Der Kaiser im Exil

kaiser im exil cover

Der Erste Weltkrieg war verloren und Deutschland legte im Winter 1918 den Grundstein zur Bildung einer neuen Verfassung und Staatsform. Der einstige Kaiser Wilhelm II. floh vor den Revolutionären ins niederländische Exil.
Jan Bachmann berichtet in seiner Graphic Novel „Der Kaiser im Exil“ davon, wie das einst mächtigste deutsche Ehepaar ihre Jahre im Exil verbrachte.

Der Verlag Edition Moderne hat diese Geschichte in einem Hardcover – mit goldglänzender Schrift auf dem Buchrücken und auf kräftigem Papier gedruckt – veröffentlicht.

Die Handlung

Es beginnt in der Nacht der Unterzeichnung des Vertrages, in dem der Kaiser seine Abdankung besiegelte. Schnell wird klar, dass die Familie fliehen muss. Die Revolutionäre besetzen Schlösser, Amtsgebäude und Manifestationen der nun alten Monarchie. Der Kaiser lässt um Hilfe bei einem Bundesgenossen in den Niederlanden erfragen. Der Graf Bentick scheint erst widerwillig, sagt dann aber doch zu. Es seien ja nur „drei Tage“ wurde ihm über das Telefon berichtet.

Im weiteren Verlauf dieser Graphic Novel beschreibt Bachmann, wie sich der Alltag im Exil gestaltete. Dies geschieht mithilfe von publizierten Augenzeugenberichten einiger anwesender Personen. Darunter sein Adjutant Ilsemann und die zu Besuch gewesene Tochter eines Grafen aus Gainsborough, ebenfalls Bentick genannt. Darin wird unter anderem geschildert, welche sehr menschlichen und oftmals wunderlichen Eigenheiten Wilhelm hatte. So machte er sich daran – sicherlich um einen Sinn und produktive Beschäftigung zu haben -, einen Baum nach dem anderen um das Anwesen des Grafen Bentick zu fällen, zu sägen und zu zerhacken. Es ging sogar so weit, dass er sich zusätzliches Personal beorderte, die ihm bei der Försterei behilflich sein sollten.

Einige interessante und witzige Anekdoten über das Leben des ehemaligen Kaiser-Ehepaars werden ebenfalls erzählt. Auch das Rollenbild der loyalen und interessierten Frau wird hierin bestens geschildert.

Durch die politischen Verbindungen des neuen Deutschlands zu den Niederlanden und fortschreitenden anti-monarchischen Strömungen musste Wilhelm im Laufe seiner Zeit im Exil einen Fluchtplan in ein anderes Exil entwerfen. Auch diese Phase ihrer Anwesenheit in Amerongen auf dem Landsitz des Grafen Bentick musste enden. Nach nun mittlerweile mehreren Jahren seiner Anwesenheit und schwindend loyalem Personal gegenüber dem ehemaligen Kaiser schmiedeten die übrigen einen Plan. Wie und wann dieser durchgeführt würde, erfährt man ausgiebig in dieser Graphic Novel.

Der Stil

Das Cover gibt einem bereits einen Einblick in die Stilistik wie auch in die Gestaltung des Schriftbilds. Die altdeutsche Schrift zieht sich durch das gesamte Werk. Dies schafft zusätzlich zur Thematik einen historifizierten Eindruck, dem man sich nicht erwehren kann.

Die Illustrationen sind überstilisiert, karikaturesk, oftmals frei von realistischen Formen oder Proportionen. Der Bentick wird mit einer Schweinsnase dargestellt, die Kaiserin mit Frisur und Augen, die einer Hexe gleichen. Der Protagonist wird in verschiedenen Arten gezeigt und zeichnerisch dargestellt, mal satirisch, mal ernsthaft.

Ein sich über das gesamte Werk erstreckendes Stilmittel ist die Gestaltung der Natur. Des Öfteren werden ganzseitige Darstellungen von Bäumen zwischen die Handlung gestellt. So werden das Tempo und eine Zäsur des Inhalts geschaffen. Die Bäume allerdings haben oftmals Gesichter mit Nasen des Pinocchio oder anderen Grimassen, die sich nicht eindeutig in den Kontext zur erzählten Geschichte setzen lassen.

Die Kolorierung des gesamten Werks kommt mit nur wenigen Farben aus. Eine dem Expressionismus ähnelnde farbliche Gestaltung, also der fast ausschließlichen Verwendung von Blau, Rot und Gelb als grundlegende Farbtöne, ist in diesem Werk zu erkennen. Zwar werden gelegentliche Varianten dieser Farben (wie beispielsweise Rosa oder Violett) genutzt, um eine Atmosphäre zu festigen, jedoch zieht sich dieser Farbstil sehr stringent durch die Novel. Dies wäre der Zeit des Geschehens auch angemessen, denn die Hochphase der expressionistischen Malerei und Literatur lag ungefähr zur Zeit des Ersten Weltkrieges. Das gesamte Werk ist eine expressionistische Darstellung eines durch weltpolitische Ereignisse irrelevant gewordenen Mannes.

kaiser im exil cover
Fazit
Jan Bachmann, dessen Werke sich bisher immer mit realhistorischen Ereignissen, auf fundierten Quellen basierend, befassen, erzählt in dieser Graphic Novel vom Untergang eines einstigen Vorbilds einer Nation und einer romantisierten Person der deutschen Geschichte. Die menschlichen Momente und kruden Eigenschaften dieser Person können als exemplarisch für den Führungsstil, den Hergang der Historie und schließlich auch für das Ende einer ganzen Ära herangezogen werden. Die grafische Umsetzung dieser Thematik ist anfänglich ein wenig sperrig. Unter Betrachtung der stilistischen Vorbilder des Expressionismus dann allerdings schon wieder harmlos. Es blitzen einige sehr interessante Fakten und Anekdoten hindurch, derer man sich dieser Form nicht zwingend bewusst gewesen sein wird. Im Ganzen betrachtet ist diese Graphic Novel eine mal mehr, mal weniger unterhaltsame, durch seine Illustration mäßig ansprechende Parodie über einen Mann dessen beste Tage hinter ihm lagen.
Pro
Eine expressionistische Darstellung eines durch weltpolitische Ereignisse irrelevant gewordenen Mannes.
Kontra
Überstilisierte, manchmal bezuglose Illustrationen.
7

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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