Blood on the Tracks 6 – emotionale Misshandlung

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Auch der sechste Band von „Blood On The Tracks“ verfestigt die Einzigartigkeit dieser Reihe. Die von Shūzō Oshimi entworfene Manga-Reihe schockiert und fasziniert jedes weitere Mal. Die psychische Belastung des Lesenden beim Anblick des massiven emotionalen Missbrauchs der Hauptfigur löst eine Faszinosum aus. Man will nicht hinsehen, kann aber auch nicht wegsehen. Genau damit spielt der Künstler und fordert der Leserschaft auch einiges ab. Was in dieser sechsten, beim Cross Cult Imprint Manga Cult erschienen Ausgabe passiert, soll kurz abgehandelt werden. Jedoch muss gesagt werden, dass nicht viel verraten werden kann, ohne die Spannung zu nehmen. Man sollte diese Erfahrung und die Eindrücke einmal selber machen, wenn man es will.

Zurück in Mamas Arme

Copyright: Cross Cult

Nachdem Sei mit seiner Klassenkameradin und Liebelei Fukiishi eine Konfrontation und Flucht in ihr Haus mit anschließender Teenager-Kuschelei durchlebt haben, kehrt Sei wieder zurück. Er begibt sich zurück in die missbräuchlichen, dennoch Liebe und Zuneigung versprechenden Arme seiner Peinigerin, seine eigene Mutter Seiko. Sie treffen sich im strömenden Regen, dramatischer kann ein Wiedersehen fast nicht inszeniert werden.

Zurück im Hause Osabe, besprechen sie die Ereignisse der letzten Tage. Seiko bearbeitet ihren Seiichi gnadenlos. Als der alles verändernde „Unfall“ des ersten Bandes zur Sprach kommt, geht sie sogar so weit ihrem psychisch am Rande des Zusammenbruchs befindlichen Sohns eine Erinnerung einzupflanzen, die nicht der Tatsache entspricht.

Perfide Spielchen

Die Mutter Seiko manipuliert in einer umbarmherzigen Art, dass man als Leser:in dieser Szene unweigerlich an Folter und schwerste Traumatisierung denken muss. Seiko verlangt von ihrem Sohn Sei absolute Loyalität, da sie ihn bereits in den vorigen Bänden emotional gebrochen hat. Er ist über alle Maßen abhängig von ihr, emotional und psychisch. Sie hingegen nutzt diese Macht, um ihre perfiden Spielchen zu spielen. So wundert es nicht, dass sie ihn mit dem Aufkommen einiger Fragen durch ihren Sohn, kurzum Retraumatisiert und ihn noch mehr an sich bindet. Ihr Spiel aus Verweigerung von Nähe und Zuneigung, die nach der Selbstaufgabe und völligen Untergebenheit durch ihren Sohn wiederum mit Liebkosungen belohnt werden, sind fast nach Lehrbuch der psychischen Misshandlung ablaufend.

Seiko entdeckt die Spuren ihres heranwachsenden Sohnes und der für ihn aufregenden Nacht mit Fukiishi. Der getrocknete Rest Sperma in der Unterwäsche dienst als weiteres Druckmittel die Sexualität ihres Sohnes zu dämonisieren, ihn zu erpressen und zu peinigen. Sie setzt ihn sogar vor die Tür, wo dieser nun bettelnd um Einlass fleht. Der Plan Seikos gelingt und sie hat ihren Sohn wieder „auf Linie“ gebracht, ihn in maximale Abhängigkeit zurückgeholt. Der Vater der Familie platzt in die Szene und hat eine alles verändernde Information im Gepäck. Dies Ausgabe endet auf einem symbolischen, bereits in einer der vorigen Rezensionen angesprochenen, Metaphorik und lässt einen mit kaltem Schauer zurück.

Copyright: Cross Cult

Viel zu nah

Der Zeichenstil Shūzō Oshimis ist unverkennbar. Die klaren Linien und minimalistischen Szenerien werden häufig gebrochen mit Super-Close-Ups. So passiert es schon Mal, dass einige Seiten von super nah gezeigten Gesichtern, Augen, Mündern und anderen in Schock und Schmerz verzogenen Körperteilen zu sehen sind. Diese Stilistik erzeugt nicht nur Unbehagen und Überforderung, es zeigt außerdem eindrucksvoll, wie wenig es eigentlich braucht, um solch starke Reaktionen bei den Lesenden hervorzurufen. Die immer wiederkehrende Methode wird in diesem Band außerdem durch eine weitere Technik verschärft.

Einige Panels, in denen Schock-Momente und massive Angst verdeutlicht wird, haben eine andere Linienführung. Man stelle es sich vor, als würde man Zeichnen während ein Erdbeben von Statten geht. Alles ist verwackelt, grob und verzerrt. Dieser Effekt wurde auch einige Male in Filmen verwendet, meistens sogar in Kombination mit schrillen Sinustönen und Schmerzen, die die Akteure empfinden oder einer Verzerrung der gesamten Realität. Der Einsatz dieses Mittels setzt dem eh schon grandios funktionierenden Zeichenstil seine kleine Krone des Psycho-Horror-Genres auf. Unverständlich, wie einige Buchläden diese Reihe in „Special“ einsortieren können und nicht bei „Horror“.

blood on the tracks 6 cover
Schockierend und spannend
Auch „Blood On The Tracks 6“ geht unter die Haut und fesselt einen von Anfang bis Ende. Diese Reihe erzeugt eine kuriose Mischung aus Ekel und Faszination, die selten erreicht auch an den eigenen Vorstellungen von Psycho-Horror rüttelt. Das Figurendrama rund um Seiichi stellt sich der Herausforderung konsequent weiter zu gehen und fiebert somit einem Höhepunkt entgegen, der es nur so in sich haben wird. Große Empfehlung für alle Freunde des Suspense und des Psycho-Horrors im Comic-Format.
Pro
sehr spannend
fantastische Illustrationen
Kontra
zu schnell ausgelesen
Stilistik manchmal repetetiv
8

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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