One Room Angel

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30 Jahre Lebenszeit wirkten als Kind immer wie zwei ganze Ewigkeiten entfernt. Mit 30 ist man schließlich schon erfolgreich, verheiratet, Elternteil und vor allem eines: alt. Im Laufe der verstreichenden Jahrzehnte verändert sich die Beziehung zur Zeit. Nicht immer jedoch wandeln sich die Glaubenssätze, Ansprüche und sozialen Anforderungen an Jemanden oder gar sich selbst. Was ist denn, wenn man nichts ist, außer plötzlich alt? Welche Aufgabe sucht man sich und findet man darin seine Erfüllung?

Der One-Shot-Manga von Harada befasst sich mit diesen Fragen. Weiterhin begibt sich die Geschichte um den Protagonisten Kouki dezent in die Kritik der japanischen Leistungsgesellschaft hinein. Vor allem aber zeigt uns dieser beim Carlsen Imprint Hayabusa erschienene Manga, wie man an sich und seinen Aufgaben wachsen kann.

30 und jetzt?

Kouki ist ein Paradebeispiel des Klischees eines Verlierers auf der steilen Karriereleiter der Leistungsgesellschaft. Er ist Anfang 30, lebt allein in einer winzigen Wohnung und hält sich mit der Arbeit in einem Mini-Markt über Wasser. Er ist müde von seiner Existenz, müde von seiner Lebensrealität und müde seiner selbst. Alles soll sich plötzlich ändern, als er sich auf Arbeit mit einer aggressiven Gruppe Jugendlicher anlegt und mit einem Messer attackiert wird. Er droht zu verbluten und verliert sein Bewusstsein.

Er wacht auf und ist fast schon ein wenig traurig darüber. Doch er ist plötzlich nicht mehr allein. Als er in seine kleine und dreckige Wohnung zurückkehrt bemerkt er einen jungen Mann an seiner Seite. Es ist ein Junge mit weißen Flügel, dieser beflügelte Junge muss wohl „sein“ Engel sein und zieht nun bei Kouki ein. Gemeinsam begeben sie sich auf eine Suche nach Antworten. Denn etwas scheint die zwei zu verbinden, da jedes Mal, wenn Kouki schädliches Verhalten zeigt, dem Engel Federn ausfallen. Ihre Zweckgemeinschaft entwickelt sich zu mehr, als einer solchen. Sie freunden sich an und eine Leidensgemeinschaft entsteht zwischen ihnen.

Bis zu dem Zeitpunkt, als Informationen auftauchen über die Identität und die Geschichte des Engels, ist dieser Manga eine recht seichte und witzige Lektüre. Der abrupt abreißende witzelnde Unterton wird ersetzt durch eine Ernsthaftigkeit und ein Thema von äußerster Relevanz für die japanische Gesellschaft. Ohne zu Spoilen muss jedoch eine Trigger-Warnung an dieser Stelle ausgesprochen werden, da sich der Manga zu großen Teilen mit einer sehr fordernden Thematik befasst.

In Bildern gesprochen

Die Stilistik Haradas ist sehr klar und direkt. Kouki beispielsweise erscheint häufig stark schattiert, mit Rasterpunkten und flächigen Grautönen. Eine unmissverständliche Art und Weise einen depressiven Charakter zu zeigen, ist es ihm ins Gesicht zu zeichnen. Seine Gesichtszüge sind scharfkantig, seine kleinen Augen und die zerzauste Frisur erinnern vom Look an den Samurai Mugen aus Samurai Champloo. Im Kontrast dazu steht der Engel, dessen runde, große Augen, glattes schwarzes Haar und geschwungene Gesichtsformen. Nur in Ausnahmen wird ein Schatten auf seinem Gesicht sichtbar.

Die Welt in der sich die zwei unfreiwilligen Mitbewohner bewegen ist detailreich und häufig mit vielen Abstufungen von Grau und Schwarz versehen. Dadurch erhält die Szenerie einen sehr tristen und abweisenden Eindruck, der jedoch zum Ende immer wieder aufgebrochen wird.

Ein One-Shot, den man lesen sollte
„One Room Angel“ ist eine wunderschöne Metapher für eine zweite Chance und der Vergebung seiner Fehler. Die Figuren entwickeln eine charmante Chemie, überraschender Humor und einige spannende Wendungen erschaffen ein komplettes Bild. Es ist alles erzählt, was es für diese wirklich perfekt im One-Shot zu erzählende Geschichte braucht. Harada gelingt es innerhalb weniger Seiten eine emotionale Fallhöhe zu etablieren, die am Ende auch noch gnadenlos genutzt wird und so manches Tranchen im Augenwinkel wartet vergossen zu werden.
Pro
schöne Figurenentwicklung
fabelhaft schlichte Bilder
Kontra
Abrupte Auflösung der Probleme

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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