Chinas Geschichte im Comic – China durch seine Geschichte verstehen – Band 3

Der Autor Liu Jing hat mit dem vierteiligen Comic über die Geschichte Chinas ein ambitioniertes Vorhaben unternommen. Ungefähr 5000 Jahre Geschichte und Mythen ranken sich um Chinas Genese und Jing Liu versucht diese in extrem geraffter Form in einer bebilderten Variante dem Leser des chinesischen Auslands näher zu bringen.

Das Spannende an diesem Comic ist zudem, dass diese gesamte Reihe, wie auch einige andere Veröffentlichungen des Verlags Chinabooks E. Wolf, in zweisprachiger Ausführung daherkommt. Die erste Hälfte des Comics ist in deutscher Sprache und die zweite in chinesischer.

Was Passierte also im Zeitraum 907-1368 in der Region, die wir heute China nennen?

Nachdem die Tang-Dynastie ihr Ende fand, zerbrach das Reich abermals in mehrere kleine Regionen. Es begann die Ära der „Fünf Dynastien und zehn Reiche“. In dieser Epoche der chinesischen Geschichte herrschten Militärgeneräle und mehr Krieg als Frieden. Der Norden wurde zu dieser Zeit von den erstarkten Khitan, einem Verbund nomadischer Stämme, dominiert; nur einige Jahrzehnte später gründete sich unter ihnen die Liao-Dynastie.

Im Süden dagegen bildete sich die Song-Dynastie (960-1279), in derer sich Technologie, Diplomatie und Kultur zu nie da gewesenen Ausmaßen entwickelten. Sie schufen Friedenspakte mit den nördlichen Dynastien, errichteten ein neues System der Beamtenprüfung, gründeten Schulen, führten den Reisanbau zum ersten Mal in der chinesischen Geschichte flächendeckend ein, reformierten das Kreditwesen und entwickelten Technologien, die bis heute genutzt werden. Einige Beispiele daraus sind: Rettungsringe, Blasebalge für Schmieden, Lupen, mit Wasserkraft betriebene Spinnräder, den Kompass, den Buchdruck mit beweglichen Zeichenblöcken und das für die westliche Welt im Verlauf der Geschichte essenzielle Schwarzpulver.

Klischees und Fakten

Gleichzeitig dazu blieben die Stämme des Nordens in einem ewig anhaltenden Konflikt mit den anderen Dynastien. Dies führte dann zur Mitte des 12. Jahrhunderts zu größeren militärischen Konflikten und einer weiteren Massenflucht in den Süden. Hunderttausende Menschen flohen in den Süden, wurden teilweise gefangen von den nomadenstämmigen Warlords und versklavt oder einfach verkauft. Historiker nehmen an, dass zu dieser Zeit das „Füße abbinden“ entstanden sein könnte, um so wenigstens die eigenen Töchter vor Missbrauch, Sklaverei und Tod zu schützen. Die geflohenen Menschen gründeten die „Südliche Song-Dynastie“, die sich selbst regierte, also ohne nomadische Militärgeneräle an den Spitzenpositionen.

Die sich daraus entwickelnde „logische“ Konsequenz und Frage stand im Raum, warum sich „die Chinesen“ so oft ohne großartige Gegenwehr einem neuen Herrscher unterwarfen, der im Falle der Liao-Dynastie oder den Jürchen, nicht mal eine chinesische Dynastie war. Einige Gelehrte führten dies auf die Mentalität des Konfuzianismus zurück, der jedem Herrscher das Recht gab, Regime zu stürzen und neue zu etablieren, wenn er für Frieden und Sicherheit des Volkes garantieren konnte. Doch beklagten einige dabei, dass der Einfluss fremder Herrscher zunahm und so begann sich der Gedanke einer nationalen und ethnischen Identität in Gelehrtenkreisen breit zu machen. Es entstand der Neokonfuzianismus, der für ganze 800 Jahre die Philosophie Chinas werden und bleiben sollte.

