X-Men – Inferno – Das Ende der Hickman-Ära

4. Juli 2022
3 Minuten gelesen

Jonathan Hickmans anders gedachter X-Men-Kosmos und damit einhergehend der brachiale Neustart der Mutanten hat über drei Jahre hinweg neue Maßstäbe gesetzt. Für das Konzept, für den aktuellen Status quo der Mutanten, bediente dieser sich bei vielen Größen wie Grant Morrison oder Matthew Rosenberg. Hickman nutzte einige Ideen aus deren X-Men-Reihen, die zusammen etwas Neues ergaben.

Unter Hickman entstanden eine unglaubliche Fülle an eigenen Serien der Protagonisten und Teams sowie ganze drei große Events. Die X-Men sind bei Comic-Fans so beliebt wie seit Langem nicht mehr. Doch nun findet Jonathan Hickman in „Inferno“ einen Abschied mit einem Event, das die losen Fäden und offenen Fragen voriger Events und Einzelrehen zusammenbinden soll.

In einem 212 Seiten starken Paperback erscheint dieser Abschluss bei Panini Comics. Eine kleine Covergalerie findet sich im Anhang dieses Bandes.

Ein kleiner Rückblick

Wem die Handlung von „House of X/Powers of X“ nicht bekannt ist, der sollte diese zumindest einmal überflogen haben, bevor man sich an dieses dicke Paperback wagt. Es ist wichtig zu verstehen, welche Rolle Moira McTaggert in dieser Welt spielt, die vom immer gleichen Konflikt Mensch und Mutant geprägt ist. Ihr ist die Fähigkeit der Reinkarnation in den immer selben Startpunkt „gegönnt“. Somit konnte sie über knapp 1.000 Jahre viele Szenarien durchspielen, um den Erhalt der Menschen und der Menschen mit mutantischem Ursprung zu gewährleisten.

Ihr gelangen mit Professor X einige Durchbrüche. Momentan erleben wir Moira X 10. Leben, das ihr eine geheime Unterkunft bescherte, da niemand von ihrer Existenz erfahren sollte. Jedoch konnten die Mutanten um Charles Xavier und Magnus alias Magneto vieles Positives erreichen. Durch die Errichtung eines eigenen Staats, finanziell und den Ressourcen nach unabhängig vom Rest der Welt, gelang es den Mutanten zum ersten Mal einen Frieden sondergleichen zu fühlen. Das Reich der Mutanten prosperiert und blüht zu unbekannter Stärke und Mannigfaltigkeit auf, denn sie sind dank der Insel Krakoa, die auch Mutant ist, unsterblich.

Sie muss sterben vs. sie muss wiederbelebt werden

Wäre da nicht die Liebe; vielmehr die unerfüllte, verzweifelte, sich sehnende und hoffende Liebe der Mystique. Sie verlor ihre Geliebte, die Mutantin mit der Fähigkeit in die Zukunft zu sehen. Professor X und Magneto folgen dem Ratschlag Moira X, die Mutantin niemals wiederzubeleben, ja sogar alle Backups zu ihr für immer zu löschen. Mystique ist aber eine gerissene Taktikerin und ihr gelingt es, die zwei zu hintergehen.

Während Professor X und Magneto versuchen, auf der Orchis-Station im All den technisch erweiterten Sentinel (spezielle Mutantentötungsmaschine) zu stoppen, ermächtigt sich Mystique der nötigen Hilfsmittel, um ihre Geliebte wiederzubeleben. Denn Mystique trägt die Erinnerung in sich, dass Moira McTaggert alle Mutanten der Welt „heilen“ will. Natürlich zum Schutz ihres Lebens, zu Kosten ihrer Fähigkeiten. Dies muss laut Mystique verhindert werden, koste es, was es wolle.

So entsteht schlussendlich eine Dualität zwischen der Vorhersehung der Erfahrung aus 1.000 Jahren Leben und der Entscheidungsfindung. Keiner lässt sich überzeugen, denn jeder wähnt sich im Recht. Wer nun schlussendlich recht behalten wird, bleibt abzuwarten. Ist es die moralische Frage danach, alles Leben zu erhalten, zum Preis des Verlusts der Mutation gegen den Willen einiger überzeugter Mutanten? Oder läuft es darauf hinaus, die Liebe in allen Formen zu bewahren und zu retten? So oder so, die Maschinen, die sich Sentinels nennen, machen am Ende nur einen Unterschied und werden unnachgiebig ihrem Programm folgen. Was wird mit den X-Men geschehen?

