Blade of the Immortal – Perfect Edition

Als Hiraoki Samura 1993 an einem Wettbewerb für Mangas teilnahm, ahnte noch niemand, dass der damals 23 Jährige mit seinem Debüt seinen größten Hit veröffentlichen würde. Ganze 9 Jahre und insgesamt 30 Paperbacks später hatte er mit „Blade of the Immortal“ einen unsterblichen modernen Klassiker des Seinen-Manga hervorgebracht. Neben Shonen und Shojo (Mangas für Jungen oder Mädchen um die 13 Jahre) gibt es noch viele weitere Genres des japanischen Comics. Dieser beim Ludwigsburger Verlag Cross Cult unter dem Imprint Manga Cult erscheinende Titel ist definitiv ein Seinen, richtet sich also unbedingt an Erwachsene.
Der Verlag bringt die Reihe in einer Perfect Edition (mehrere Einzelbände zusammen in einer dicken Ausgabe) als Re-Print auf den Markt. Sie erscheint mit einem mit Oberflächenstruktur versehenen Kunststoffumschlag. Zwei serielle und eine filmische Adaption finden sich zudem mittlerweile im Video-On-Demand Angebot mancher Streaminganbieter.

Es geht nach Japan, genau gesagt in ein alternatives Japan zum Zeitpunkt der Edo-Ära. Kurz bevor das Land sich gezwungen sah, von der unnachgiebigen Kanonenbootpolitik der US-Amerikaner „motiviert“, der Welt zu öffnen, herrschte relativer Frieden. Eine starke Hierarchie konnte nur von Landesfürsten, genauer gesagt Daimyos, durchgesetzt werden. Sie alle waren dem Shogun untergeben, welcher mit Hilfe vieler Beamter die Geschicke des Landes führte. Es herrschte Stabilität, wenn auch eine Aushöhlung der Samurai-Kaste, die Gesellschaft begann sich bereits neu zu ordnen.

Copyright: Cross Cult

Unsterblichkeit ist ein Fluch

Manji ist unsterblich. Er war einst ein skrupelloser Mörder, dem wegen seiner Taten ein Fluch angehängt wurde. Seine Erlösung in den Tod würde ihm erst gewährt, wenn er 1000 Verbrechern das Leben nahm. Als herrenloser Samurai, also Ronin, durch die Lande streifend, begegnet er der jungen Frau Rin. Sie verlor ihre Eltern, die ein Dojo (Schule für Schwertkunst) betrieben. Dafür zu verantworten haben sich die Anhänger des Kagehisa Anotsu, der der Anführer der Itto-Ryu Schwertschule ist. Es ist eine Ansammlung von mordlustigen, extrem gefährlichen Ronin, die er unter seiner Schule vereint. Anotsu zieht durchs Land und unterwirft gewaltvoll alle anderen Schwertschulen, um so eine Revolution der Schwertkunst zu bewirken und wieder Krieger auszubilden. Man erinnere sich an das historische Setting. Krieger brauchte niemand mehr, denn es herrschte Frieden im Land. Kagehisa Anotsu jedoch mordete und unterwarf weiterhin einen großen Teil der Dojos. Natürlich macht er sich damit mächtige Feinde.

Nun ist also Rin die Erbin des Dojos und sie schwor sich Rache. Gerade mal 17 Jahre alt und unerfahren macht sie sich auf den Weg den Mörder ihrer Eltern zu finden. So stößt sie irgendwann auf Manji und heuert ihn an ihr auf der Suche und der Erfüllung ihrer Vendetta zu helfen. Gemeinsam ziehen sie durchs Land und begegnen auf dem Weg vielen Anhängern, Freunden, Agenten der Regierung und anderen menschlichen Schicksalen. Nicht immer kann Manji siegreich davonkommen, denn er ist ehrlich gesagt nicht mal ein besonders guter Kämpfer. Er ist gerissen, meist schwer bewaffnet und schlichtweg ohne Angst. So kommt es auch mal vor, dass ihm Gliedmaße entfernt werden. Dank seines Fluchs und den ihn regenerierenden Blutwürmern geht er jedoch häufig als Sieger aus den Duellen hervor.

