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„Uhh! Ein Eichhörnchen!“

Dieses seltsame Zitat spielt auf eine Simpsonsepisode an, in der Homer Simpson sich für einen Studienplatz an einer Universität vorstellig macht. In dieser Szene rennt er, abrupt abgelenkt, aus dem Büro des Dekans heraus und jagt ein Eichhörnchen um einen Baum. Gleich zweierlei Aspekte vereint dieser knappe Witz: Eine fehlende Aufmerksamkeitsspanne und der verlorengegangene Fokus auf die dringenden Aufgaben vor Einem.

Seit kurzer Zeit erlebe ich Kinder und Jugendliche in ihrem Schulalltag. Abgesehen davon, dass jeder Mensch eine gewisse Tagesform aufweist, ist mir Eines ganz besonders aufgefallen. Eine unfassbar kurze Aufmerksamkeitsspanne. Durch die Klassen 7 bis 11 hindurch fällt es den Schülerinnen und Schülern (im Folgenden SuS genannt) sehr schwer ihren Fokus aufzubauen, geschweige zu halten. Dabei sollte man annehmen, dass ein Unterrichtsfach wie Musik interessant oder anregend sein könnte. Wer jetzt denkt: „Oh Musikunterricht, hab ich immer gehasst, wegen dieser komischen Noten und klassischen Musik!“ dem sei gesagt, dass mein Kerninteresse das Musik machen ist. Das bedeutet ich versuche so viel wie möglich mit den SuS musikalisch aktiv zu werden. Jeder auf dem Level an Fähigkeiten, die ihm oder ihr gegeben sind.

Ich begann mich zu fragen, was das Problem sei und tastete mich langsam heran. Während einiger Gespräche außerhalb des Unterrichts, auf dem Hof der Schule in Pausen, fiel mir etwas auf. Eine ähnliche Beobachtung machte ich auch in Momenten freier Arbeit, seien es Recherchen oder Hausaufgabenstunden.

Der Mythos Multitasking

Die SuS beschäftigen sich mit vielen Dingen gleichzeitig und machen dabei wenig hundertprozentig aufmerksam. „Ich kann Multi-Tasking“, heißt es dann auf Nachfrage, warum zeitgleich zum Video der Selbstrecherche das Handyspiel bedient wird. Wie in einem „Psychology Today“ Artikel beschrieben wird, ist der Mythos des Multitasking allzu verbreitet.

Was ist dieses Multitasking überhaupt? Nun, es beschreibt den Vorgang mehrere aufmerksamkeitsbeanspruchende Tätigkeiten zur selben Zeit produktiv zu vollführen. Dazu gehört nicht so etwas wie Atmen und gleichzeitig Musik hören. Es sei denn man atmet sehr bewusst. Schon bei diesem Beispiel wird jedem klar, der sich einmal tiefergehend mit Atemtechniken und Meditation beschäftigt hat, wie wenig allein diese zwei „Aktivitäten“ mit jeweilig maximalem Fokus vereinbar sind. Daher ist der Glaube daran, dass man zwei Dinge zu gleichem Maße effizient oder qualitativ hochwertig erledigen kann, nichts weiter als Glaube. Kleine Frage: Wie sehr nimmst du deine Mahlzeit in all seinen Geschmacksnuancen wahr, wenn du nebenbei TV oder Filme guckst?

Laut besagtem Artikel der Fachzeitschrift für Psychologie hat Multitasking sogar ausgesprochen negative Effekte auf die eigene Gesundheit. Denn nicht nur die „Produktivität“ verringert sich bei den Aufgaben, die währenddessen erledigt werden. Man sei schneller erschöpft und fühle sich ausgelaugt, was bestimmt Jeder am folgenden Beispiel nachvollziehen kann. Wenn man sich daran erinnert, wie es in diesem einen Urlaub gewesen ist, in dem man durch eine unbekannte Stadt lief und Sehenswürdigkeiten genießen wollte, während man sich mit einem Stadtplan versuchte zu orientieren, nebenbei noch eine Unterhaltung führte und vielleicht sogar noch aufgedrehte Kinder mit sich hatte. Am Abend ist man, sicherlich auch wegen der körperlichen Aktivität und der vielen neuen Eindrücke, einfach nur noch platt und kommt aus der mentalen Horizontalen nicht mehr heraus.

