
Als Solo Leveling 2016 zum ersten Mal auf der Webtoon Plattform KakaoPage erschien, war noch nicht klar, welcher riesige Erfolg zu erwarten ist. Die von den Koreanern Chugong geschriebene und dem 2022 verstorbenen Illustrator Jang-Sung Rak (auch als Dubu bekannt) geschaffene Geschichte bricht unerwartet Rekorde.
Nicht nur die Verkaufszahlen der seit 2018 im Druck, also Novelle und auch begleitend dazu im Manwha (Manhwa ist der allgemeine koreanische Begriff für Comics und gedruckte Cartoons. Außerhalb Koreas bezieht sich der Begriff gewöhnlich auf koreanische Comics) veröffentlichten Exemplare erfreute sich großer Beliebtheit. Übrigens veröffentlicht in Deutschland der Verlag Altraverse seit 2020 diesen Titel in deutscher Übersetzung und hochwertiger Ausgabe. Die neu erscheinenden Ausgaben waren innerhalb weniger Tage in vielen Läden vergriffen und man musste auf die nächste Lieferung warten.
Erst 2024 startete dann endlich der Anime auf der weltweit größten Streaming Plattform Crunchyroll (im Besitz von Sony) und schoss durch die Decke mit seinen Streamingzahlen. Natürlich erschien auch ein Spiel.
Was ist Solo Leveling?

Solo Leveling ist die Geschichte des jungen Jin-woo Sung, der gegen jede Erwartung und jedweder Ambitionen zum mächtigsten Wesen der Welt werden kann. Wie aber? Nun, es ist wichtig zu wissen, dass es in dieser Welt magische Wesen gibt. Denn als vor einigen Jahren plötzlich Portale, in der Serie als „Gates“ benannt, erschienen, war den Menschen nicht bewusst, dass sie damit auch übermenschliche Fähigkeiten erhielten. Zeitgleich zur Entstehung dieser Gates „erwachten“ einige Menschen mit besonderen magischen oder physischen Kräften. Fortan werden diese Menschen als Hunter bezeichnet. Ihre Aufgabe ist es die Gates und die dahinter liegenden Dungeons von Monstern, vor allem dem Endboss, zu befreien, bevor es einen Dungeonbreak gibt und alle Monster in die Welt der Menschen strömen.
Diese Dungeonbreaks kamen bereits vor und so wurde es notwendig, Gilden und internationale Verbünde zu gründen, um sich vor solchen Ereignissen zu schützen. Weiterhin verwenden die Menschen die in den Dungeons befindlichen Mana-Kristalle um daraus Energie zu gewinnen. Sie sind somit nahezu CO2 frei. Es entstand also eine sehr profitable Industrie rund um die „Klärung“ dieser Gates und den dahinterstehenden Dungeons.

Jin-woo gehört zu den niedrigsten und schwächsten Huntern, denen des E-Rangs. Hunderte Male ist er schon nahezu tödlich verletzt worden, erlitt zahllose Traumata und kämpfte immer wieder ums blanke Überleben. All das nur um an ein paar Mana-Kristalle zu kommen, die als geteilter Lohn abfielen. Das ihn antreibende Motiv ist seine im magischen Koma liegende Mutter und seine kleine Schwester, die er mit seinem lebensgefährlichen Job unterstützen will. Allein diese Situation ist wohl etwas, das bei vielen Menschen auf Resonanz stößt. Das schwächste Glied im Haifischbecken zu sein und eigentlich nur für seine Familie sorgen zu wollen, scheint verständlich. Doch dazu später mehr.
Wieso Solo Leveling?

