Marvel Must-Have: Daredevil – Father

20. Mai 2024
3 Minuten gelesen
Marvel Daredavil Father Cover Panini

Als 2004 der bereits langjährige und trotz seiner großen Erfolge zu Unrecht wenig bekannte Autor Joe Quesada zu Marvel zurückkehrte, stand Großes bevor. Die damals veröffentlichte Mini-Serie, jetzt von Panini als „Marvel Must-Have: Daredevil – Father“ im Hardcover erneut verlegt, war Quesadas alleiniges Werk. Der kreative und visionäre Geschäftsmann und Künstler war einst dafür mitverantwortlich, dass es Marvel heute überhaupt noch gibt. Als das Haus der Ideen am Ende der 1990er Jahre nahezu Bankrott war, überließ Marvel Joe Quesada und einigen befreundeten Künstlern wie Brian Michael Bendis (Ultimate Spider-Man) und Garth Ennis (The Boys) die künstlerische Leitung. Das Ergebnis sind einige bis heute als jüngere Meilensteine geltende Comics aus der „Marvel Knights“ Serie.

In diesem Comic, der sich mit Quesadas Lieblingsfigur „Daredevil“ befasst, verarbeitete der alleinige Künstler seine eigene Lebensrealität. Zu dieser Zeit lag sein Vater im Sterben und während er tagelang am Krankenbett saß, schrieb er und entwickelt er diese Geschichte. Daraus entstand ein, wenn auch nicht gerade unkritischer Lobgesang auf die Väter dieser Welt.

„Keine gute Tat bleibt unbestraft.“

Dieses Zitat stammt von Battlin’ Jack Murdock, der Vater des Titelhelden Matt Murdock. Sollte man sich noch nie mit der Figur Daredevil befasst haben, so erhält man auf den ersten Seiten einen kompakten Abriss der Origin des roten Teufels von Hells Kitchen. Der gesetzte Ton, beginnend mit einer über Erzähler-Boxen berichteten Erinnerung, legt die Grundlage für alles Kommende. Wie in einem guten Drehbuch arbeitet Quesada mit dem „Seed and Feed“ Prinzip, das viele der Wendungen schon früh andeutet. Jene Anspielungen werden dann erfolgreich und gut inszeniert am Ende dieses Comics aufgelöst. Die Rahmenhandlung begibt sich jedoch in eine andere Richtung.

Von Frustration und moralisch fragwürdigen Motiven getrieben, sorgt der als Daredevil bekannte Held in seinem Viertel Hells Kitchen bekannte Held für Ordnung und Frieden. Außerdem ist das gesellschaftliche Alter-Ego der Anwalt der Schwachen und Vernachlässigten. Mit diesem Doppelleben der Moral plagt sich Daredevil häufig. Auch andere Comics nehmen diese Spannung gerne auf. In dieser Ausgabe führt diese Doppelbelastung dazu, dass sich der vielbeschäftigte Daredevil abkehrt von der Welt außerhalb Hells Kitchens und so mit einer Ignoranz sondergleichen glänzt.

Wir werden in eine Gemengelage aus einer neuen Klienten, die eine Firma wegen ihrer aus Umweltverschmutzung resultierenden Unfruchtbarkeit verklagen will, einem Superreichen Oligarchen, der als multimediales Phänomen dubiose Absichten haben könnte und der Rückkehr eines Serienmörders unvermittelt hineingeworfen. Jene drei Handlungsstränge führen Matt Murdock und Daredevil immer wieder zurück zu Erinnerungen an seinen Vater. Erinnerungen an Integrität, daran Opfer zu bringen, Aussagen und Ausschnitte aus ihrem Leben und immer wieder kehrt Quesada zu der einen Frage zurück. Was muss einem Menschen geschehen, dass das eigene Kind nicht mit Respekt und Liebe umsorgt wird? Wie groß ist die Verantwortung, die man als Elternteil trägt?

Grob wie ein Boxer

Copyright: Panini

Joe Quesadas eignen Aussagen zu Folge, nachzulesen am Ende dieses mit vielen zusätzlichen Informationen gespickten Hardcovers, waren die stilistischen Entscheidungen in diesem Comic eine bewusste Abkehr vom eigenen Stil. Er selber mochte seine frühen, groben und teils unfertig aussehenden Zeichnungen seiner jungen Jahre gern und wollte diesem Rechnung tragen. So hat er diesen Daredevil immens breit, kräftig, grob, brachial und muskulös werden lassen. Doch nicht nur die massive Kampfrüstung, die dieser trägt, um sich gegen eine Horde von Kämpfern zu rüsten, ist massiv und grob. Auch die anderen Figuren und Perspektiven zeugen von einer gewissen Freude am Verstörenden. Nicht selten darf man also extrem nah an Körperteile und vor Panik weit aufgerissene Augen der Opfer des Serienmörders heran. Diese Super-Close-Ups erzeugen per se ein Gefühl des Unwohlseins und des Unbehagens, was Quesada bewusst einsetzt, um die emotionale Berg- und Talfahrt nur noch zu intensivieren.

Nebst dieser teilweise verstörenden Panels, steht dann immer mal ein Monolog, eine Erinnerung und die Rückbesinnung an die eigene Kindheit und das eigene Handeln des Daredevils. In keiner Phase dieses Comics kommt man jedoch zur Ruhe, denn Schlag auf Schlag folgen die Ereignisse und somit auch groß angelegte Panels. Die Kolorierung von Richard Isanove setzt jede Szene gekonnt voneinander ab und schärft die Atmosphäre ungemein. Die Intensität der Farben ist noch nicht zu hoch, sodass die teils entsättigten Farbflächen viel mit Farbgradienten arbeiten, um eine Tiefe zu erzeugen. Als ganz besonderes Highlight der Illustration ist die Verwendung von Tiefenschärfe anzumerken. Etwas, das leider nur selten Platz findet, und den filmischen Eindruck ins unermessliche potenziert. So wirken einige Panels mehr wie eine fantastische Vorlage für ein Storyboard, als „nur“ Teil eines Comics.

Marvel Daredavil Father Cover Panini
Mutig, in Form und Inhalt
„Marvel Must-Have: Daredevil - Father“ gehört zu einem der herausstechendsten Daredevil-Comics. Joe Quesadas Einfluss und die schiere, brachiale Gewalt, die in diesem Comic stellenweise zelebriert wird, lässt die Figur in einem neuen Licht erscheinen. Daredevil wirkt nicht wie ein Held, wie ein Retter, wie eine schillernde Figur zu der heraufgesehen werden sollte. Es ist ein Mensch, gebrochen von der Vergangenheit, verletzt und verbittert ob der eigenen teilweise schrecklichen Erlebnisse der Kindheit. Durch diesen Konflikt hindurch, nimmt diese Mini-Serie sich den Mut mit Konventionen der Darstellung von Helden zu brechen und bietet Raum die eigene Erziehung und Fehlbarkeit zu durchleuchten. Es plädiert für die Achtung der Schwächen, aber auch für die Vergebung der selbigen.
Pro
interessante Themenaspekte
knackige Handlung
gute, teils abschreckend Inszenierung
Kontra
ungewohnt grobe Zeichnungen
8

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Lars Hünerfürst

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