Spy X Family – Code: White – Kann Comedy und Agententhriller überzeugen?

12. April 2024
6 Minuten gelesen

Kurz nach der Publikation des mit Eisner-Awards nominierten Mangas „Spy X Family“ von Tatsuya Endo im Jahr 2019 war klar, dass die Fans nach einem Anime dürsten. Nur knapp 3 Jahre danach veröffentlichte das Studio TOHO (fast alle Godzilla-Filme und Klassiker wie „Ran“ und „Okami“) den wahnsinnig erfolgreichen Anime. Nun erscheint bereits ein Jahr später auch der erste eigenständige Film „Spy X Family – Code: White“ in Deutschland. Unter der Leitung von TOHO haben die Animationsstudios „WIT Studio“ (Attack on Titan) und „Cloverworks“ (Black Butler) diesen Film mit Regisseur Takashi Katagiri auf die große Leinwand gebracht. Der mittlerweile größte Vertrieb für ostasiatische Medien Crunchyroll bringt in Kooperation mit Sony diesen 110 Minuten langen Anime-Spielfilm am 23. April im Rahmen der Anime-Night in die deutschen Kinos.

Es knallt und blitzt, witzelt und schnulzt im Film. Aber lässt sich der Charme der sonst knapp 20 minütigen Episoden auf eine Spielfilmlänge übertragen? Kann dieser Film das Gefühl für die Figuren, den ikonischen Witz und die parallel dazu existierende Agenten-Action überhaupt transportieren?

Diese Fragen versuche ich nach einem ersten Blick im Rahmen einer Einladung zur Pressevorführung von Crunchyroll und Sony hierin zu klären.

Unabhängig und bereichernd

Der Film „Spy X Family – Code: White“ ist ein Stand-alone Werk, das maximale Einsteigerfreundlichkeit beweist. In wenigen Minuten eines Prologs gelingt es die Protagonisten zu verstehen. Entweder mittels prägnanter Szenen oder einigen Worten des Off-Sprechers erhält man als Neuling eine kompakte Darstellung der Ausgangslage und beteiligten Figuren. So darf man in hochwertiger Animation und interessanter Inszenierung betrachten, wie Loid Forger alias Agent Twilight seine Fähigkeiten als Spion, mit Spezialität in Täuschung und Maskierung, präsentiert. Außerdem bestaunt man die kaltblütige und todgefährliche Yor Briar alias Dornenprizessin, die im Alleingang ganze Verbrechersyndikate ins Leichenhaus bringt. Mit zur Partie gehören noch Anya Forger, die die Fähigkeit besitzt die Gedanken anderer zu hören, und der Familienhund Bond, der einige Minuten in die Zukunft sehen kann. Sie bilden im Auftrag der Organisation WISE, initiiert durch Loid alias Agent Twilight eine Scheinfamilie mit der Absicht „Operation Strix“ erfolgreich abzuschließen.

Spy X Family Code White
© 2023 SPY x FAMILY The Movie Project © Tatsuya Endo/Shueisha

Diese bunte und ja doch sehr spannend, komplementäre Mischung von Figuren unterliegen aber alle einem Dilemma. Sie dürfen voneinander nicht wissen welche Skills zu besitzen, denn alles unterliegt einem großen Plan: dem Erhalt des Friedens zwischen Westalis und Ostalis und somit auch der Welt. In diesem Dilemma liegt ein Problem, welches man dieser Serie und auch dem Film vorwerfen könnte. Es verbietet sich eine offene Kommunikation über Wünsche, Hoffnungen und Emotionen zu pflegen. Außerdem wird in keiner Silbe hinterfragt, ob die Motive des Geheimdienstes die Mittel der zu befolgenden Befehle rechtfertigen. Man identifiziert sich also mit autoritätshörigen Menschen, die nicht befähigt sind ihre wahren Gedanken und Gefühle zu äußern. Sollte dieser Mantel des Geheimen in der fiktiven und für die „Operation Strix“ zusammengewürfelten Familie Forger erst gelüftet, so wäre diese Familie die wohl mächtigste und gefährlichste Verbindung von Fähigkeiten weit und breit.

