
Manchmal entscheidet man sich etwas zu versuchen, aus einem Gefühl, einer Intuition heraus. In „With You and the Rain“ einer kürzlich auf Crunchyroll gestarteten Animeserie, basierend auf dem gleichnamigen Manga der Mangaka Kō Nikaido, passiert genau das. Ebenso habe ich mich vom Artwork, der sensiblen Ausstrahlung und der niedlichen Nebenfigur hinleiten lassen und die ersten Episoden gesehen. Die Serie wurde vom gleichen Animationsstudio wie „Spy X Family“ produziert. Die klaren Linien, die Farben und die Bewegungen der Figuren sind sauber definiert und minutiös mit der Regie Tomohiro Tsukimisato abgestimmt.
Die Erstpublikation des Mangas liegt bereits knapp fünf Jahre zurück, wobei der Titel erst im Winter 2024 in deutscher Übersetzung (Manga Cult) verfügbar war. Diese Serie, wie auch mindestens eine weitere (Der Fuchs und der kleine Tanuki) greifen das Motiv des süßen, kleinen, hundeartigen Wesens der japanischen Mythologie auf. Warum das vielleicht Aufschluss über die gesamte Geschichte und eine mentale Verfassung darstellt, soll im Folgenden adressiert werden.
Eine kleine Zusammenfassung
Es ist ein regnerischer Tag in einer ungenannten Stadt, das Treiben der japanischen Bevölkerung ist an diesem Vorabend noch recht rege. Eine alte Dame hat keinen Schirm dabei und die Protagonistin Fuji schenkt ihr daher ihren.
Gänzlich vom Regen durchnässt, stößt sie in ihrer Nachbarschaft auf eine kleine Pappkiste. Darin sitzt der kleine Tanuki, von dem sie glaubt, dass dieser ein Hund sei. Doch bereits in dieser zufälligen Begegnung sollte ihr auffallen, dass dieses kleine hellbraune Wesen kein normales Tier ist. Dieses trägt ein Blatt auf dem Kopf und hat eine dunkelbraune Fellzeichnung im Gesicht, die die Augen verbirgt. Es kann offensichtlich schreiben, da es eigens geschriebene Zettel an seinem Karton umklappt, worauf die Bitte um Obhut steht. Zur Überzeugung schenkt das kleine Tierchen Fuji noch einen Schirm und die Verbindung ist geschlossen. Fortan zeigt die Serie alltägliches, banales und vor allem zunehmend soziale Interaktionen von Fuji mit den Menschen ihrer Umgebung und Familie. Dies ist das eigentliche Thema dieser Serie.
Hintergründe und Vordergründe
Die Volkserzählungen über die magischen Marderhunde kursieren in Japan scheinbar seit über 350 Jahren. Häufig werden sie als kleine, magische Wesen mit Fähigkeiten der Formwandler beschrieben. Sie treiben Unfug und sind gleichzeitig sehr dankbar über die Hilfe von Menschen, zu denen sie eine eher vorsichtig, ambivalente Haltung einnehmen sollen. Der kleine, in den ersten Episoden noch namenlose, Tanuki in „With You and the Rain“ ist diesbezüglich alles andere als böswillig. Dank seines kleinen Teeblatts auf dem Kopf, das wie ein Hut eine Position behält, des augenlosen und fluffig runden Gesichts, seines eignen Notizbuchs worauf Gedanken und Bedürfnisse notiert werden, wirkt dieser kleine „Hund“ wie ein wahrer Glücksfall für die Protagonistin Fuji.

Sie ist Autorin, lebt sehr minimalistisch, es stehen kaum Möbel in ihrer Wohnung, weißen kahlen Wänden, einigen wenigen sozialen Kontakten und einer Stimmung, die sich mit Regen perfekt symbolisieren lässt. Davon auszugehen, dass sie depressiv sei, mag vielleicht eine voreilende Diagnose sein. Allerdings lässt sich das Gefühl nicht ganz abschütteln, da sie von sich selber nie positiv redet, seltenst lächelt und sehr sozial isoliert lebt. Sie meidet sogar den Kontakt zu ihrem sehr extravertierten und kontaktfreudigen Vater, um ihm nicht das Gefühl zu geben, dass sie gerade nicht in bester Konstitution sei. Was in Japans Kultur wiederum nicht verwunderlich ist, da das Individuum für das Funktionieren des Kollektivs erzogen wird und ständig in sozialer Interdependenz von Anerkennung, das Wahren des Gesichts und einer immens hohen Leistungsbereitschaft in Spannung sieht.
Abgesehen von dieser kulturellen Prägung und Interpretation der Handlungen Fujis, verwendet der Anime eine durchgehende Blautönung, wenn sie charakterisiert werden soll. Ein einfacher Farbcode, der durch seine kühle Wirkung diesen Eindruck verstärkt.
Kritik
„With You and the Rain“ gehört auf seine eigene Weise zum Genre des Slice-of-Life, also einer Geschichte, die sich mit den alltäglichen Dingen und Begebenheiten beschäftigt und den Blick in das Innenleben der Protagonisten wagt. Die beobachteten Aktivitäten sind die Arbeit Fujis, ein Bad und ein Spaziergang mit der Nachbarstochter im Park. Es bleibt immer auf eine gewisse Art ambivalent zwischen niedlicher Komik, Dank des noch namenlosen, Notizen schreibenden Tanukis und schwermütiger Introspektive in Fujis Gedanken und Gefühle. Um diese Balance wohl temperiert zu spielen, nutzt der Anime teilweise interessante Bildausschnitte, die den Fokus auf meist missachtete Details legen.
Eine interessante Mischung aus Nähe und Distanz, Gefühl und Kälte, Humor und Ernsthaftigkeit entsteht so für die Zusehenden und lassen ihrerseits Raum für Interpretationen und Identifikation. Die unbeeindruckte und selten wirklich emotionalisierte Fuji ist so auch ein Spiegel ihrer Lebensrealität. Sie lebt in einer kahlen Wohnung, entweder da ihr inneres Chaos nach Ordnung im Außen strebt oder weil sie als eine kahle und facettenlose Person gezeigt werden soll. So entsteht immens viel Raum für die Belebung, das Ausschmücken mit Farbe, Ecken und Kanten für diese Figur.
Wohin geht es?
Es bleibt sehr offen wohin sich die Serie bewegen kann. Die Möglichkeiten eine Handlung in unerwartete Richtungen ausschlagen zu lassen, haben andere Animes bereits bewiesen. „With You and the Rain“ verkörpert eine fragile Ruhe, eine Indifferenz mit der Welt da draußen, die ihrerseits chaotisch und schwer zu begreifen ist. Die Mischung aus scheinbar magischem, personifiziert sorglosem und optimistischem Tanuki und einer von Zweifel und depressiven Phasen dominierten Protagonistin sind interessant zu betrachten. Zumal die Balance zwischen ernsthafter Thematik und albernem Humor, inklusive übertriebener Anime-Klischees in Bild und Ton mit expressiven und lauten Bildern und Stimmen, sehr zu Gunsten des Humors tendieren.
Sehenswert, interessant, niedlich und sehr atmosphärisch ist diese Serie. Man kann und sollte sich einen eigenen Eindruck schaffen, die Serie und ihre offen gelassenen Räume mit eigenen Interpretationen füllen.




