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Könnt ihr nicht einmal ruhig sein?

„Hey, lass doch mal in den Urlaub fahren!“ dachte ich mir und suchte nach einem vermeintlich kleinen Städtchen in Deutschland, das mit dem Regionalzug und Fahrrad erkundbar wäre. Nach kurzer Suche stand das Ziel fest: Schwerin in Mecklenburg-Vorpommern. Die Unterkunft war schnell gefunden, eine Ferienwohnung nahe der Altstadt und näher des Hauptbahnhofs.

Auf den Bildern sah die Ferienwohnung und das Gebäude sehr harmonisch aus. Ein altes Backsteingebäude, das früher mal eine Eisenschmiede war, wie ich im Verlauf meines Aufenthalts erfuhr. Auch über die Angabe der „Schallisolation“ freute ich mich bereits im Vorfeld, da ich mit meiner Gitarre reisen und etwas Musik machen wollte, auch im Zimmer. Am Anreisetag (ein Feiertag) schien alles ideal. Das Zimmer nicht zu groß, die Nähe zur Innenstadt und ein Wasserkocher für Tee war auch vorhanden. Alles gut, dachte ich!

Doch schon beim erklimmen des kleinen Hügels, auf dem die Ferienwohnungsanlage liegt, eröffnete sich mir die Angabe zur „Schallisolation“ in seiner Gänze. Nicht etwa die Zimmer untereinander schienen isoliert. Nein, die neuen zu einer der belebtesten Straße Schwerins zeigenden Fenster mussten wohl gemeint sein. Mein Verdacht bestätigte sich am nächsten Morgen, dem Werktag nach Ostern. Schon in der Früh drang ein wellenartiges Rauschen, Brummen und Quietschen an mein Ohr. Da ich mit einem relativ robusten Schlaf ausgerüstet bin, wachte ich nicht davon auf.

Wo sind wir falsch abgebogen, dass nahezu jeder Ort, an dem sich Menschen und Mobilität befinden, laut und stressig ist? Gibt es überhaupt noch Städte, in denen man am Tage leisen Schrittes wandelnd den Geräuschen der Vögel zuhören kann? Und was passiert eigentlich mit uns, dem Menschen, wenn wir uns permanentem Lärm aussetzen?

Vom Flüstern zum Schreien

Man versuche sich eine städtische Welt wie der Roms von vor knapp 2000 Jahren ins Gehör zu imaginieren. Winde pfeifen um die Häuserecken, Handwerker schmieden, sägen und schlagen Steine, Marktschreier kann man über den ganzen Platz hinweg wahrnehmen und eine Leibgarde schiebt laut brüllend: „Macht Platz für den Senator!“ die Menschen bei Seite. In solch einer Welt sind die hölzernen Wagenräder auf unebenen Pflastersteinen, eine Herde Vieh und die dazugehörigen Viehtreiber der Grund für Aufregung gewesen. Sogar so durchdringend, dass eine zeitgenössischer römischer Satiriker folgendes schrieb:

„Hier sterben viele, weil Schlaflosigkeit sie krank gemacht hat. Wagen biegen in scharfer Wendung um die Straßenecken, die Treiber schimpfen laut, wenn ihre Viehherde nicht weiter kann – all das würde einem Meerkalb den Schlaf rauben“

(Juvenal, römischer Satiriker zwischen 60-140 nach der Zeitenwende)

In den hunderten Jahren danach blieb es zumeist so oder ähnlich. Die Alarmsysteme für Brände waren durch menschliche Stimmen oder Glocken zu realisieren. Es wurde „Feuer!“ von einem Turm gebrüllt und das Dorf oder die Stadt war gewarnt. Schier undenkbar in unserer Zeit, in der man nicht einmal mit lautstarkem Gebrüll über eine belebte Kreuzung hinweg jemanden auf sich aufmerksam machen kann. Diese Idylle des Audiophilen erhielt sich weitere Jahrhunderte. Sie wurde gelegentlich vom Lärm eines Krieges, Naturgewalten oder Festlichkeiten durchdrungen, aber es änderte sich lange Zeit nichts. Doch dann kam die Dampflok.

Auf einmal ging alles ganz schnell

Die bis dahin größte technische Revolution der Menschheit war geboren und alles, was bis heute seine Geltung behielt. Höher, weiter und schneller, konnte auch weit mehr als indirekt mit immer lauter verbunden werden. Die zunehmende Verstädterung im 19. Jahrhundert, die eine direkte Folge der Industrialisierung ist, führte zu weitreichenden Problemen für die Stadtgesellschaft. Durch kleinste Bakterien übertragene Krankheiten grassierten unkontrollierbar, eine Infrastruktur für Trink- und Abwasser musste schließlich erst gebaut werden, die Luft war geschwängert mit dichtem schwarzgrauen Rauch der Fabriken und die oft einseitige Ernährung ließ ein gesundes Leben häufig nicht zu. Zu dieser Zeit entstanden übrigens auch viele der bis heute als „Volksparks“ betitelten Grünanlagen, die den Bürgern eine grüne Oase und Entspannung bieten sollten. Nicht zu vergessen eine Pause vom hämmern, poltern, zischen und grollen der Maschinen und dicht bevölkerten Straßen.

