
Schon der Blick aufs Cover von „Twig“ veranlasst ein unweigerliches Schmunzeln, ob der süßen Figuren und farbenfrohen Gestaltung der Welt. Die vom Eisner-Award prämierten Autor Skottie Young, Zeichner Kyle Strahm und Kolorist Jean Francois Beaulieu entwickelte Abenteuergeschichte weiß mit Genreklischees umzugehen und diese in liebevoller Art neu zu präsentieren. Der Kunst adäquat erscheint dieser im Jahr 2022 erstveröffentlichte One-Shot beim Splitter-Verlag im großformatigen Hardcover. Doch ist „Twig“ mehr als nur ein weiterer Aufguss von eben jenen Abenteuergeschichten-Klischees in fantasievollen Bildern oder kann es doch mehr?
Zu spät!

Wir werden ebenso rasch in die Geschichte hineingeworfen, wie wir auch entlassen werden. Der ein blaues Fell tragende Protagonist Twig (englisch für „Zweig“) hat am Tag seines ersten Auftrags verschlafen. Schnell seinen Zweigenhut aufgesetzt, seinen kleinen gelben und formvariablen Freund Splat eingesammelt und auf geht es. Gehetzt rennt er zu seinem Auftraggeber, dem großen „Mount Guphin“. Die phonetische Ähnlichkeit zum „Macguffin“, also dem Objekt, das in jeder Heldengeschichte die Lösung aller Probleme und gleichzeitig handlungstreibendes Element ist, scheint in diesem Comic bewusst eingesetzt. Einige andere solcher Anspielungen und Wortspielereien mit Genreklischees werden in diesem Comic sinnvoll und humorvoll eingesetzt. Beim Berg angekommen, erhält Twig die Aufgabe einen magischen Stein an einem noch nicht bekannten Ort zu „setzen“. Denn er folgt der Tradition der Familie als Setzling für das Wohl aller Welten große Gefahren und Abenteuer erleben zu dürfen.
Allerdings stellt Twig mit Ernüchterung fest, dass derjenige, der ihm den Weg weisen soll, leider nicht mehr lebt. Der „Pfadfinder“ ist bereits zum Skelett verkommen und kann Twig und Splat nun nicht mehr das Ziel ihrer Reise nennen. Also wird der grundlegend optimistische Twig sich selber daran machen die Maschine, die ihm den Weg zeigen soll zu bedienen. Es kommt, wie es kommen musste: der Stein geht kaputt und nun muss sich Twig auf die Suche nach drei Dingen machen, die den Stein wiederbeleben. Dies ist der Beginn einer wilden Reise durch bunte und voller Phantasie sprühenden Welten. Twig und Splat Bekämpfen feindselige Wesen, schließen neue Freundschaften und bewältigen scheinbar unlösbare Aufgaben. Es bietet wegen der Auslassung expliziter Gewalt auch potential für die Lektüre mit Kindern im Grundschulalter.
Wandeln durch wundervolle Welten

Die von Kyle Strahm gestaltete Welt ist voller Phantasie und liebevoller Details. Die Auswahl der Farben von Jean Francois Beaulieu für die Protagonisten bietet schon als Duo aus Komplementärfarben einen starken Kontrast. Hinzukommen die zahlreichen Panels, die in ihrer Gestaltung und farblichen Zusammenstellung auch weitere Farbkontraste wählen. So wird das Auge einmal durch das gesamte Spektrum des Farbkreises mitgenommen. Dieser Einsatz von innerer Gestaltung der Panels, sowie der äußerlichen Komposition belebt die Reise der zwei unterschiedlichen Helden auf andere Art und Weise.
Nicht nur die Auswahl der Farben, auch die Formgebung und die Designs der Figuren und Welten spricht seine eigene verlockende Sprache. Außerdem nutzen die Künstler das Layout und die Aufteilung von Panels, die nicht dem konventionellen eingerahmten Bild entsprechen. Dies immer gut platziert und meist sogar auf eindrucksvollen Doppelseiten. Es lassen sich schwer Referenzen dazu finden, da dieser Stil ein vages Gefühl einer Pixar-Ghibli-Welt mit zeichnerischen Einflüssen franco-belgischer Linienführung hervorruft. Die Vielfalt der entworfenen Szenerien, Wesen und Objekte, die alle als sehr schlüssig und in der erschaffenen Welt verwurzelt wirken, sind schlichtweg wunderbar.
Die nicht ganz so innovative Geschichte wird gekonnt mit schöner Comickunst komplementiert und fügt sich zu einer mehr als unterhaltsamen Lektüre.




