Alle genannten Themen werden indirekt oder ganz offen thematisiert und vom Protagonisten „bearbeitet“. Die Charakterentwicklung der Figur Steven Grant alias Moon Knight alias Marc Spector alias Mr. Knight ist überraschend groß. Eine solche Odyssee der Psyche und der Traumabewältigung konnte der geneigte Marvel-Fan bisher in noch keinem Werk betrachten.

Optisch fordernd

Sind viele der CGI Sequenzen zumeist von sehr hoher Qualität, so geschieht es allerdings einige Male, dass die Kostüme oder Kämpfe leider etwas „billig“ aussehen. Dass dieser Eindruck keiner ist, der sich ausschließlich auf MCU-Serien begrenzen lässt, kann man derzeit auch im Kino in Doctor Strange 2 sehen. Die Sehgewohnheiten sind so extrem perfektionistisch geworden, dass schwammige, schlecht beleuchtete oder einfach künstlich aussehende Animationen sofort als „grauenhaftes CGI“ abgetan werden. Auch davon findet man einiges in dieser Serie. Nicht ganz stimmige Reflexionen des Lichts auf Moon Knights Kostüm, der Crash in Folge Eins, die teils mäßig überzeugenden Greenscreen-Hintergründe sind nur ein paar Beispiele für die durchwachsenen Animationen.

Nichts desto trotz kann „Moon Knight“ optisch extrem überzeugen. Die gezeigten Sets, die Kostüme, das Spiel mit Licht und Schatten und der daraus entstehende Horror oder „Thrill“ sind absolut überzeugend. Es macht Spaß sich in diese düstere Welt, die sich irgendwo zwischen „Indiana Jones“ und „Shutter Island“ bewegt, hineinzuwerfen. Zumal diese Serie etwas thematisiert, das in dieser Form noch nicht im MCU-Kontext bearbeitet wurde, das Thema psychische Krankheiten, ihre Ursprünge und Bearbeitung.

Einbettung ins Marvel-Universum und Easter-Eggs

Eines ist wirklich sehr verwunderlich. Keine Szene nimmt wirklich direkten Bezug auf das bereits bestehende MCU. Keine Nennung von Thanos und dem Blip (Auslöschung der Hälfte allen Lebens im Universum) oder anderen Helden der Stadt. Die Serie scheint entweder auf einer anderen Erde zu spielen, einer die vielleicht in der Zukunft durch das aufkommende Multiversums-Thema, zur Erde-616 hinzugefügt werden könnte.

Auch möglich ist, dass die Psyche des Protagonisten all diese Aspekte schlichtweg ausblendet und es daher noch keine Relevanz für die Figur besitzt. Bisher war die Serie auf eine Staffel begrenzt, was auf eine reine Origin-Story schließen ließe. Dies bietet die Möglichkeit die Figur dann in weiteren Filmen anderer Helden aufzugreifen oder gar einen eigenen Film zu erhalten. Auch ist es möglich, dass die Serie überraschend fortgesetzt wird. Der Cliff-Hanger am Ende bietet dafür große Möglichkeiten.

Sicherlich das innovativste und witzigste „Feature“ dieser Serie sind die darin versteckten QR-Codes. Scant man diese ab, wird man auf die Marvel-Unlimited Seite weitergeleitet, wo man kostenlose Hefte der Origin von „Moon Knight“ lesen kann. Ein sehr spannender Zusatz, den sich die Macher dort überlegten. Im Grunde ist es allerdings mehr als Werbung für Marvels eigene On-Demand Comic-Plattform zu verstehen.

Moon Knight – ägyptische Gottheiten und traumatische Erlebnisse
Anders spannend, aber mit Schwächen
Die sechs Episoden gucken sich in Windeseile weg. Zwar hat die Serie zur Mitte einen kleinen Hänger, der jedoch mit der ideal vorbereiteten Wendung wieder kompensiert wird. „Moon Knight“ macht Spaß und fühlt sich dabei recht wenig an wie eine Superhelden-Serie. Dem Regisseur und dem überragenden Oscar Isaac ist es gelungen eine anspruchsvollere und fordernde Mini-Serie zu kreieren. Mit viel Spannung, mythischen Anspielungen und gelungenen Kampfszenen nimmt einen Steven Grant alias Moon Knight alias Marc Spector auf eine ganz andere Art von Reise mit. Diese Serie setzt neue Möglichkeiten bezüglich Tonalität und Thematiken, wie es bisher keine MCU-Serie geschafft hat. Wie groß die Auswirkungen dann schlussendlich auf das restliche MCU sein werden, bleibt jedoch noch abzuwarten.
Pro
Oscar Isaacs Schauspiel ist großartig
gut choreographierte Kampfszenen
Mystik und Tonalität sind spannend dunkel
Kontra
teilweise das mäßige CGI
flacher Antagonist
7
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Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

2 Comments

  1. Ich habe kein Problem damit, wenn etwas sehr, sehr, sehr abgrundig ist. Solange es sich frisch anfuhlt und etwas Neues zu sagen hat. Bei Moon Knight war mir eine gewisse Leichtigkeit wichtig, weil einfach nur duster zu sein in sich ein Klischee ist. Und was ein Superheld:innen-Film nie sein sollte, ist ein Klischee. Oder eine Wiederholung von etwas, was wir schon gesehen haben. Das ist langweilig. Die Frage war also: Wie nehmen wir ein schwieriges Thema auch emotional sehr ernst und finden trotzdem einen Weg, es nicht pratentios zu machen?

  2. Das ist ein guter Punkt, den du ansprichst! Prätentiös empfand ich es nicht, vielleicht ein wenig inkonsequent behandelt. Es wird ja von Anfang an die Figur Steven als leidtragender Protagonist eingeführt, doch schien die Fallhöhe dann doch nicht so groß. Und natürlich sind die gezeigten Szenen, die als Gründe für die Dissoziation gezeigt werden, nichts für schwache Nerven. Da hat es zwar gewisse Klischee-Momente, die sich für mich dann aber zwischen all dem Indiana Jones Flair verloren haben. Allerdings war diese Tonalität so anders für Disneys MCU, dass es mal als positive Überraschung (wenn auch absolut schreckliche Ereignisse zeigend) wahrgenommen werden kann. Quasi eine Zäsur in der thematischen Aufstellung. Bisher waren es nun mal hauptsächlich: Ehre, Akzeptanz, innere Konflikte mit Alter Ego und nicht Helden-Welt oder das Erlangen der Kontrolle über die Kräfte. Die Comics sind für jetzt Fans der Figur wesentlich interessanter!

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