Weniger Aufmerksamkeit als ein Goldfisch

Die jetzigen Generationen wachsen allerdings in eine Zeit des gelebten Multitaskings hinein. Kinder erleben heute eine Welt der geteilten Aufmerksamkeit. Eltern, die den Blick vom Telefon nicht wegnehmen und halbmotiviert Anweisungen oder Kommunikationsfetzen an ihre Kinder verteilen, „soziale Medien“ in denen maximal viele Reels in kurzer Zeit nebenher konsumiert werden und damit ein Rückgang der Fähigkeit des Fokussierens, all das ist Alltag für viele Kinder. Laut Statista-Umfrage haben bereits 95% aller 12-13 jährigen in Deutschland ein Smartphone. Mit 8-9 Jahren sind es noch knapp 33%. Nahezu jedes Kind hat also die Möglichkeit permanent erreichbar zu sein und das Internet zu benutzen. Die psychologischen und sozialen Folgen daraus sind noch nicht sehr gut erforscht, doch lässt sich bereits ein Trend abzeichnen.

Lag die gemessene Aufmerksamkeitsspanne im Jahr 2000 noch bei 12 Sekunden, was bereits erschreckend wenig ist. So ist sie innerhalb von 13 Jahren auf gerade mal 8 Sekunden gefallen. Das ist laut dem „National Center for Biotechnology Information“ der U.S. National Library of Medicine sogar eine Sekunde geringer, als die bei einem Goldfisch gemessene Aufmerksamkeit. So verwundert es nicht weiter, was im Laufe der Untersuchungen und Befragungen durch dieses Institut herausgefunden wurde. Ein Viertel aller Teenager sollen wichtige Informationen über ihre Freunde einfach vergessen oder nicht wahrgenommen haben, knappe sieben Prozent der Befragten vergessen sogar ihren eigenen Geburtstag. Ob dies nun in Korrelation mit dem Gebrauch von Smartphones steht sollte noch genauer untersucht werden. Erstaunlich ist jedoch, dass viele Nutzer eines digitalen Endgerätes bis zu 150 Mal am Tag drauf sehen. Wie viel Zeit dabei ins nichts verpufft.

Swipe, swipe, swipe … uh ein Katzenvideo

Was vor 30 Jahren noch das lineare Fernsehen war, mit der immer größer werdenden Auswahl an Shows und Programmen, ist heute das Internet. Vor allem sind es die sozialen Medien. Der Begriff „soziale Medien“ sollte dieser Tage immer ironisch gebrochener verwendet werden, denn oft sind es eben solche Plattformen auf denen Rassismus, Sexismus und psychische Gewalt an der Tagesordnung sind. Obwohl, wer weiß, vielleicht ist dies einfach ein Status-Quo unseres sozialen Miteinanders, der sich in der „Anonymität“ des Internets entlädt? Dies würde zumindest erklären, warum Katzenvideos, Tanzvorstellungen und die millionste Produktplatzierung als Abwechslung gern gesehen sind. Zwischen all dem Wust aus Informationen befindet sich schließlich immer der Kern dessen, was uns als Mensch antreibt. Die Suche nach Akzeptanz und Zuneigung.

Nicht verwunderlich also, dass die schnelllebige Plattform TikTok gerade unter Kindern und Jugendlichen die beliebteste Applikation ist. Dort treffen witzige Videos auf Tanzshows, Memes, Nachrichten, Werbung, Kriegspropaganda und auch süße Katzenvideos. Immer in Begleitung von positiven Verstärkern wie Likes oder Herzen. Unter Betrachtung der immer geringer werdenden Aufmerksamkeitsspanne ist gerade ein Dienst wie TikTok etwas, das ganz marktwirtschaftlich eine Nachfrage-Angebot Situation ausnutzt. Kurzweilige Happen randomisierter Inhalte können wahllos wegkonsumiert werden, ohne dabei jedoch nur all zu tief zu binden. Es könnte jederzeit ein Snap oder eine Instagram Direct-Message reinfliegen, die beantwortet werden muss.

