Blood on the Tracks

25. April 2023
3 Minuten gelesen

Eine behütete Kindheit ist wichtig für die Entwicklung jedes heranwachsenden Menschen. Das Zauberwort „Bindung“ steht häufig im Zentrum der Erziehung und sorgt zuallermeist dafür, dass die Erwachsenen der Zukunft selbstbestimmt, selbstbewusst und mit Selbstwirksamkeit fürs Leben ausgestattet sind. Was passiert aber, wenn man in einem Haushalt aufwächst, in dem Bindungsmuster vorherrschen, die fernab von der als psychisch gesunden „Normalität“ zu beschreiben sind?

Der Künstler Shuzo Oshimi widmet sich in seiner noch nicht beendeten Manga-Reihe „Blood on the Tracks“ einer disfunktionalen Mutter-Kind Beziehung. Diese sehr intensive Lektüre wurde 2022 bereits für einen Harvey-Award nominiert und umfasst bis dato bereits 15 Sammelbände in Japan. Warum dieses Werk anders ist, als so Manches der zeitgenössischen Mangaka wird sich im Folgenden klären.

Das Lächeln der Mutter

Copyright: Cross Cult

Ein Blick die Cover der bereits beim Cross Cult Verlag erschienenen Ausgaben lässt eine sanftmütige Geschichte vermuten. Eine junge Mutter und ihr Kleinkind lächeln in die Kamera, die auch die folgenden Cover wie Schnappschüsse oder Familienfotos festhalten wird. Es beginnt jedoch ganz anders und sofort wird einem klar, dass in dieser Geschichte Dinge geschehen, die eine Grenze sondergleichen übertreten.

Die ersten Seiten des ersten Bandes sind noch in Farbe gedruckt. Sie zeigen wie wir als Leser aus der Perspektive des Kleinkinds Seiichi Osabe mit seiner Mutter Seiko Osabe eine Straße entlang laufen. Umher schwirren Schmetterlinge und es liegt eine „schlafende“ weiße Katze am Straßenrand. Gemeinsam nähern sie sich dieser und stellen fest, dass sie schon ganz kalt ist. Die Mutter lächelt daraufhin sanftmütig über die Zusammenkunft mit der toten Katze.

Ohne nun all zu viel hinein zu interpretieren, kann man schon einiges daran ablesen. Die weiße Katze symbolisiert Reinheit. Diese wird seit Beginn der Geschichte von der Mutter personifiziert. Die umherschwirrenden Schmetterlinge um die Mutter Seiko malen jedoch ein ganz anderes Bild. Ein Schmetterling markiert in der Symbolik Japans den Übergang einer toten Seele in eine neue Form. Zwar sind dies subtile kulturelle Codes, die die Wirkung aber auch für westlich geprägte Leser schnell klar werden lässt. Hier stimmt etwas absolut nicht.

Eine behütete Kindheit

Copyright: Cross Cult

Seiichi ist nun 14 Jahre alt und ein gewöhnlicher Schüler. Er hat Freunde, die mit ihm rumalbern und sogar ein Mädchen, das ihn interessant findet. Sein Vater ist ein schwer beschäftigter Mann und selten zu Hause, eher bei der Arbeit als woanders. Seiko schmeißt den Haushalt und ist zudem noch überfürsorglich. Sie kocht Seiichi das Lieblingsessen, fragt jedes Mal welche Variation eines Gerichts er lieber essen möchte und scheint sich hingebungsvoll um den heranwachsenden jungen Mann zu kümmern. Doch schon die Frage, ob er seine ihn anhimmelnde Klassenkameradin Yuko nach Hause einladen dürfte, wird auf geschickte Weise unterbunden.

Seiichis Cousin, der gleichaltrigen Shigeru, wird nun zum Stammgast im Hause Osabe. Zusammen spielen sie Videospiele. In einer Unterhaltung äußerst er, dass Seiichi ein Muttersöhnchen sei und seine Mutter Seiko seltsame Verhaltensweisen an den Tag lege. Etwas, das dem Protagonisten bis dahin nie aufgefallen war und dieser vorerst nicht akzeptieren will. Die Suche nach körperlicher Nähe, auf sehr unangenehme Art und Weise, durch seine Mutter Seiko nimmt er nun anders wahr.

Eines Tages plant die gesamte Familie also inklusive Großeltern, Tante und Cousin einen Ausflug in die Berge zu unternehmen. Die beiden Jungs albern herum und entfernen sich etwas von der Gruppe, um pinkeln zu gehen. An einer Klippe stehend, posiert Shigeru wie mutig er sei und gerät ins Wanken. Blitzartig schnellt die sie beobachtende Seiko aus dem Gebüsch und rettet ihn vor dem Absturz… dann lächelt sie und stößt ihn die Klippe hinab.

Erschreckend nah

Copyright: Cross Cult

Der Stil Shuzo Oshimis ist klar, detailliert und schaurig. Dieser zeichnet sich vor allem durch die viele Verwendung von Schraffuren und Schattierung aus. Sehr viele der Bilder ergeben ein sehr stimmungsvolles Setting durch nur wenige Hilfsmittel. Lediglich Grautöne, Weiß und Schwarz werden genutzt und mit Hilfe der teilweise sehr dichten Schraffuren zusammengefügt.

Ein ebenso für diese Arbeit stilprägendes Element ist die kunstvolle Verwendung von Bildausschnitten. Vor allem Super-Close-Ups, Close-Ups und die Fragmentierung einer Szene in verschiedene Fokuspunkte erheben so manches Geschehen auf ein Niveau der inneren Anspannung und Abscheu, dass es kaum ertragbar ist. Außerdem zeichnet Oshimi seine Figuren in Momenten des Schocks und Angst mit Gesichtsausdrücken, die einem beim Anblick sofort unter die Haut gehen. Entweder weil man die Art und Weise der Darstellung schlichtweg nicht schön findet oder sie ins Schwarze trifft und genau das erreicht, was erreicht werden soll. Ein Gefühl des Unbehagens auslösen, eine innere Zerwürfnis und somit den Leidensweg der Figur auf eine ganz subtile Methode zum eigenen macht, während man liest.

So oder so ist dieser Manga ein echter „Page-Turner“. Jedes Mal frustriert über den kleinen Umfang einer Ausgabe und gierig nach mehr, erwarten die Fans dieser Reihe nun die nächsten Veröffentlichungen. Bis September 2023 sind die Veröffentlichungen bereits angekündigt.

Geht unter die Haut
„Blood on the Tracks“ ist eine verstörende, aufreibende und extrem spannende Lektüre. Der Weg, den der Autor Shuzo Oshimi einschlagen wird, kann sich in alle Richtungen ausweiten. Dieser Psycho-Thriller-Horror geht unter die Haut, mit seinen Bildern und einer abstoßend fesselnden Geschichte. Die fantastischen Zeichnungen und die unheimlichen Close-Ups ergeben eine sagenhafte Atmosphäre des Unbehagens und Anspannung. Auch sind die Figuren in ihrer kaputten Funktionalität innerhalb des Systems Familie mit viel Potential ausgearbeitet worden. Ein dringender Tipp für Fans des psychisch fordernden Geschichten.
Pro
klasse Zeichnungen
atmosphärische Perspektiven
gruselig gute Figuren
Kontra

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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