Sandman – die lang erwartete Serienadaption

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Neil Gaimans Mystery-Epos Sandman ist zweifelsohne eines der langlebigsten Kult-Comics dieser Zeit. Nun, knapp 30 Jahre nach dem Beginn der Comic-Reihe, belebte eine Serienadaption mit den sagenumwobenen Figuren des Sandman-Universe. Autor Gaiman war stark bei der Umsetzung dieser Serie beteiligt, was man dem Plot, dem Set-Design, den Figuren und der Atmosphäre anmerkt. Ebenso wichtig für die Umsetzung war der Autor David S. Goyer (Blade, Nolans Batman-Trilogie, Man of Steel), der sich in der Vergangenheit bereits einige Anerkennung bei der Umsetzung von Comic-Material erarbeitete. Mit viel Erfahrung der seriellen Erzählung steuerte Allan Heinberg (Sex and the City, The O.C., Grey’s Anatomy) einen wichtigen Teil zu dieser Serie bei. Insgesamt 11 Episoden (11. Folge wurde nachträglich veröffentlicht) mit einer mittleren Spieldauer von 50 Minuten führen in die Welt der Ewigen ein. Der Fokus liegt in dieser ersten Staffel deutlich beim namensgebenden Dream und seinen erschaffenen Kreaturen.

Man besetzte alle Darsteller ihrem schauspielerischen Talent nach sehr treffend für die Figuren. Tom Sturridge (Radio Rock Revolution) ist Dream oder auch Morpheus, Boyd Holbrook (Logan, Narcos) mimt den Albtraum Korinther, Patton Oswalt (King of Queens, Ratatouille) verleiht dem Raben Matthew seine Stimme und weckt sofortige Erinnerungen an Remi. Mindestens genauso wichtig sind Vivienne Armstrong (Hexen hexen), die die rechte Hand und Bibliothekarin Dreams spielt, Vanesu Samunyai (Debütrolle) die in der zweiten Hälfte der Show essentiell wird und Mason Alexander Park (Cowboy Bebop), der wegen seines androgynen Aussehens perfekt für die Rolle des/r Desire eingesetzt wird. Es fehlen noch einige namenhafte Schauspieler, die teilweise kurz dennoch eindrucksvoll in Erscheinung treten. Alle Darsteller und Sprecher machen einen wirklich fantastischen Job.

Adaption oder Neukonzeptionierung?

Zu Beginn sollte festgehalten werden, dass ein sehr großer Teil der Handlung auf dem Comic basiert. Die Struktur, die Abläufe und die dafür wichtigen Figuren sind alle vorhanden. Einige dramaturgische Änderungen mussten die Autoren und Regisseure doch eingehen. Es wäre der Serie sonst an Dynamik und ganzheitlichem Überbau verloren gegangen. Denn jeder, der einmal ein in die Sandman Comics reingelesen hat, weiß um die Komplexität und lange vorbereiteten Vorausdeutungen, die Gaiman überall verstreut.

Es beginnt, ganz dem Comic getreu, mit der fehlgeschlagenen Beschwörung einer der Ewigen. Anfang des 20. Jahrhunderts plant ein dem okkulten nahestehender Baron den Tod zu materialisieren, um seinen im 1. Weltkrieg verstorbenen Sohn wieder zu beleben. Jedoch erscheint ein anderer Unsterblicher, Dream, der Herr der Nacht und der Träume. Er wird eingesperrt und verharrt dort für ganze hundert Jahre, was zur Konsequenz hat, dass die Traumwelt auseinanderbricht. Albträume und andere Kreaturen fliehen aus dem Reich der Träume, Menschen fallen in einen ewigen Schlaf und die Träume der Welt bleiben für lange Zeit aus.

Nach der versehentlichen Befreiung beginnt eine Suche nach Dreams Artefakten und verschwundenen Traumwesen. Dafür wird in dieser Serie, gegenläufig des Comics, der Korinther als staffelüberspannender Antagonist eingeführt. Als Zuschauer ohne Hintergrundwissen um die Figuren und die Comics ergibt dies alles einen dramaturgischen Sinn. Die Vorlage ist diesbezüglich wesentlich sprunghafter und episodischer aufgebaut. Allerdings gelingt es der Serie auch diese Art und Weise des Geschichtenerzählens einzufangen. Innerhalb der 11 Episoden werden regelmäßig Kurzgeschichten oder Ausschweifungen genutzt, um die Figuren zu festigen und Aspekte der Lore einzuführen. Dies ist elementarer Bestandteil der Comics. Sie leben wie auch die Serie von der episodischen Erzählweise. Einige Episoden, wie die laut IMdB beliebteste sechste mit dem Titel „The Sound of Her Wings“, wenden sich dann ganz und gar einem Handlungsstrang und einer Figur zu.

