Ring des Nibelungen – Eine Comic-Adaption der Wagner Oper

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Der Ring des Nibelungen Cover

Der Ring des Nibelungen wurde als Kulturgut und Epos des germanischen Kulturkreises schon häufig besprochen. In Schulen wurden und werden Kinder damit gequält, in Filmen und Serien hat man versucht diesem Werk gerecht zu werden. Nur selten traf es auf Begeisterung beim Publikum. Nun hat diese Form der Comic-Adaption einige Vorzüge, derer man sich widmen sollte. Bearbeitet und inszeniert haben dieses Werk der für seine Adaptionen bekannte P. Craig Russell (Hellboy, Coraline) und Patrick Mason (Die Zauberflöte). Gezeichnet und koloriert hat der mehrfach preisgekrönte Lovern Kindziersky, der mit seiner langjährigen Karriere für fast jede große Comic-Reihe als Meister seines Fachs und stilprägend für eine Ära gehandelt wird. Diese knapp 1,5 Kilogramm schwere und 448 Seiten umfassende Hardcover-Edition erscheint beim Cross Cult Verlag. So viel sei vorweggenommen: es lohnt sich jede Seite und es überschlagt einen manchmal mit „Aha-Momenten“, ob der Ähnlichkeiten zu manch anderem Fantasy-Bestseller.

Ein Ring sie alle…

Die Geschichte wird von einem Vorwort eingeleitet, was dringend zur Einleitung dieser Lektüre zu lesen sei. Darin wird knapp geschildert, wie sich der Arbeitsverlauf gestaltete und was gerade diese Form der Adaption der Oper so adäquat macht. Das Problem bisher war nämlich, dass die Oper nicht leisten konnte, was Wagner sich erdacht hätte. Es sah immer künstlich oder lachhaft aus, wenn Menschen so täten als seien sie Drachen oder eine Bühne mit Wasser geflutet hätte werden müssen. So griff man auf Mittel der Abstraktion zurück, Sinnbilder und verfehlte somit die Wirkung beim Zuschauer. Doch nicht so in dieser Version der Saga. Hier bleibt man dem Libretto Wagners treu, wenn auch die Dialoge gelegentlich angepasst wurden. Doch was passiert eigentlich in der Geschichte?

Sie ist aufgeteilt in vier große Handlungsbögen: Rheingold, Die Walküre, Siegfried, Götterdämmerung. Für den geübten Kenner der europäischstämmigen Mythologien wird im Verlauf der Handlung deutlich, woran sich die Autoren einst bedienten.

Der Ring des Nibelungen Rheingold Meerjungfrau
Copyright: Cross Cult

Alles beginnt mit dem Diebstahl des Rheingolds aus den Tiefen des besagten Flusses in Westdeutschland. Ein von Gier getriebener Zwerg gelangte über eine List an das Gold und schuf so das erste Ungleichgewicht in der Welt. Dieser Zwerg, auch Schwarz-Alberich (Albe = Elbe) genannt, schuf einen Ring, der alle Macht in sich bündelte und die Welt unterjochen konnte. Er knechtete seine Untertanen mehr und mehr Gold zu schürfen und liess sich von seinem Bruder Mime eine magische Tarnkappe schmieden. Damit konnte man seine Gestalt verändern, quasi „unsichtbar“ werden. Doch wie das Schicksal es fordert, wollen andere den Schatz und den Ring in ihrem Besitz sehen. Zwei Riesen ermächtigen sich mittels der Entführung Freias (Freya) und anschließender Erpressung des Goldes und der magischen Gegenstände. Alberich verfluchte den Ringträger mit dem Tode und großem Unheil. Der Grundstein für das was kommen mag ist also gelegt.

Ein Verrat und ein ewiger Schlaf

Ein stolzer Held, gejagt und verfolgt, gelangte in den Schutz einer einsamen Hütte. Dort traf er auf eine schöne Frau, die ihm zwar sehr glich, sie sich dennoch fleischlich liebten. Ja, sie sind Geschwister. Dies sind die Eltern des namensgebenden Helden des Nächsten Kapitels. Bis dahin kämpften sich die zwei von Wotan dem Göttervater abstammenden Menschen durch die Wirren der Welt und suchten Schutz. Mit einem Schwert, das niemand außer dem auserwählten Träger aus dem Boden ziehen kann (Arthus-Sage), kämpft Siegfrieds Vater Siegmund gegen Wotan und verliert. Er muss sterben. Wotans klügste Tochter Brünhilde, eine der fliegende Pferde (Pegasos) reitende Walküren, widersetzt sich den Befehlen ihres Vaters und schützt die vor der Rache der Götter fliehende schwangere Frau. Zur Strafe wird Brünhilde in ewigen Schlaf versetzt, verliert ihre Kräfte und nur ein mutiger Krieger reinen Herzens kann durch den Ring aus Loges (Loki) Feuer den Berg besteigen und sie wach küssen.

Allein in diesem zweiten Teil der Handlung lassen sich so unglaublich viele Anspielungen und Adaption anderer Mythologien und Geschichten finden. Es ist wirklich erstaunlich, wie ähnlich sich Figuren und Motive über die Jahrhunderte als würdig einer Erzählung verfestigen.

