
„Mort Cinder“ ist eines der klassischen Werke der grafischen Literatur. Verfasst von Héctor G. Oesterheld, einem argentinischen Comic-Szenarist, Journalist und Autor, Alberto Breccia, einem ebenfalls in Argentinien berühmt gewordenen Zeichner, ist diese Graphic Novel eine Besonderheit für ihre und unsere Zeit. Die grafische Umsetzung durch Breccia sucht seinesgleichen. Für diese Neuauflage hat das Team des Berliner Avant Verlags die Originalseiten in höchster Qualität erneut digitalisiert und sie im Originalformat abgedruckt. Dieses Format führt dazu, dass ein erheblicher Teil dieser Graphic Novel im Querformat zu lesen ist.
Mort Cinder – Wer ist das?

Die Geschichte beginnt mit Ezra Winston, einem in die Jahre gekommenen Antiquar aus einem London des 20. Jahrhunderts. Gelangweilt von der Existenz und geplagt vom Alleinsein, vertieft sich der alte Herr in die Lösung der Rätsel der Vergangenheit. Er stößt dabei auf Relikte, die ihm nicht nur lebhafte, psychedelisch wirkende Träume verpassen, sondern auch den Drang erzeugen zu einem Friedhof außerhalb der Stadt zu fahren. Während dieser Fahrt fühlt er sich bereits wie fremdgesteuert und kann sich den Fängen seines Schicksals nicht mehr verwehren. Schließlich wird er von einer Gruppe von Männern, es ist nicht ganz klar, ob diese tatsächliche Realität oder nur Einbildung sind, auf seinem Weg verfolgt.
Am Friedhof angekommen, wird er Zeuge eines übernatürlichen Phänomens. Ein für Tod geglaubter Mann mit dem Namen Mort Cinder erhebt sich wieder. Der Name „Mort Cinder“ allein lässt auf eine Reihe von Symbolen schließen, da dies übersetzt ungefähr so viel wie „tote Asche“ bedeutet. So geht Mort Cinder mit seiner Existenz eher leichtfertig um, da er im Verlauf dieser mehrere Episoden überspannende Geschichte mehr als einmal von der Asche zur Asche geht und wird. Eine unfreiwillige Komik entsteht an eben dieser Stelle. Der routiniert wirkende, abgeklärte Mort Cinder, dessen Existenz und die Wiederauferstehung so sicher wie ein Amen in einer Kirche scheint, steht im harten Kontrast zum leicht zu erregenden Ezra Winston, dessen beste Tage lange hinter ihm liegen.
Ein Ritt durch die Geschichte

Nach einer mehrere Kapitel dauernden Exposition, die sich an einem machtgierigen Wissenschaftler als Antagonisten abarbeitet, erfährt diese Graphic Novel eine Wendung. Fortan ist es dem Team Cinder-Winston möglich per Antiquität mit historischer Relevanz und Aktualität in eben jene Zeiten zu Reisen. Diese unerklärte Tatsache, nimmt dem mystischen Thriller etwas der nebulösen und mysteriösen Atmosphäre, da es schnell wie reine Fantasy wirkt. Zwar wird weiterhin nichts wirklich erklärt, was Ezra fortan erleben soll, doch wirkt es schlichtweg weniger glaubhaft und so ernst wie in der besagten Exposition. Der Witz ist nun, dass sie gemeinsam durch die menschliche Historie reisen können und sich dort Eindrücke und Herausforderungen der Zeit stellen müssen.
Keine dieser Geschichte wirkt dennoch nachhaltig auf Ezra Winston ein, sodass dieser eine ernsthafte Entwicklung erfährt. Es folgt mehr dem Prinzip des Spektakels, ähnlich einer Fahrt in einer gut designten Geisterbahn in einem Spaßpark. Das muss man mit aller Ehrfurcht anerkennen. Die schwarzweiß gehaltenen Zeichnungen des Alberto Breccia sind fabelhaft. Das Spiel mit Perspektive, Licht und Dunkel erfährt in dieser Stilistik immensen Raum und kreiert eine fantastische und anhaltende Spannung. Durch die Auslassung von Farbe sind die scheinbar einfach zu erfassenden Bilder so reduziert und doch gleichzeitig so reich an Details und Tiefe.
Allein der Visualität wegen ist „Mort Cinder“ ein Blick Wert und sollte für seine avantgardistische Art zu zeichnen erheblich mehr Ansehen erhalten in der Riege der Comic- und Graphic Novel-Zeichner.