Gelungen oder gefloppt

Schaut man sich die mediale Rezeption dieser im Vorfeld heftig diskutierte Serie an, dann kann man fraglos behaupten, sie ist ein Erfolg. Die Kontroversen um Besetzung, ganz besonders die Themen Gender und Sexualität betreffend waren und bleiben hitzig. Neil Gaiman sagte dazu selbst:

„Now we’ve got these trolls online, screaming at us that we’re woke and stuff, but I’m like…well, if we’re woke, then we were woke in 1988.“

Im Interview mit Kim Holcomb, 26.07.22

und positioniert sich damit klar gegen die Vorwürfe von Konservativen, dass diese Show die fleischgewordene Darstellung einer überkorrekten und künstlich diversen Welt zeigen würde. Tatsächlich ist und war die Welt des Sandman schon immer von Themen der Transexualität, Homosexualität und kultureller Diversität geprägt.

Den Kritiken und Bewertungen zu Folge macht die Serie einiges richtig. Seit Tagen steht sie international auf dem ersten Platz des Streaminganbieters Netflix. Sie ist die derzeit (17.08.2022) beliebteste TV-Show auf der Website IMdB, vor Better Call Saul, was gerade das von vielen heiß erwartete Serienfinale ablieferte und dem Publikumsliebling Stranger Things. Ebenso klettern die Nutzerbewertungen täglich nach oben, was daran liegen mag, dass die breitere Masse ohne Wissen um die Comics sich dieser Serie widmet.

Aus marktwirtschaftlicher Perspektive ist die Serie ein wahnsinniger Erfolg, dies kann man nicht bestreiten. Ist es das aber auch aus der Sicht eines Fans?

Was am Ende bleibt

Man von der Serie halten, was man will, doch muss man anerkennen, dass sie eine wahnsinnig getreue und technisch gut umgesetzte Adaption des Comics ist. Die wenigen Änderungen am Skript, seien sie nun wegen dramaturgischen Kniffen oder aus Gründen der Produktion vorgenommen worden, schaffen dem Werk keinen Abbruch. Sie sind der Vorlage dennoch getreu in ihrer gezeigten Atmosphäre, den philosophischen Fragen, die darin behandelt werden und lassen genügend Spielraum für Interpretationen und fortführende Gedanken. Eben ganz so, wie es die Comics vorgeben. Auch die gezeigte explizite Gewalt, die psychopathischen Abgründe der Menschheit und die teilweise absurd schockierenden Bilder stehen den bereits damals für Furore sorgenden Panels in Nichts nach.

Diese Serie wird reifen, sich einem beim mehrfachen Ansehen in größere Gedanken vertiefen lassen. Es ist eine Comic-Adaption, das darf man nicht vergessen. Comics sind an sich schon tendenziell etwas größer, schriller und provokanter konzipiert als Romane. Die Macher haben den Geist dieser Welt wirklich treffend eingefangen, wenn man jedoch kritisch anfügen muss, dass die CGI Animationen einiger Figuren und Effekte nicht zu hundert Prozent überzeugen.

Eines gelingt der gesamten Produktion, den Schauspielern und den erzählten Geschichten sehr gut, sie polarisieren und bieten Fläche für Diskussionen. Wenn doch nur jede Serie so viel kontroverse Diskurse über Gesellschaftsbilder und Geschlecht anfachen würde. Vielleicht könnte die Welt schon an einem anderen Punkt sein. Doch eben das macht kaum eine Serie auf eine so unprätentiöse Art und Weise, wie Sandman. Andererseits würde man überhaupt nicht mehr zu irgendetwas kommen, sollte jede Serie so subtil politisch, kritisch und die menschliche Existenz hinterfragend sein.

Persönliches Fazit

Im Rückblick betrachtet stehe ich ambivalent zur Serie. Es stellte sich in der ersten Hälfte, bis zu Episode fünf, kaum Spannung ein, die genug getragen hätte, als dass man sofort die nächste Episode hätte sehen „müssen“. Klar kann in diesem Fall auch für die Ausgewogenheit und das bewusste Weglassen künstlicher Cliff-Hanger argumentiert werden. Zu Anfang fiel es außerdem etwas schwer, dem zwar künstlerisch gewählten, dennoch ungewohntem Blick durch ein Fischaugen-Objektiv und verwaschenen Fokus zu behalten ohne sich permanent darüber zu wundern. Im Verlauf der Serie wird klar, warum die subtilen visuellen Effekte in dieser Art genutzt werden.

Die bekannte Handlung war interessant zu betrachten, auf Details zu warten, Figuren und Orte wiederzuerkennen. Jedoch stellt sich die Frage, ob jemand, der gänzlich ohne Vorkenntnisse herangeht, wirklich tiergehend gefesselt werden kann. Natürlich ist diese Welt, die irgendwo zwischen Horror, Mystery, Mythologie und Drama liegt, eine unbekannte und eklatant andersartige. Ob sie es deswegen künstlerisch wertvoller oder spannender macht bleibt jedem selber zu beurteilen.

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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