Unfollow

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Der Zustand des Planeten Erde ist, aus tierischer und menschlicher Sicht, alarmierend. Sollte es in den kommenden Jahrzehnten nicht gelingen einige entscheidende Schritte gegen die rasant eintretende Klimakatastrophe zu nehmen, endet dieser glückliche Umstand einen großflächig bewohnbaren Planeten zu haben.

Neuste Prognosen zeichnen und düsteres Bild: Europa desertifiziert und droht Jahr um Jahr mehr abzubrennen, die ausgelaugten Böden bieten nur noch knapp 60 Jahre eine Grundlage für den Anbau, die Permafrostböden in Sibirien mit dem größten Methaneinschluss weltweiter Landmassen schmelzen, die Wälder in Südamerika werden trotzdem weiter gerodet, der Golfstrom könnte zum Erliegen kommen und Europa (und die Welt) völlig neuen Herausforderungen gegenüberstellen und zu guter Letzt bricht gerade ein Gletscher aus der Eismasse der Antarktis heraus (Twhaites Gletscher, doppelt so groß wie Österreich), der den Meeresspiegel in den kommenden 50 Jahren um satte 50 Zentimeter ansteigen lassen könnte. Die Konsequenzen dieser Veränderungen kann sich kaum einer vorstellen, Spoiler: es wird schrecklich!

Warum brennt also noch nicht das Internet? Warum leben einfach „alle“ fröhlich so weiter, als gäbe es kein Morgen? Und was würde passieren, wenn sich der Planet ein Avatar wachsen lassen würde, um sich selbst und seine Interessen in der Öffentlichkeit zu vertreten? Diesen Fragen geht Lukas Jüliger in seiner beim Reprodukt Verlag erschienenen Graphic-Novel „Unfollow“ nach.

Am Anfang war das Leben

Copyright: Reprodukt

Die Geschichte beginnt, wie alles Leben, vor vielen abertausenden Jahren. Der Planet entwickelt sich prächtig und ist großen Veränderungen unterworfen. Dann kam der Mensch und einfach alles sollte sich in kurzer Zeit ändern. Doch die Erde spielt das Spiel einmal anders. Um direkteren Einfluss auf das Schicksal ihrer selbst zu haben, materialisiert sie einen menschlichen Körper, ein junger Mann namens Earthboi wird geboren. Er lebt im Einklang mit der Natur und verbringt seine Tage in der Wildnis. Allerdings ist diese jungfräuliche Lebensweise nur von kurzer Dauer, denn der Mensch zerstört diesen Lebensraum. So entschließt der Protagonist aus der Wildnis heraus, unter Benutzung modernster Kommunikationstechnologien, eine alternative der Lebensart zu präsentieren. Quasi über Nacht wird er zum Star auf YouTube und anderen „sozialen Medien“. Seine Videos zu DIY-Lifehacks, alternativer Energieversorgung und autarkem Lebensstil überfluten das Internet und er wird weltweit bekannt. Doch wirklich zu ändern scheint sich nichts.

Next Generation

Der nächste Schritt steht bevor. Er formt eine Gruppierung aus gleichdenkenden Menschen um sich, verliebt sich in einen Menschen, begibt sich in die Sphären der politischen Teilhabe und gewinnt an Fahrt. Stetig wächst die Anhängerschaft, die von ihm aufgebaute Kommune floriert und es scheint wunderschön zu werden. Jede schöne Blüte, sei sie noch so gewöhnlich oder außerordentlich, hat aber ein und dasselbe Schicksal: sie verblühen. Mit einem unglaublich schockierenden Ende, einer brachialen, ja naturgleichen Härte endet dieses Werk und lässt einen mit offenem Mund und vielen Fragen zurück.

Das Werk „Unfollow“ lässt einen ebenso hilflos, wie auch unbeschönigt in einer schonungslosen Welt zurück. Es nimmt ein Ende, so metaphorisch oder zynisch es auch seien mag, das einen nicht kalt lässt. Ebenso lässt es offen, wie viel die Menschheit aus seinen Fehlern lernen kann. Was würde passieren, wenn sich die Natur wirklich gegen den Menschen stellen würde? Und wo ist der Mensch falsch abgebogen, dass man von Mensch und Natur redet? Der Mensch ist schließlich ein Teil dieser einen natürlichen Welt.

In der Schlichtheit liegt die Stärke

Copyright: Reprodukt

Das Cover gibt einem bereits einen Einblick in den farblichen und zeichnerischen Stil. Es ist ein Werk das sich in zwei Farbtönen präsentiert, Blau und Rot. Diese kontrastierenden Farbtöne werden in entsättigter Form in verschiedenen Intensitäten für die Bildkomposition genutzt. So entsteht der nahezu monochromatische Eindruck dieser Graphic-Novel.

Die Designs der Figuren und Umgebung sind mit liebevoll akribischem Bleistiftstrich umgesetzt worden. Schattierung und die damit einhergehende Lebendigkeit der Panels hat Jüliger mit Schraffuren durch Kohle- oder Bleistift eingefügt, was dem Ganzen einen sehr handwerklichen und natürlichen Look verpasst. Mittels der sich verdichtenden Schraffuren, den feinen Linien und seiner Art und Weise Bildausschnitte zu wählen, wirkt dieses Werk schlicht und trotzdem sehr elaboriert.

Unfollow
Verstörend und verzaubernd
Es ist ein verstörendes Werk, liebevoll detailreich in seinen Bildern und gleichzeitig schonungslos direkt. Man bleibt mit einem sonderbaren Nachgeschmack zurück, der sich zwischen Pessimismus und Zynismus bewegt. Ohne dabei jemals den gehobenen Finger ins Gesicht zu halten, zeigt uns Lukas Jüliger die Fehlbarkeiten unserer Zeit. Wege daraus werden auch aufgezeigt und als funktionierende Alternative beschrieben. Allerdings spricht der Künstler im Grunde über ein viel größeres Thema in diesem Werk. Der überzeugte Glaube unseres Heimatplaneten sei enttäuscht und sehe keine andere Möglichkeit das Problem zu lösen, ein Verlust an Hoffnung. „Unfollow“ macht was nur pointierte und interessante Kunst zu leisten vermag, es erzeugt emotionale Reaktionen und entrüstet.
Leserwertung0 Bewertungen
0
Pro
Spannende Illustration in zwei Tonalitäen
interessante Perspektive Earthboi
Kontra
doch sehr zynisch und nihilistisch
7

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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