„Äh, was sollen wir nochmal machen?“

Nun also zurück zur Eingangs erwähnten Situation an der Schule. All diese Aspekte bündeln und zeigen sich in Momenten, in denen konsequent und über einen längeren Zeitraum an etwas gemeinsam gearbeitet werden soll. Beispiel: Entwerft und übt ein Schlagrhythmus in einer kleinen Gruppe von vier SuS. Die Ergebnisse waren sicherlich überraschend, doch der Weg dahin nur mit wiederholter Motivation und Ermahnung die Telefone wegzulegen bestreitbar. Selbst während der Präsentation anderer SuS fällt es den Mitschüler:innen teilweise schwer sich auf das Gezeigte für längere Zeit zu konzentrieren. Dies mag sicherlich nicht ausschließlich am Konsumverhalten des Internets und der Nutzung der Smartphones liegen, jedoch deuten einige Punkte darauf hin. Nicht zu vernachlässigen sind auch die Folgen der Pandemie. Das Sozialverhalten und ein Großteil der Lerninhalte waren zwei Jahre lang mäßig konsequent der professionellen Aufsicht unterzogen.

Aus einer weiteren Studie wird klar, dass die ständige Erreichbarkeit und die bloße Möglichkeit etwas zu empfangen schon zu einem Leistungsabfall von ganzen 20% führt. In dieser Studie testete man 136 Studenten in einem Testumfeld an einem Computer auf Interaktion. Einige der Probanden mussten ihre Telefone ausschalten, die Anderen nicht. Nicht gerade verwunderlich in welcher Gruppe jeder Fünfte ein schlechteres Ergebnis im Test erreichte. Der leitende Professor Earl Miller äußerte in einem Interview der Zeitung „The Guardian“ diesbezüglich: „a perfect storm of cognitive degradation“ – Ein perfekter Sturm der kognitiven Degeneration.

Die Schule endet aber doch irgendwann

Klar verlässt jeder Mensch irgendwann die Schule und klar könnte man dann behaupten es hätte keine Relevanz, was und wie groß die Aufmerksamkeitsspanne im schulischen Kontext gewesen sei. Das Problem daran ist jedoch ein wesentlich größeres, die gesamte Gesellschaft betreffend. Eine immer kürzer werdende und leicht zu überfordernde Aufmerksamkeit kann dazu führen, dass ganze Generationen leichter zu lenken, sogar zu verängstigen sind. Wenn man als Individuum nur bis zum nächsten Monat vorausdenken kann, fällt es schwer die eklatante Dringlichkeit einer anstehenden Klimakatastrophe wirklich ernst zu nehmen. Es fällt dann mindestens genau so schwer politisch radikale oder extremistische Aussagen in einem Kontext humanistischer Werte zu hinterfragen. Denn die dringliche sofortige Lösung eines Problems ist das, was erlernt wurde. Reiz und Reaktion in Lichtfaserkabel-Geschwindigkeit.

Man muss sich nur einmal klar werden wie jung diese ganze „neue Welt“ eigentlich ist, um zu verstehen wie wenig wir als Menschen bisher überhaupt begreifen konnten. Das Internet wurde erst in den 1990ern der breiten Öffentlichkeit zu Teilen zugänglich. Seit gerade mal knapp 20 Jahren gibt es Smartphones, die auch erschwinglich sind. All das ist noch nicht mal so alt wie die Simpsons und doch gehört es ganz ungefragt zum Leben dazu. Man geht davon aus, dass die „Menschheit“ wenig kognitive Entwicklungen durchlebt hat seit der neolithischen Revolution und dem Aufkommen von Agrarwirtschaft, also seit knapp 15.000 Jahren. 15.000 Jahre und eine endlose Reihe an geschichtlichen Ereignissen und humanen Tragödien im Vergleich zu 30 Jahren Internet.

Blick nach vorn

Es braucht also noch viel Zeit und Geld, um die Auswirkungen wissenschaftlich zu untersuchen. Fest steht, dass Kinder und Jugendliche mit zu viel Medienkonsum kognitive Defizite aufweisen. Immer häufiger zeigt sich ADHS und eine geringere Frustrationsschwelle. So viel Schönes und Positives, wie die Technologie auch bringt, so häufiger sollte man sie im Grunde nicht benutzen und dafür lieber mal fokussiert ein- und ausatmen.

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