Der Plot

Nachdem nun die Exposition seinen Abschluss findet, rollen die Intro-Credits über die Leinwand. Hinterlegt von Bildern des Familienlebens, prägnanten Darstellungen der Figuren und mündet darin, dass wir in der Schule Anyas landen. Dort muss sie im Rahmen eines Küchenkurses ein Dessert zubereiten. Dieses bewertet der Direktor höchst persönlich, was dank Loid Forgers umfangreichen Informationen, zum logischen Schluss führt, dass sie in die Heimatregion des Rektors reisen müssen, um sich dort ein traditionelles Rezept des zuzubereitenden Kuchens zu organisieren. Anyas sonst eher schwache Leistungen sollen schließlich mit allen Mitteln zum Erfolg gekrönt werden und den Preis gewinnen. Gesagt, getan und „Code: White“ beginnt.

Kurz zuvor erfahren wir außerdem, dass Loid versetzt werden soll und die Familie Forger samt „Operation Strix“ an einen anderen Agenten übergeben könnte. Yor beobachtet ihren Scheinehemann, für den sie in ihrem Kern dann doch sehr viele Gefühle hegt, in einer ominösen und nach Fremdgehen auszulegenden Pose. Man erkennt schnell eine Eifersucht und ihr Bestreben die einzige im Leben ds Loid Forger zu bleiben. Den von ihren Kolleginnen ins Ohr gesetzte Floh nach drei Kriterien einer Affäre Ausschau zu halten und vielleicht sogar zu verifizieren, ist ein immer wiederkehrender Aspekt dieses Films. Natürlich ist dieser zumeist humoristisch aufgewertet.

Spy X Family Code White
© 2023 SPY x FAMILY The Movie Project © Tatsuya Endo/Shueisha

Ein einfacher Plan gerät ins Chaos

Der Gewinn dieses Kochwettbewerbs ist auch für die Tochter Anya extrem wichtig. Sie fürchtet sich, ihrer Telepathie zu Dank, vor dem möglichen Abbruch der Operation Strix und somit auch dem Ende ihrer Familie. Sie muss um jeden Preis gewinnen und wirft sich übereifrig ins Geschehen. Dies führt dazu, dass sie bereits im Zug eine von anderen Agenten gesuchte Praline aus Versehen verschluckt. Jener Unfall wirft den einst so harmlosen Urlaub in die Alpenregion und die an Wien angelehnte Stadt „Frigis“ in ein schieres Chaos. Die Familie gerät im Versuch das alles entscheidende Dessert zu finden in einen Disput mit einem Militäroberst. Eben dieser Oberst Stibel ist, auch dank der sehr überzeichneten Feindseligkeit in seiner Mimik, ganz klar der Antagonist dieses Films. Es soll sich heraus stellen, dass sie im weiteren Verlauf auch in tatsächlich gewaltvolle Konflikte mit diesem Oberst geraten sollen.

So baut sich dieser Film über mehrere kleine Etappen auf, die streng einer Challenge-Logik folgen. Kleinste Ereignisse werden zu wichtigen Events und Aufgaben stilisiert und fortlaufend miteinander verzahnt. In einigen Szenen lassen sich natürlich Anspielungen auf andere Spionage-Klassiker finden, wie beispielsweise Mission-Impossible. Die Skript-Methode des „Seed and Feed“, also der Vorausdeutung und dem späteren Auflösen, nutzt der Regisseur mehrfach. Häufig wird dabei Humor als kanalisierendes Mittel und Auflösung eines Konflikts genutzt. Mindestens gleichwertig dazu steht aber natürlich die Action, davon auch reichlich.

In der Struktur vorhersehbar?

Vieles in „Spy X Family – Code: White“ wirkt in seiner Welt stimmig. Jedoch scheint es wie eine Reihe von Episoden, die mittels einiger nonverbaler Sequenzen übergebunden werden. So lässt sich der Film in drei klar voneinander abzugrenzende Teile gliedern. Jede ist ihrerseits ungefähr so lang wie eine Anime-Episode. Doch kommt es manchmal so vor, als hätte man in diesen Episoden noch etwas zusätzliche Zeit generiert. Durch das Hinzufügen eines weiteren Gags, einer weiteren Szene und von eigentlich Irrelevantem entstehen 110 Minuten Laufzeit.