Lang, lang ist’s her

Glücklicherweise hat sich seit dieser Zeit einiges geändert. Die Luft ist sauberer, die Ernährung ausgewogener (wenn auch häufig noch zu unbewusst und klimaschädlich konsumiert wird) und niemand in europäischen Städten ist (noch nicht) darauf angewiesen sauberes Trinkwasser aus weiter Ferne zu organisieren. Doch eines ist geblieben, eine stetige Geräuschkulisse. Sicherlich ist diese anders, als vor 150 Jahren, doch lassen sich vor allem in Ballungsgebieten deutliche Evidenzen erheben. Die negative Beeinflussung durch Lärm lässt sich nicht mehr von der Hand weisen.

In Umfragen der „European Environment Agency“ (EEA) von 2017 ergab sich, dass bis 80 Millionen Menschen in den damals 28 EU-Staaten, sich tagsüber von Lärmbelästigung betroffen fühlen. Das war zum damaligen Zeitpunkt fast jeder sechste Bürger im Großraum Europa. Nicht verwunderlich ist es also, dass heutzutage knapp 75% der Bürger Deutschlands sich von Lärm in ihrem Wohnumfeld belästigt fühlen. Allerdings nicht von jedem Lärm. Besagte Dreiviertel aller Deutschen klagen über große Lärmbelästigung durch den Straßenverkehr. Nur knapp dahinter (mit knapp 60%) liegt die Belästigung durch Nachbarn.

Ist diese Tatsache verwunderlich, wenn wirklich überall in Deutschland Autobahnen, drei- bis vierspurige Straßen durch Ortskerne und zunehmend größere Ballungszentren mittels Parkflächen in das Zentrum eines Ortes gebaut werden? Die damit einhergehenden und staatliche geförderten Angebote der Mobilität begrenzen sich leider allzu häufig auf das Auto. Dies geht Hand in Hand mit KfZ-Ideologien und fehlender alternativer Infrastruktur für andere Fortbewegungsmittel.

„Mach den Lärm aus!“

Nun stellt sich die Frage, ab wann in der Lärmforschung überhaupt von „Lärmbelästigung“ gesprochen wird. Lärm sind subjektiv empfundene, unangenehme und ungewollte Geräusche. In der Forschung nimmt man den Richtwert von 55 Dezibel als Schwelle für Lärmbelästigung. Das Wort „subjektiv“ bietet dabei einen gewissen Spielraum. Nicht jeder Teenager würde beim Wort Lärm sofort seine am Anschlag schreiende Boombox, mit der „Best-Of 2000 Techno“ Playlist, einbeziehen. Es ist zudem abhängig von Frequenz (Tonhöhe) und Schalldruck (allgemein bekannt als Dezibel).

Der Unterschied macht sich an einem einfachen Beispiel erkenntlich. Ein sehr hoher und pfeifender Sinuston (Frequenz) kann beim Versuch zu schlafen ebenso störend empfunden werden, wie vorbeipolternde und schwer beladene LKW’s, die im Stadtgetummel das Gesagte des Gegenübers im Café an der Straße wegdrücken (Schalldruck). Jeder von Tinnitus betroffene weiß, wie gravierend anstrengend und bis zur physisch-psychischen Erschöpfung treibend hohe Frequenzen dauerhaft sein können. Ebenso kann jeder andere nachvollziehen, dass Baumaßnahmen mit Presslufthämmern (130dB) nichts sind, dass man tagein, tagaus vor seiner Tür haben will.

Wie viel „laut“ ist laut?

Somit kommen wir zu ein paar Vergleichen, die das gesamte Thema Lärm etwas veranschaulichen sollen. Zur Zeit der Erstellung dieses Artikels sitze ich in besagtem Zimmer der Ferienwohnung. Vor dem geschlossenen Fenster rauschen die Autos vorbei und erzeugen einen Dezibel-Messwert (gemessen mit der sicherlich unrepräsentativen App Dezibel X) von 35dB. Öffne ich das Fenster und halte das Smartphonemikrofon in Richtung der Straße so schlägt der Pegel bis zu 76dB aus. Für den Kontext: Ein Staubsauger liegt bei 80dB, Regen misst knapp 50dB und eine Bibliothek liegt bei 30dB. Doch fühle ich mich trotz geschlossenem Fenster nicht in einer Art Stille, die einer Bibliothek gleichkäme. Denn mit der Messgröße Dezibel verhält es sich unlinear. Bereits eine Steigerung von 10 Dezibel eines wahrgenommenen Geräuschs äußert sich als doppelt so laut empfundener Reiz!

