Save It for Later

15. Mai 2021
2 Minuten gelesen

Was tun, wenn die Leugner, die rechten Kräfte, die Hetzer und Verächter von menschlicher Würde lauter und einflussreicher werden? Wie geht man damit um, dass man sich in einer radikalisierenden Gesellschaft zwischen dem Bedürfnis nach Sicherheit für die eigene Familie und dem Pflichtgefühl positionieren will? Wo fängt die Pflicht eines jeden Bürgers an, ungerechtes und gesellschaftlich inakzeptables Verhalten aufzuzeigen? Warum entwickelte sich unsere Welt zu einer, in der es zu oft als „ok“ angesehen wird, Menschen anderer Gesinnung oder Herkunft mit Hetze und Gewalt zu begegnen?

Das Thema

All diese und Hunderte Fragen mehr stellt dieser absolut schlaue Comic.

Nate Powell, der mit seinem langjährigen Freund und Mitstreiter John Lewis bereits die „March-Trilogie“ veröffentlichte, ist einer der renommiertesten und gesellschaftskritischsten Künstler der USA unserer Zeit. Diese beim Carlsen Verlag erschienene Graphic Novel, obwohl sie mehr wie ein bebildertes Essay wirkt, schildert feingliedrig und tiefsinnig, was Radikalisierung und der Mythos einer kulturellen Identitätsbildung gemeinsam haben. Die häufigen Bezüge zum Privatleben (= die Dialoge mit seiner Tochter) kreieren eine naive und neugierige Ebene. Auf dieser schildert er die Zusammenhänge seiner Ansichten und Tatsachen so unfassbar gut, dass man sich wünschen würde, so jemanden in jeder Schule als Lehrer anzufinden.

Diese Geschichte reicht teilweise in die Biografie des Autors zurück und blickt dezidiert auf Ereignisse des Wahlkampfs und der Amtsperiode des vorigen Präsidenten der USA. Powell beschreibt außerdem in einer so logischen Argumentation, warum die Symbole von Freiheit, Demokratie und Gleichheit eigentlich nur noch leere Hüllen ihrer selbst sind. Hochinteressant und dringend, wie der bereits in Hochtouren laufende Klimawandel, behandelt er die Notwendigkeit, sich jeden Tag eine Frage zu stellen:

„…wie risikobereit ihr seid. Wie viele Konsequenzen seid ihr bereit hinzunehmen?“

und weiter:

„Gemeinsam werden wir bestimmen, in was für eine Art von Gesellschaft unsere Kinder hineinwachsen.“

Die Relevanz dieses Themas, seiner differenzierten und vielschichtigen Probleme inklusive aller Beteiligten ist in jeder Kultur und Nation schlichtweg vorhanden. Dennoch kann man dieses Exempel sicherlich tiefgreifender verstehen, wenn ein möglichst großes Verständnis für die US-amerikanische Historie und Kultur vorhanden ist. Der Vergleich zu einer europäischen Genese der Radikalisierung ist daher manchmal hinkend.

Es wird auch die immer noch akute Pandemie in diesem Comic besprochen. Nate Powell geht auf die Folgen der gesellschaftlichen Spaltung ein, die Auswirkungen auf sein eigenes Familien- und Privatleben und die daraus entstandenen Konsequenzen für ein gesellschaftlich soziales Miteinander.

Der Stil

Powells Zeichenstil ist klar, geordnet, sauber und schnörkellos und erinnert manchmal an Craig Thompsons „Blankets“.

Die Panels sind häufig das Geschriebene illustrierend. Dabei wird viel mit monochromatischer Gestaltung gearbeitet. Bläulich-violette Töne und gelblich-braune Farben dienen ihm als Farben für seine fortlaufende Handlung und einige Rückblenden.

Der wechselnde Einsatz der Hintergrundfarbe ist in diesem Werk sehr hervorzuheben. Des Öfteren wechselt die sonst weiße Seite zu Schwarz, sei es aufgrund von Tageszeiten, die eindrucksvoller verbildlicht werden sollen, oder daher, dass eine Emotion des sich als Protagonisten beschreibenden Autors eindrücklicher werden soll. Es gelingt mit diesem Spiel der Kontraste, den minimalistischen Farben und der geradlinigen Zeichnungen gleichzeitig viel gefühlsame Schwere hineinzuschreiben, aber niemals pathetisch zu wirken.

Eine weitere Besonderheit dieses Comics ist, dass seine Kinder und die anderer, als Fantasie-Tiere dargestellt werden. Die darüber vermittelte Wirkung der fantasievollen Naivität, aber auch seine visualisierte Perspektive ihnen gegenüber lässt einigen Spielraum für Interpretationen. Die Panels sind keineswegs gerasterte oder gleichförmige Kästen, wie man sie aus anderen Comics kennt. Ihre Outlines sind oft gezackt, ausgefranst, wellig oder einfach nicht vorhanden. Die Bilder und Szenen fließen auf einigen Seiten ineinander und übereinander, verlieren dabei jedoch nie ihren Faden oder Struktur.

Fazit
Diese Graphic Novel ist ein Paradebeispiel für politische Schulliteratur der neunten Kunst! Kinder und Jugendliche können aus diesem Werk sehr viel Kulturhistorie und Gesellschaftsbeobachtungen herausnehmen. Die Aufarbeitung der stellenweise philosophischen, kritischen Aussagen muss dann natürlich gemeinsam durchgeführt und im speziellen Fall der USA kontextualisiert werden. Abgesehen von seiner Tauglichkeit als Comic für den Unterricht hat dieser Comic eine große Strahlkraft. Es erinnert einen daran, dass nur dann Ungerechtigkeit geändert werden kann, wenn sich ihr genügend viele Menschen in den Weg stellen und Veränderungen fordern. Powell ermutigt jeden Einzelnen darin, seinen Protest, seine Stimme nicht abzugeben und sich Gehör zu verschaffen. Diese Einstellung eines gemeinschaftlichen Mit- und Füreinander ist vielleicht etwas, das in Zeiten der Querdenker, Leugner und Weltverschwörungsmystiker ein wenig Einhalt gebieten würde. Jeder sollte klare Grenzen der Akzeptanz für unsoziales und intolerantes Verhalten aufzeigen und sich trauen, diese friedlich zu verteidigen.
Pro
Diese Graphic Novel ist ein Paradebeispiel für politische Schulliteratur der neunten Kunst. Abgesehen von seiner Tauglichkeit als Comic für den Unterricht hat dieser Comic eine große Strahlkraft; er macht Mut.
Kontra
Nichts.
10

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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