Der furchtlose und unsympathische Held der Wagner Oper

Erst im dritten Teil beginnt die Geschichte rund um Siegfried, den von Nazis missbrauchten „deutschen Helden“. Er kennt keine Angst, keine Zweifel, er ist rücksichtslos und ehrlich gesagt auch ein ziemlich unsympathischer Kerl. Sein Ziehvater, der die Tarnkappe schmiedende Zwerg Mime, wird von ihm verachtet und täglich ob seines Aussehens verspottet. Ob sich daraus der Gram gegenüber Siegfried entwickelt hat, weswegen der Zwieg den Helden hintergehen will?

Der Held macht sich auf um Furcht zu lernen und tötet so manches Wesen und Menschen auf dem Weg, erlangt Unverwundbarkeit, kann mit Tieren reden, erringt den großen Schatz und schlussendlich überredet er auch Brünhilde mit ihm zu nächtigen. Die Entwicklung dieser Figur erinnert an viele Heldenfiguren und der modernen Art und Weise Geschichten zu erzählen. Dies bleibt natürlich eine klassische Form der Helden-Reise, wie man sich nur wünschen kann.

Ring des Nibelungen Leseprobe Baum Tropfen
Copyright: Cross Cult

Es macht Siegfried in vielerlei Hinsicht jedoch nicht unbedingt ertragbarer. Denn all der Mut und die Kraft, die er besitzt, macht ihn zu einem Opfer seiner Umwelt, zur allmächtigen Waffe für üble Intentionen. Sein minderer Intellekt und seine arrogante Perspektive auf die Welt öffnen Tür und Tor für Manipulation und Intrigen hinter seinem Rücken. So gesehen ein abschreckendes Beispiel, das sich im Umkehrschluss für Bildung und Emotionalität fernab von körperlicher Begierde ausspricht. Wie groß der Einfluss der Autoren Russel und Mason diesbezüglich ist, lässt sich nur erahnen, wenn man sich dem Anhang widmet.

Adaption einer Adaption

Der Ausgang dieser Geschichte und die visuelle Umsetzung stehen ganz für sich. Die sagenhafte Interpretation, der gut gewählte Dichte an Details, die Nuancen in der Bildkomposition, sowie die Abstraktion und Symbolik hierin machen dieses Werk zu einem sehr guten Beispiel für Möglichkeiten von Comics im Umgang mit anderen Medien. Wer aufmerksam den Anhang studiert, wird erkennen, dass sich die Künstler an dieser Geschichte oftmals die Zähne ausgebissen haben, sich mit Kompromissen einigen mussten und viele der Seiten auf der Kreativität des Zeichners Kindzierski beruhen. Der Stil als solches erinnert ein wenig an Retro-Comics, die einen gewissen Cartoon/Karrikatur-Einfluss haben. Nicht zuletzt wecken die Figuren und Bilder so manchen Sandman-Vibe, der auch durch die Kolorierung unterstützt wird. In dem was es ist, macht die Graphic-Novel „Ring des Nibelungen“ alles richtig. Sie wirkt stilgetreu und traut sich häufig kunstvolle Kniffe zu nutzen, um Atmosphäre und Gefühle beim Lesenden zu wecken.

Da das Material dessen sie sich bedienen bereits eine Adaption ist, kann man von diesem Werk keine originalgetreue Nacherzählung erwarten. Es ist und bleibt eine äußerst gelungene Interpretation der Oper Richard Wageners. Die Meinungen zu dieser Oper können vielfältiger nicht sein. Einige stören sich an der häufigen Verwendung des Leitmotivs (Melodie die mit Figur verbunden wird), andere sehen darin einen revolutionären Akt gegen Tradition und Obrigkeit. Wiederum andere Kritiker behaupten, dass die Oper zu lang, zu aufgeblasen und prätentiös wäre. Was die Künstler Russell, Mason und Kindzierski hingegen daraus gemacht haben, lässt seinesgleichen suchen in Umfang und Anspruch. Die deutsche Übersetzung Stephanie Pannen legt die Vermutung nah, dass sie hingegen auch mit dem Libretto Wagners gearbeitet hat, da so manche Formulierung älterer Sprache nahe ist. So wird dieses Werk auf mehreren Ebenen der Oper mehr als gerecht.

Der Ring des Nibelungen Cover
Ein Comic-Epos der anderen Art
„Ring des Nibelungen“ ist ein Comic-Epos anderer Art. Die verwendeten Techniken und Methoden des Geschichtenerzählens schmiegen sich kunstvoll an Wagners Oper an und wecken den Mut sich dieses Stückes zu widmen. Die Künstler hinter dieser Adaption haben keine Mühen und Wege gespart der umfangreichsten und opulentesten Oper ihren Respekt zu zollen. Selbst als eine Person, die die Oper als Kunstform ignorierte oder gar ablehnte, wird man von diesem Comic in eine neue faszinierende Welt mitgenommen. Sich der Geschichte und seinen Figuren gegenüber kritisch zu verhalten lässt dieses Werk hingegen nicht sehr offen. Klare Zeichnung von Gut und Böse, sei es Mensch oder Gott, finden sich seitenweise. Diese polarisierenden Figuren bieten sowohl Diskussionsfläche, wie auch exemplarisch Motive eines Dramas, das sich reichlich an Mythologien und Archetypen der Erzählungen bedient. Also warum nicht mal auf diesem Wege den „Ring des Nibelungen“ zurück in die Schule bringen? Tradition und Moderne vereinen und bestenfalls neue Wege denken, ganz so wie diese Graphic-Novel-Oper.
Pro
Visuell anspruchsvolle Adaption einer Oper
exzellente Übersetzung
Zusätzliche Inhalte vor und nach dem Hauptwerk
Kontra
Figuren teilweise sehr stereotyp und plakativ
9

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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