Philosophie und Technologie

Auch eine wichtige Neuerung und extrem prägend, was die gesellschaftliche Gesinnung und die Perspektive auf die Welt angeht, war die Einführung und das kaiserlich bekräftigte Aufkommen des Neokonfuzianismus. Die Abwandlung der Philosophie schuf den Bildungskanon, der bis ins 20. Jahrhundert bestand haben sollte. Die oft nicht mehr zeitgemäßen Werke wurden gekürzt, neue hinzugeschrieben und es entstand ein neuer Kanon an Materialien, die sich hingegen des Vorgängerwerks auch mit Sitten, Verhaltensnormen in der Familie und Ritualen des privaten Lebens befassten. Selbst für die Kinder wurden einfachere Versionen der neuen Lehre verfasst. Es wird behauptet, dass die „Drei Zeichen Klassiker“ sogar von jedem heute lebenden Chinesen, egal welchen Alters, zumindest in seinen ersten drei Zeilen zitiert werden könne. Unglaublich, dass eine über 800 Jahre alte Schrift so präsent und prägend für zig Generationen sein sollte.
Ein weiteres Novum des Neokonfuzianismus war die strukturelle Veränderung des Bildungssystems, was zu einer breiten, in alle Bevölkerungsschichten eindringende grundlegende Bildung und Motivation für höhere Ämter implementierte.
Während der Song-Dynastie entstand auch eines der noch heute meist geschätzten und wertvollsten Kunstwerke, das fünf Meter lange Gemälde „Am Fluss entlang während des Qingming-Festes“.

Okkupation

Doch auch diese von Technologie und kulturellem Wohlstand gezeichnete Zeit hatte bald ihren Höhepunkt erreicht. Denn nun stand ein neuer Mitspieler auf dem globalen Schachbrett der Schlachten und Weltmächte, die Mongolen. In aller Kürze sei hier nur angemerkt, dass das Reich der Mongolen das bisher in der Menschheitsgeschichte größte (Fläche) Reich aller Zeiten war. Die Krieger waren unerschrockene und grandiose Schützen zu Pferd, nahmen im Sturm eine Region/Stamm/Volk nach der anderen ein und etablierten ihre Herrschaftsordnung, die streng militant und diktatorisch geschildert wird. Des Weiteren wird im dritten Band der Reihe „Chinas Geschichte im Comic“ die Genese des Mongolenreichs und der Niedergang, wie auch die Auswirkungen Marco Polos auf das Bild der Chinesen im europäischen Mittelalter beschrieben.

Auch diese kurze Zusammenfassung des Comics ist nur als ein gänzlich grober Abriss zu verstehen. An vielen Stellen werden noch mehr Details, Namen, Titel, Dynastien, Auf- und Niedergänge einzelner Persönlichkeiten beschrieben, die hier an dieser keinen Platz finden.

Der Stil und das Format

Wie auch in den vorherigen Comics bleibt die Illustration gleich. Allerdings kann nun mit dem dritten am Stück gelesenen Teil dieser Reihe ein wenig die Darstellung der nomadischen Völker kritisiert werden. Die Abgrenzung von „Chinesen“ zu „Nicht-Chinesen“ ist klar durch die Mimik und Gestik unternommen worden. Die „Fremden“ und (in nahezu allen Fällen dieser Erzählung) bösen Nomaden werden fast immer mit gezogenen Waffen, offenen raffgierigen Mündern, teilweise sogar extrem düster im Negativ ohne menschliches Gesicht gezeichnet.

Sicherlich waren auch die „Chinesen“ bei ihren Eroberungen der umliegenden Regionen nicht viel barmherziger, jedoch werden sie umso häufiger mit zwar ernster, aber auch ruhiger Haltung und Würde präsentiert. Hier mag es dem einen oder anderen Leser etwas zu sehr durch die Brille des Autors gefärbt oder durch die Perspektive der zugrunde liegenden historischen Kommentare zugegangen sein. Sonst gilt auch für dieses Werk, dass eine hohe Dichte an Schaubildern, Karten der sich verändernden Grenzen und Statistiken eingefügt wurden, um die schier unglaublichen Zahlen in visualisierter Form greifbarer zu machen.

Fazit
Der dritte Band beschreibt ungefähr den Zeitraum dessen, was in Europa als Mittelalter betitelt wird. Allerdings sind sich Historiker auch bei diesem Begriff selten einig. Liu Jing hat mit diesem dritten Teil die letzte Kurve vor den abschließenden 100 Metern Sprint in die Neuzeit vorgelegt und es bleibt spannend, wie sich die Geschichte Chinas fortspinnt. Dem Autor ist es abermals gelungen, eine so komplexe und offensichtlich vielschichtige Geschichte in kurzen Worten und stilistisch einfacher Darstellung zu präsentieren. Als Leser des chinesischen Auslands kann auch aus diesem dritten Teil von „Chinas Geschichte im Comic“ eine gehörige Menge Verständnis für die kulturelle Entwicklung Chinas genommen werden und es lohnt sich auch für weniger Interessierte, einen Blick hineinzuwerfen. Die überraschenden Wendungen und kleinen Momente der Erkenntnis sind auch in diesem Band zahlreich.
Pro
Sehr faktenreich. Komplexe Zusammenhänge werden verständlich erklärt, interessante kleine Fakten inklusive.
Kontra
Ein wenig "Kulturfeindlichkeit" in der Darstellung der Invasoren.
9

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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