Ryuko – ein Debüt eines Bildhauers

19. Mai 2023
4 Minuten gelesen
Copyright: Eldoyoshimizu.com

Anfang 2011 veröffentlichte der weltweit renommierte japanische Künstler Eldo Yoshimizu einen Manga, der seinen weiteren Weg womöglich unwiderruflich verändert hat. Seit der Mitte der 1990er Jahre ist der 1965 in Tokyo geborene Künstler regelmäßig ausstellender Künstler gewesen. Einige seiner Werke, wovon viele seiner Exhibitionen in Japan stattfanden, wirkten über die Landesgrenzen hinaus. Der wohl größte Durchbruch dennoch ist der nun hier zu besprechende Manga. Mit „Ryuko“ wagte er sich in neue Bereiche der Kunst. 

Dieses Werk richtet sich ganz eindeutig an eine ältere Leserschaft. Auch der in Deutschland veröffentlichende Verlag Carlsen gibt mit dem auf der Rückseite abgedruckten Hinweis „ab 16 Jahren“ klar zu erkennen, dass die darin gezeigten Inhalte härterer Natur sind. Das Genre „Gekiga-Manga“ umfasst eben solche „erwachsenen“ Geschichten, die auch in ihrer Gestaltung unkonventionelle Wege gehen können. „Ryuko“ ist in zwei Bänden abgeschlossen. Bisher. Erst kürzlich meldete sich Eldo Yoshimizu zu Wort und verkündete, dass er wegen der Betroffenheit einiger seiner Freunde und den Unruhen in Hongkong eine dritte Ausgabe bearbeitet. Yoshimizu hat bereits in seinem letzten Werk „Hen Kai Pan“ bewiesen, dass er einige politische und gesellschaftskritische Aussagen zu formulieren weiß. Spannend bleibt es also, was Yoshimizu dort ausarbeitet.

Familiendrama, Tradition und Kriege

Ryuko ist mit nahezu jeder Waffe tödlich und die derzeitige Spitze der Yakuza des fiktiven Staats Forossyah im nahen Osten. Sie hat sich vor vielen Jahren gegen ihren Vater und für den Schutz eines ihr anvertrauten Babys entschieden. Als dies herauskam sah sie sich gezwungen in Verteidigung des Kindes und des gemachten Versprechens ihren Vater den Yakuza-Boss zu töten. Wegen eines aktuellen Staatsstreichs muss sie nun mit ihren engsten Vertrauten, darunter auch die als Säugling gerettete und mittlerweile junge Frau Barelle, das Land zu verlassen. Sie hinterlassen dabei eine Welle der Verwüstung und fliehen nach Japan. Ihr wird während der Tumulte, kurz vor dem Tod einer ihr nahstehenden Person, anvertraut, dass ihr totgeglaubte Mutter scheinbar noch lebt. So begibt sie sich mit ihrer Gefolgschaft auf die Suche nach der doch noch lebenden Mutter. Ein Thema das sich durch die gesamte Geschichte zieht, die Beziehung zwischen Eltern und Kind.

Wem dies an Plot noch nicht reicht, erhält sogleich einen erzählten Rückblick in das Afghanistan der 80er. Man springt genau in die Epoche der afghanischen Geschichte, in der die CIA über Waffenlieferungen und Ausbildung der später als Taliban bekannten Kämpfer gegen die Sovietunion agierte. Inmitten dieser Kriegswirren begibt sich die damals noch junge Ryuko in Begleitung ihres für die CIA arbeitenden Vaters in ein kleines Dorf. Dort rettet sie einige Bewohner, wird selbst von einem Jungen namens Harim gerettet und erhält zum Dank für die Befreiung ein für das Dorf identitätsstiftendes und historisch wichtiges Schwert.