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Ideologisch und Persönlich

Da diese Reihe so umfangreich ist, bietet sich viel Platz die Motive und die wichtigsten Akteure in ihren Absichten näher zu beleuchten. Diesen Raum nimmt sich der Künstler und schafft so selbst zu den vermeintlichen Bösen dieser Geschichte eine interessante Nähe. Denn ist man ehrlich, würde man kaum jemanden von ihnen als wirklich „gut“ beschreiben. Die Sympathieträger sind eben nur weniger verdorben und schlecht als andere. Viele des stetig wachsenden Figurenensembles bringen zudem einen weiteren spannenden Aspekt in die Handlung mit. So entspinnt sich irgendwann ein politisches Machtduell, eine Undercover-Mission mit doppeltem Spiel, mehrere sehr intime Momente und zahlreiche Tragödien.

Es ist und bleibt aber unterm Strich ein Manga, der sich um herrenlose Samurai dreht, die meist als aufgedrehte Psychopathen gezeigt werden und denen sich Manji entgegenstellt. Dennoch bietet dieses Werk mehr als nur Kämpfe. Man findet darin auch Humor, Dramatik und einige historische Anspielungen. Insgesamt macht diese Reihe einfach viel Spaß beim Lesen, wenn sie sich auch nicht immer problemlos lesen lässt.

Ambitioniert und manchmal doch vorbei

Copyright: Cross Cult

Der Zeichenstil Hiroaki Samuras ist sehr atmosphärisch und von einem Wechsel des Zeichenmediums geprägt. Viele der Panels sind mit Tusche nachgezogen worden. Wiederum andere, darunter auch Splashpages oder sogar nur Teile einer Seite, sehen aus, als wären sie mit Kohlestiften oder Bleistift umgesetzt worden. Diese Mischung der Zeichenmedien macht einen erheblichen Unterschied in der Wirkung, aber eben auch in der Verständlichkeit der Bilder. Gerade zu Anfang dieser Reihe kann man so manchen Kampf erleben, bei dem es an Überblick fehlt. Man weiß einfach nicht, was gerade passiert, da man es nicht erkennen kann zwischen all den vielen Schraffuren, dynamischen Linien einer Bewegung und teilweise ungünstig gewählten Bildausschnitten. Diese Verwirrung in den Panels ist oft nur wenige Augenblicke lang. So kann man der Geschichte wieder folgen und erfreuen, denn im Kern ist Samuras Stil wirklich sehr schön und strahlt eine ansprechende Ästhetik aus.

Die Figurendesigns sind zu sehr großem Teil einfallsreich und gut voneinander zu unterscheiden, selbst im hektischen Gewirr eines Gefechts. Seine eingefangene Stimmung einer Szenerie wirkt authentisch und gibt dem Geschehen oftmals eine ruhige und sehr harmonische Atmosphäre. Immer wieder werden Kapitel mit einigen Seiten Kohle- oder Bleistiftzeichnungen begonnen, die wirklich fantastische Bilder zeigen. Innerhalb der Reihe kann man zudem die Entwicklung des Künstlers bemerken. Nicht nur im Punkt Inszenierung, auch seine Panels werden eindeutiger und teilweise noch expliziter. Dies kann bei Lesern, denen psychische und physische Gewalt nicht gut bekommt zu heftigen Reaktionen führen und ist daher sicherlich abzuraten sich mit „Blade of the Immortal“ zu befassen

Ein Fest für Samurai-Fans
„Blade of the Immortal“ ist ein schonungslos spannender und künstlerisch ansprechender Manga. Wer sich für Samurai-Geschichten zur Edo-Zeit begeistern kann, wird dieses Werk verschlingen. Es vereint gleich mehrere Qualitäten und lässt einen als Leser nur selten unbefriedigt zurück. Auch wenn die Zeichnungen anfangs manchmal starke Schwankungen ihrer Verständlichkeit haben, wird dieses Werk jedoch einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Nicht nur die Illustrationen, auch die Figuren lassen unterdes diese Reihe mit jedem weiteren Band zu etwas mit großem Unterhaltungswert heranwachsen.
Pro
interessante Figuren
schöne Zeichnungen
ein sich organisch entwickelnder Plot
Kontra
manche Zeichnungen
teilweise sehr explizit und hart
8

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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