Die kleine Zikade und der alte Ochs

15. April 2024
2 Minuten gelesen
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Comics sind häufig verschrien als Bilderbücher für Kinder, die Lust auf Actionhelden haben. Dass dies nicht mehr stimmt, sollte Jedem klar sein, der sich mal nur eine Sekunde damit auseinandergesetzt hat. Auch die Behauptung über Bilderbücher müsse man überprüfen, denn schließlich ist seit einiger Zeit ein wachsender Markt zu verzeichnen, der sich den erwachsenen Lesern zuwendet. Vor allem Autoren und Künstler aus China scheinen dieses Genre besonders zu beleben, wie uns der Autor Cao Wenxuan und die Künstlerin Britta TeckentrupDie kleine Zikade und der alte Ochs“ abermals beweisen.

Wenxuan ist honorierter Professor und Schriftsteller in Peking, dessen Arbeit bereits 2016 mit dem international prestigeträchtigen „Hans-Christian-Andersen Preis“ gewürdigt wurde. Ebenso erhielt die in Berlin lebende Illustratorin Britta Teckentrup unzählige Ehrungen für ihre Werke. Ihre Arbeiten weisen eine spannende, künstlerische Richtung auf, die in diesem Bilderbuch in Synergie mit chinesischer Schreibkunst zu bewundern ist. Dieses Hardcover-Album erscheint in der Übersetzung von Nicola T. Stuart beim Berliner Verlag Jacoby&Stuart.

Kein Vertrauen, keine Zuneigung

Copyright: Jacoby & Stuart

Wir beginnen diese Geschichte mit dem alten Ochsen. Dieser ist auf dem Weg den nahegelegenen Berg zu erklimmen, auf der Suche nach frischerem Gras. Ihm entfällt währenddessen, dass am Horizont ein Unglück heraufzieht. Es erscheint die kleine Zikade, die ihn aufgeregt und eindringlich vor einem drohenden Vulkanausbruch warnt. Der alte und sture Ochse mag diesem kleinen und unscheinbaren Insekt keinen Glauben schenken. Doch der Lauf der Naturgewalten wird ihn nicht nur überraschen. Sie werden ihn auch im Weiteren auf ganz andere Art und Weise ergreifen.

Der nur durch eine List der Zikade knapp dem Inferno entkommene Ochse fühlt sich nun verbunden und verantwortlich, ja sogar dankbar, gegenüber diesem kleinen Insekt. Sie streifen nun gemeinsam durch die Wiesen und genießen den Schatten der Obstbäume. Unter einem dieser Apfelbäume verkündet die kleine Zikade das unumstößliche Ende ihres kurzen Lebens. Die Zikade nimmt dem Ochsen zuvor das Versprechen, dass sich dieser um den Nachwuchs kümmern, über die Larven wachen und auf den Tag, an dem ihre Kinder in den Himmel hinauf schweben, warten würde. Die Zikade als solches ist bis heute für die zoologische Forschung ein kleines Mysterium. Sie erscheinen manchmal jährlich, andere Male nur alle paar Jahre oder gar Jahrzehnte. So wartet der alte Ochse bis er selbst alt und gebrechlich ist. Immer am selben Baum, sodass die Menschen des naheliegenden Dorfs beginnen, sich um diesen alten den Baum verteidigenden Ochsen zu kümmern.

Die Kraft der Einfachheit

Copyright: Jacoby & Stuart

Britta Teckentrups Kunst ist aus gutem Grund mehrfach prämiert worden. Bereits auf dem Cover dieses Hardcovers lässt sich die eindrucksvolle Arbeit und ein stilistischer Einblick gewinnen. Es sind Bilder vollen Lebens, reich an Struktur, ineinander greifend, überlappend, hart voneinander gelöste und miteinander verschmelzende Farbflächen. Ihre gewählte Methode liege wohl irgendwo zwischen der Collage verschiedener vorbereiteter Elemente und der Malerei. Jedes Element dieser meist eine ganze Seite ausfüllenden Illustrationen ist minutiös ausgearbeitet. Die vielen kleinen Details, wie grazile Pflanzenteile oder die abertausenden Blüten des Apfelbaums, an dem sich Ochse und Zikade niederlassen, sind tadellos und in jedem Falle umwerfend. Häufig sind Struktur des Gezeigten so unterschwellig und doch prägend für das Gesamtbild, dass man sich gar schwer von den Seiten lösen kann, um der Handlung zu folgen.

Die sich so tief an die Wurzel des Miteinanders begebende Geschichte über Vertrauen, Versprechen und die Wahrung des Lebens wird großartig von Teckentrups Bildern getragen. Es lohnt sich also ihr Schaffen und die von ihr ausgearbeiteten Werke genauer zu betrachten.

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Großartig schön
„Die kleine Zikade und der alte Ochs“ ist ein in seinen Bildern umwerfend schönes und in seiner Erzählung emotional ergreifendes Werk. Die Simplizität der von Cao Wenxuan geschriebenen Geschichte, bietet doch mehr Raum für Assoziationen, als man es vermuten mag. Eben wegen jener kleinen Geschichte, die in wunderbar gewählten Worten, entsteht eine kindlich, naive Verbindung und Offenheit für das Geschehnis. So wird der Ochs zum Sinnbild für das Erwachsene, das starre und steife, das von der Jugend, dem Aufbruch und Niedergang, gezwungen wird das eigene Sein zu hinterfragen. Eine fabelhafte Analogie auf das Leben und die Freundschaft und eine große Empfehlung für jede Person, die von Bilderbüchern begeistert ist.
Pro
fantastische Bilder
ergreifende Geschichte
anregende Figurenentwicklung, die zum Interpretieren motiviert
Kontra
10

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

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