Jin-woo stößt zu Beginn dieser Geschichte mit einer Gruppe von Huntern auf ein Doppeldungeon. Doch ist dieses Dungeon nicht von der normalen und tödlichen Gefahr. Es ist absolut tödlich und maximal unnormal. Sowohl im Manwha, als auch im Anime stellt sich heraus, dass diese Geschichte nicht zimperlich mit seinen Figuren umgeht. Sie scheut sich auch nicht davor radikale Gewalt zu zeigen. Figuren werden halbiert, rutschen dann langsam entzwei, werden zu einem roten Matsch zerstampft, ihnen werden Körperteile abgerissen und alle in diesem Doppeldungeon fürchten ernsthaft um ihr Leben. Es gelingt Jin-woo die Aufgaben dieser wahr gewordenen Hölle zu verstehen und zu lösen, somit es allen außer ihm gelingt zu entkommen. Er wird aufgespießt, zerquetscht, verstümmelt und liegt kurz vor seinem Ableben als Opfergabe auf einem Altar. Ein Pop-Up-Fenster erscheint und die Frage, ob er sterben möchte oder als „Spieler“ leben will, beantwortet sich wohl selbstverständlich.
So wacht er im Krankenhaus auf und ist unbeschadet, komplett regeneriert und gesund. Es erscheint ihm wie ein Traum, als dann auch noch weitere Pop-Up-Fenster in seinem Blick erscheinen, die auch nur er sehen kann. Ihn erwarten Tageschallenges, Training, zusätzliche Missionen, die Fähigkeit Objekte im Systemeigenen Shop zu kaufen und vieles mehr, das den gewöhnlichen Huntern verwehrt bleibt. Auch ist er im Besitz jener unendlichen tiefen Roleplay-Game-Taschen, in denen er zahllose Ausrüstungsgegenstände in jenem System ablegen kann. Er ist nun ein Rollenspielcharakter und kann sich als einziger Hunter in der ganzen Welt verbessern. Alle anderen sind für immer an ihren Rang nach dem „Erwachen“ gebunden, nicht Jin-woo. So verfolgen wir als Leser oder Seriengucker, wie sich der anfänglich schmächtige, unscheinbare und unselbstbewusste junge Mann zum gefährlichsten Killer des Planeten und aller möglicher Dungeons entwickelt.
Warum ist Solo Leveling so erfolgreich?
Die Serie, wie auch die Manwhas, zeichnen sich durch eine Erzählweise aus, die jedes Kind der 90er und 2000er Jahre, das mit RPG groß geworden ist, sofort abholt. Mit der simplen Idee einer Figur eine Systemoberfläche und Level-System zu geben, die vom Leser und von der Figur gesehen wird, erzeugt diese eigenartige Gefühlsmischung des „Challenge completed“ Phänomens. Es scheint mir in der Funktionsweise ähnlich dem Phänomen, warum sich Millionen Stunden von YouTube-Videos finden lassen, in denen Menschen Dinge bauen, putzen und herstellen. Anscheinend fühlen wir Menschen uns By-Proxy gut dabei, wenn wir etwas im Fortschritt beobachten und es stellt sich nahezu so etwas ein, als hätte man gerade durch das Betrachten selbst dazu beigetragen eben jenen Fortschritt erst zu ermöglichen.

Außerdem ist die visuelle Umsetzung dieses Werks mehr als fantastisch. Es ist kantig, modern, voller knalliger Farben, extrem dynamisch und absolut mitreißend. Man kann die Bewegungen im Manwha bereits vor seinen Augen dahinfliegen sehen. Das ist etwas, das den Job der Animatoren von A-1 Pictures erheblich erleichtert haben sollte.
Ist Erfolg gleich Qualität?

Die grundlegende Frage nach dem Erfolg von etwas, lässt sich immer nur mit dem Blick auf die Gesellschaft, die diesen Erfolg ermöglicht, beantworten. Was zeigt Solo Leveling? Eine Realität, in der es dem Abgeschlagenen und Schwachen möglich ist sein eigenes Schicksal mit harter Arbeit und dem Besiegen seiner Ängste zum stärksten Menschen der Welt zu werden, der dann zudem auch noch Respekt und Ansehen genießt. Es ist die One-Man-Army, wie wir sie schon aus den 80er Jahren des Hollywood-Kinos kennen. So zeigt sich eine nahezu kapitalistisch liberale Idee des sozialen Aufstiegs durch harte Arbeit. Das Bestreben zum Aufstieg, dem Phänomen des Erfolgs auch By-Proxy wie schon vorher angedeutet beim Ansehen von anderen, die Dinge bauen oder herstellen, und der popkulturellen Entwicklung Rollenspiele als festen Bestandteil der subjektiven Medienhistorie anzuerkennen, scheinen mir reichlich gute Gründe, die den Erfolg erklären.
Man sollte sich dieses Festival nicht entgehen lassen und sich im besten Falle einmal einen eigenen Eindruck verschaffen. Momentan findet sich die Serie auf der Streaming-Plattform Crunchyroll, auch in deutscher Synchronisation. Es ist fraglich, ob dies ein Qualitätsmerkmal ist, aber auch der deutsche Privatsender ProSieben MAXX hat Solo Leveling bereits in sein Programm aufgenommen und im April ausgestrahlt. Denn nicht ohne Grund hat die weltweite Gemeinschaft auf Crunchyroll abgestimmt und diesen Anime zum besten Anime des Jahres 2025 (bewertet werden die Animes des vorigen Jahres) auserkoren. Die Streamingzahlen sprechen für sich. Zeitweise haben die Episoden von Solo Leveling mehr Zugriffe als One-Piece erreicht und landen auf einer Community-Wertung von 9,4 von 10 Punkten.
Dieser Anime hat’s wirklich in sich und lädt, gerade wegen der vielen Action-Sequenzen zum mehrfachen Schauen ein. Mir wurde dieser Manwha von einem US-Amerikaner in Japan empfohlen und ich bin froh, mich reingelesen zu haben, konnte die Freude über diesen Anime gar nicht formulieren. Nun, doch hier.