Der Stil

Die drei Zeichner dieses Events bilden eine rundum harmonische Einheit in ihren Stilistiken. Die Hefte 1 und 3 bis 4 stammen von Valerio Schiti. Mit seinen vielen verschiedenen Oberflächenstrukturen in den Bildern, einer Mischung aus Schattierung mit Rasterpunkten, Schraffurlinien und Koloration und brachialen Actionszenen überzeugt er prompt. Schitis Bilder sind reich und dicht, denn man kann immens viel darin bestaunen. Sei es die makellose Kolorierung durch David Curiel, der in allen Kapiteln dieses Events die Farben beisteuerte, oder die facettenreichen Darstellungen der Protagonistinnen in Aktion oder während dialoglastiger Verhandlungen. Es wird direkt zu Beginn klar, dass das vorliegende Event eines voll mit Action und komplexen Dialogen wird. Die Tonalität adäquat umzusetzen, gelingt allen drei Zeichnern.

Das 2. bis 4. Heft zeichnet der als Stammzeichner der Marauders-Reihe arbeitende Stefano Caselli, dessen poppige und klare Linie hebt die häufig düsteren Szenarien in eine leichte Frische. Die Art und Weise, Emotionen und Expressionen zu zeichnen, ist in dieser Ausgabe ganz besonders hervorzuheben. Die dadurch erzeugte Stimmung hinterlässt einen merklichen Eindruck.

Als alleinstehendes Werk ist das dritte Heft von R.B. Silva („X-Men Neustart“, „X of Swords“) zu betrachten. Sein markanter Stil zeichnet sich in dieser Ausgabe vor allem durch ein Layout und Zeichnungen aus, die gerade durch ihre vielschichtige Kolorierung extrem an Lebendigkeit gewinnen. Silva zeigt außerdem großartige Splashpages und eine Bandbreite an Figurendesigns.

In der Summe ist dieses Event äußerst homogen und bildet eine Kollaboration, wie man sie nur selten zu sehen bekommt. Es wirkt gar so, als hätten die drei Künstler in einem Büro oder Studio zur selben Zeit gearbeitet und sich gegenseitig beeinflusst. Zumindest zwei der drei Zeichner scheinen sich in einer engeren Zusammenarbeit befunden zu haben. Als zusätzliche Kraft kam für das dritte Heft R.B. Silvas der Tuscher Adriano Di Benedetto hinzu.

Fazit
Jonathan Hickman Abschluss „X-Men – Inferno“ ist wie auch sein gesamter Schaffensprozess: komplex, vielschichtig und visuell hochwertig. Dieses Event ist kein eigenständiges Werk, das man gänzlich ohne Vorwissen in Fülle genießen kann. Selbst als jemand, der in der Materie steckt, finden sich doch noch so einige offene Fragen und nur unzureichend angedeutete Aussagen in diesem Werk. Man erfährt hierin einiges, das an einen Schluss einer Epoche erinnert. Allerdings werden zeitgleich so viele Türen aufgemacht, dass es schwerfällt, befriedet und sich auf den Stuhl fallen lassend zu einem ruhenden Gefühl zu kommen. Der von Hickman angestoßene Wandel scheint schon zu reifen und zu wachsen und wird wohl auch in der Zukunft für viele spannende Comics sorgen. Dieses Event überzeugt, sorgt aber auch für Verwirrung, Überforderung und stellt dennoch zeitgleich wichtige Fragen, die sich jeder mindestens einmal gefragt hat. Hochwertig komplexe Unterhaltung aus der Welt der Mutanten – dafür steht Jonathan Hickman, dem nun ein Abschied vergönnt sei. Die Fans des Homo Superior dieser und aller anderen Welten winken dankend und hoffen auf einen ebenbürtigen Nachfolger.
Pro
Komplexer und bildgewaltiger Abschluss der X-Men-Ära von Jonathan Hickman.
Kontra
Kann für Leser, die mit früheren Handlungssträngen nicht vertraut sind, verwirrend sein; hinterlässt mehrere offene Fragen.
9.4

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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