Wie man sicherlich am eigenen Leib erfahren hat, kommt nämlich eine weitere Komponente zum subjektiven Lärmempfinden hinzu: Vibrationen. Schon einmal versucht zu schlafen, während eine Party im vollen Gange in der Wohnung über einem stattfindet? Dann kennst du das Phänomen der Übertragung von Vibrationen durch Bausubstanzen. Umso dünner die Wände, desto höher ist die Durchdringung von tieffrequenten Wellen mittels Vibration. Den fetten Subwoofer in einem Kofferraum hört man auch noch (oder schon) wenn er eine Häuserecke entfernt ist. Tieffrequenter Schall hat eine größere Übertragungsweite und wird daher auch von verschiedenen Säugetieren des Planeten zur Kommunikation genutzt. Man denke an Wale, die ihre 20 Hertz tiefen Rufe über hunderte Kilometer kugelförmig aussenden. Auch Elefanten, die mit Infraschall über 10 Kilometer entfernte Bodenschwingungen aufnehmen können zählen dazu.

Die Lösung kann doch nicht sein in den Wald zu ziehen.

Es verwundert auch nicht, dass häufig die Altstadtkerne vielleicht auch aus Gründen des hohen Geräuschpegels verkehrsberuhigte Zonen sind. Ein grobes Pflaster, allgemein als Kopfsteinpflaster bekannt, erzeugt einen sechs bis zehnfach Dezibel lauteren Pegel, als ein gewöhnlicher Gußasphalt. Flüsterasphalt hingegen vermindert die Geräusche erheblich, in Referenzstudien gelten Zahlen von acht Dezibel Minderung als gesichert. Auf Grund ihrer hohen Ladelast und der erheblichen größeren Reifenoberfläche werden LKWs als so laut, wie 20 gewöhnliche Autos eingestuft. Eine besonders ungünstige Kombination sind dann LKWs auf grobem Pflaster, wie es in meinem Heimatkiez des Öfteren vorkommt.

Vorbilder und Anregungen

Natürlich ist es schwer sich in einer Großstadt, wie Berlin oder Hamburg, dem Lärm durch Straßenverkehr zu entziehen. Die dort aufgewandte Zeit kann man aber bewusst verkürzen, andere Routen wählen, die gleichzeitig weniger anstrengend und gefährlich sind. Als größtes Vorbild dieser Tage kann man Paris herbeiziehen, dass den ambitionierten Plan hat den Altstadtkern komplett frei von privaten Autos zu machen. Das beinhaltet die Viertel eins bis vier, in denen die Kathedrale Notre-Dame, das Louvre und das Centre-Pompidou liegen. Dies soll die schlechte Luft Paris wieder aufwerten. Gleichzeitig führt dies, wie man bereits in zahlreichen Videos sehen kann, zu einer leisen und friedlichen Verkehrssituation, die von E-Rollern, Scootern, Fahrrädern und Fußgängern dominiert wird.

Darauf zu warten, dass solche Projekte im Autoland Deutschland noch in diesem Jahrhundert umgesetzt würden, würde nur zu bitteren Tränen führen. Daher lohnt es sich für eine Minderung des Straßenlärms zu engagieren, so wie es die Freimachung der 500 Meter Friedrichstraße in Berlin exemplarisch zeigten. Ebenso elementar wichtig ist die besagte Nachtruhe, die, wenn sie gut dokumentiert nicht eingehalten werden kann, ein Grund für eine Mietminderung sein kann. Vielerorts sind die eingebauten Fenster nicht auf dem technisch optimalen Stand oder sind leider zu günstig, um die Geräuschkulisse außerhalb des Wohnraums zu lassen.

Der Tagesabschluss in der Nacht

All diese vielen Gründe und Beispiele sind möglicherweise auch Gründe dafür, warum ich tendenziell später und länger aufbleibe als andere Menschen. In der Stille der Nacht habe ich mir also die Kleinstadt Schwerin angesehen. Ganz ungestört von Autos, Boomboxen, lauten Menschengruppen bestehend aus halbangetrunkenen Teenagern im Ferienmodus und ganz gewahr für die kleinsten Geräusche. Vögel, die in der Nacht über die Dächer rufen, Katzen die einige Blöcke entfernt um Revier kämpfen und das Plätschern des Wassers in den Kanälen, der von Seen umrandeten Stadt, sind mir erst dann wirklich bewusst geworden.

Es wäre Schade, wenn wir alle nur immer lauter und lauter werden müssten, um uns zu verstehen. Die feinen Zwischentöne gehen verloren, der Ausdruck ebnet sich ein in Geschrei und das eh schon angespannte Nervenkostüm reißt noch schneller. Daher ein ganz klares Plädoyer für mehr Stille, also weniger Autoverkehr, und mehr gesunde Lebensqualität.

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Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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