Es ergibt sich daraus ein Film, der in seiner Struktur und Erzählweise wenig überraschend ist. Dennoch kreierten die Macher viele Szenen, die einem ein gutes Gefühl vermitteln und die recht schlichte Handlung spaßig werden lassen. Dabei ist vor allem Anya als Comic-Relief ein wichtiger Bestandteil dieser Figurenkonstellation. Die Fülle der absurden Situation entstehen gerade wegen der Geheimnisse und Doppelleben der Protagonisten. Eine Qualität, die sich in der Vorlage und dem Anime als Quelle vieler komischer Konflikte zusammenfassen lässt. Dadurch gewinnt die Handlung zwar nicht mehr Tiefgang oder Identifikation mit den Figuren, weiß dennoch abzuholen.

Es knallt und knufft

Spy X Family Code White
© 2023 SPY x FAMILY The Movie Project © Tatsuya Endo/Shueisha

Sofern man diesen Film einem Genre zuordnen muss, bliebe es wohl die Action-Comedy. Es gelingt dem Film eine ausgewogene Balance zwischen albernen, kindlich, blödeligen Gags, die sich zeitweise in den Bereich des Fäkalhumors wagen, und den fulminanten und spannenden Kampfsequenzen. Sowohl die Comedy, fast immer getragen von Anya und ihrer manchmal in Buntstift-Look getauchte Imagination, als auch die brachiale Action, mit ihren CGI-Effekten, rasanten Kamerafahrten, vielen Schnitten und dynamischen Perspektiven sehen einfach blendend aus. Zu oft gelingt es den Animationsstudios im Bereich Anime nicht die Verschmelzung der drei- und zweidimensionalen Animation nahtlos zu vollziehen. Die klar als CG-Effekte erkennbaren Szenen oder Hintergründe reißen aus der Welt heraus oder wirken seltsam deplatziert.

In „Spy X Family – CODE: White“ hingegen funktioniert diese Fusion zu allergrößter Zahl. Die Bilder sind knackig bunt, die Figuren spritzig und charmant humorvoll designed und können ihrerseits mit all ihren charakterbildenden Fähigkeiten trumpfen. Visuell macht dieser Film absolut etwas her, wenn auch keine herausragenden oder gar extrem innovativen Bilder zu erwarten sind. Es funktioniert schlichtweg überzeugend, kann sich aber auch des Settings wegen leider wenig Spielraum für künstlerisch-expressive Sequenzen leisten. In einigen Szenen jedoch kratzt die Darstellung von Gewalt an den Grenzen des familienfreundlichen Animes. Die Menge an Blut und Expressivität der Figuren zeigt eine dunkle Seite, die kleine Menschen möglicherweise unangenehm verstören könnte.

Ein weiterer Punkt der subjektiven Wahrnehmung dieses Films ist der sehr oft unscheinbare Soundtrack. Dies mag nun daran liegen, dass die Musik mehr der Unterstützung eines Gefühls wegen geschrieben wurde oder schlichtweg zu egal ist, um weiter aufzufallen. In ihrer Funktion hingegen kann man auch an dieser Stelle nur bekräftigen, dass sie funktional und wenig herausstechend bleibt.

Spy X Family Code White Cover
Fantastische Unterhaltung mit Agentenflair
„Spy X Family - CODE: White“ ist ein extrem unterhaltsamer Anime, der einem viele Facetten bietet und Lacher garantiert. Ob man nun als Fan oder als Neueinsteiger diesem Film begegnet, es ist für fast jede Person etwas dabei. Dadurch jedoch stellt sich aber auch eine gewisse Beliebigkeit ein, die sich vor allem in solchen Aspekten wie der offenen, innerfamiliären Kommunikation und dem Hinterfragen von Obrigkeiten als solches nicht abschütteln lässt. Die Fans wird es begeistern, denn es gibt den Figuren Raum das zu tun, wofür man sie so gern hat: die verrückteste und komischste Agentenfamilie der Anime-Geschichte zu sein.
Pro
bezaubernde Animation
Gag-Feuerwerk
rasante Action
Kontra
wenig Kritik oder Hinterfragen der Situation als solche
etwas beliebig und schemenhaft vorhersehbar
7

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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