Noir Burlesque 1

20. April 2022
1 Min. Lesezeit

Was braucht es, um eine authentische Crime-Noir Geschichte zu erzählen? Mindestens einen knallharten Typen, der immer einen Spruch auf den Lippen hat, eine schöne, von mehreren Männern begehrte Frau mit komplizierter Vergangenheit, eine kriminelle Organisation, die dem Ganzen seinen Untergrundcharakter gibt, und Anzüge und Autos.
All das verbindet „Noir Burlesque“ mit Bravour. Der Schweizer Künstler Enrico Marini macht mit seiner atmosphärischen Geschichte im Stile von „Sin City beim Carlsen Verlag einen vielversprechenden Auftakt. Dieser erste Band erscheint im großformatigen Hardcover und ist vom Druck der Papierqualität und seinem Inhalt jeden Cent wert.

Ein letzter Tanz?

Der abgebrühte ehemalige Boxer und Soldat des Zweiten Weltkriegs Slick ist zurück in New York. Es sind die 50er Jahre; Bandenkriminalität und unstabile Verhältnisse sind Lebensrealität für viele Menschen. Er hält sich nicht lange mit Ablenkungen auf und begeht einen Juwelenraub, nicht ohne dabei mit seiner klischeehaften Männlichkeit die Verkäuferin ganz beiläufig um den Finger zu wickeln. Doch es gibt nur eine Frau in seinem Leben. Sie heißt Debbie, versteckt sich aber mittlerweile als Caprice in der Öffentlichkeit als Burlesque-Tänzerin. Die Wege der Femme fatale und des (in körperlicher und verbaler Form) schlagfertigen Protagonisten kreuzen sich schnell, denn er hat noch immer nur Augen für sie.

Leider muss Slick feststellen, dass sie nun mit Rex, dem größten Gangsterboss der Stadt, liiert ist. Dieser ist zudem auch noch sein Arbeitgeber, bei dem er die Schulden der Familie abzahlen muss. Ihm wird klargemacht, dass er sich keinen Fehltritt erlauben darf was Caprice angeht. Außerdem soll er einen letzten Job für ihn erledigen, der alles beenden soll.

Marini erzählt eine extrem konventionelle, dennoch gewitzte Crime Noir-Story, die sich grandios als Drehbuch und visuelle Vorlage eigenen würde. In dieser Exposition der „Noir Burlesque“ finden sich bisher nur stereotype Figuren, die allenfalls plakative Dialoge miteinander führen. Nichtsdestotrotz funktioniert es einfach wirklich fabelhaft.

Grandiose Bilder

Die Kunst Enrico Marinis ist das Erzählen in Bildern. Es ist wirklich unglaublich schön und hat seinen ganz eigenen Zauber, den er in seine Bilder legt. Das gesamte Setting ist einfach perfekt. Vom Lichtspiel auf den schwarzen Mercury Coupés, über die Darstellung des Stadttrubels bis hin zu intimsten Momenten überzeugen seine Bilder. Seine Malereien zeigen einen sehr sauberen, klar definierten und formschönen Stil. Die Kolorierung ist – bis auf die wiederkehrende Farbe Rot – monochromatisch gehalten. Mittels vieler Farbgradienten von Weiß über Grau zu Schwarz zaubert der Künstler eine nahezu fotorealistische Atmosphäre in seine Bilder.

Auch die Perspektiven strahlen von Anfang an das gewisse Etwas aus. Man fühlt sich sofort in eine lebendige und real wirkende Welt in Schwarz-Weiß eingesogen. Man kann wirklich nur stauen ob der fantastischen Bilder in diesem ersten Band.

Fazit
„Noir Burlesque“ ist die perfekte Umsetzung eines Film-Noir in umwerfenden Bildern und mit vielen abgebrühten Sprüchen. Zwar sind die Figuren bislang noch recht eindimensional und ein Stück weit Abziehbilder ihrer selbst. Dennoch macht dieser erste Band viel Freude. Es ist haptisch, künstlerisch und atmosphärisch ein wirklich überzeugender Start in eine vielversprechende Geschichte.
Pro
Atemberaubende und stimmungsvolle Kunstwerke von Enrico Marini, die die Essenz des Film Noir mit der brillanten Verwendung monochromatischer Töne einfangen.
Kontra
Stereotypische Charaktere und Dialoge, manche mögen die Handlungskonventionen bekannt finden.
9.4

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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