Zwischen den Fronten

Die angespannte Situation eskaliert brachial, einem Soldat der Soviets gelingt die Flucht vor dem Bombentod. Dieser berichtet nun der Tochter des damaligen Kommandierenden von besagter Episode. Sie möchte etwas über die Gerüchte um ihren in Ungnade gefallenen Vater erfahren. Ein zweites Thema in diesem Werk: die ambivalenten Motive der Figuren, die weder „gut“ noch „böse“ sind, sondern immer beides sein können.

Fortan entspinnt sich eine Jagd um die Machtposition der weltweit größten Geheimorganisation „Schwarze Blume“. Ryukos Mutter spielt darin eine Rolle, die von der jungen Frau Tsu angeführte Yajima-Bande, die für die chinesische Mafia Janchinpan als „Kettenhunde“ auf Ryuko angesetzt wird und eine Verstrickung in Geheimdienste bilden eine komplexe vielschichtige Handlung. Womit man auch schon zur Kritik des Werks übergehen kann.

Vielschichtig, vielleicht zu viel und zu wichtig?

Allein die eben gemacht Handlungszusammenfassung der zwei Bände sollte einem klar machen, dass die Geschichte keine simple ist. Sie verstrickt sich in so mancher Ausschweifung. Obwohl sie doch recht stringent ist, beginnt man doch manchmal zu stolpern. Die Wechsel des Handlungsgeschehens sind sicherlich nicht so offensichtlich und plump, wie es so mancher anderer Manga umsetzen würde. Zwar finden sich kleine Info-Boxen, die zumeist Informationen zum Zeitpunkt und Ort der zu erzählenden Handlung anbieten, jedoch bleiben die Figuren und Motive derselbigen meist einige Seiten lang nebulös.

Dass sich die gesamte Geschichte, wie eine Montage erst im weiteren Verlauf zu einem komplexen Bild zusammenfügt, lässt sich manches Mal nicht absehen. So wird und ist jede Nebenhandlung und auch viele der Nebenfiguren relevant für den Ausgang und die Wandlung der Geschichte rund um Ryuko. Dies kann streckenweise ermüden, da immer nur weiter Intrigen und Geheimnisse hochbefördert werden. Nicht besonders hilfreich dabei, also dem Versuch der Handlung und der Figurenentwicklung Bedeutung und Identifikation beizumessen, sind die unkonventionellen Zeichnungen. 

Abstraktion der Kunst im Manga

Der Stil Eldo Yoshimizu ist Dicht an Details, dynamisch und provokant einzigartig. Letzterer Punkt bezieht sich auf das Panellayout, das auf vielen Seiten des Mangas fließend und ohne Rahmen umgesetzt wird. Yoshimizu nutzt manchmal Bewegungen und große Objekte, um die Seite in sich zu gliedern und Aktionen voneinander räumlich zu trennen. Dies stellt allerdings ein Problem dar. Das Format des Mangas ist nur etwas größer, als die meisten Shonen wie One-Piece. Eben wegen dieser Tatsache fällt es häufig schwer und fordert eine immense Aufmerksamkeit dem Erzählten zu folgen. Ins Besondere Actionszenen und Kämpfe verkommen dadurch manchmal zu verwirrenden Flächen aus Schraffuren und Details, die genaustes Betrachten zum Verständnis der Aktionen erfordern. Nichts destotrotz ist und bleiben viele seiner Bilder kleine Kunstwerke, jedes für sich.

Über die Art und Weise der Figurenentwürfe ließe sich ebenso diskutieren. Die überzeichneten Formen der Frauen, also dünn, lang, kurvig an gegebenen Stellen und irgendwie an Science-Fiction-Wesen erinnernde Wesen, stehen im krassen Kontrast zu den Männern. Diese sind zumeist reine Bollwerke der „Männlichkeit“, genauer gesagt muskulös, blockartig, griesgrämig, massiv in ihrer Erscheinung und zugleich nicht weniger klischeehaft. Diese Entscheidung, sowie die leider nicht sehr gut funktionierenden Layouts, lässt das Werk erheblich im Genuss verbittern. 

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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