Rorschach

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Politik, Gesellschaft und Überzeugungen, das sind die Treiber für extreme Handlungen in extremen Zeiten. Nach vier Jahren Präsidialkandidatur des Hotelbetreibers und Hasspredigers muss sich die US-amerikanische Gesellschaft ein weiteres Mal an große Aufgaben wagen. Die immer extremer werdende Polarisierung der politischen Debatte, die zunehmende Radikalisierung und die alles untermauernde Perspektivlosigkeit vieler Bürger hat einen Effekt auf jeden Menschen. Eine Nebenwirkung dessen ist häufig sich in Nostalgie, in Rückerinnerung an die „guten alten Zeiten“, zu schwelgen. Doch was passiert, wenn die längst begrabenen Dämonen wieder aufstehen und ihr Unwesen treiben in einer Zeit, die längst nicht mehr vergleichbar mit dem besagten „früher“ ist? Brauchen wir daher als Menschen so etwas wie eine Maske, um in dieser Welt ohne Schaden zu bestehen?

Diesem Gedankenexperiment hat sich Tom King, der einstige CIA-Mitarbeiter und mittlerweile Star-Autor verschiedener Comics, mit dem Zeichner Jorge Fornés und Kolorist Dave Stewart gewidmet. Bisher veröffentlichte der Stuttgarter Verlag Panini Comics diese Mini-Serie in 4 großformatigen Hardcover Alben. Die Panels kommen so groß schön zur Geltung. Ich habe mir die englische Gesamtedition beim Besuch der Washington-Redaktion im Fantom Comics gekauft. Ein kleiner, beschaulicher und gut sortierter Comicbuchladen ohne viel Merchandising und andere Ablenkungen.

Woher kommt Rorschach?

Im Watchmen New York bildete sich eine militante Gruppierung, die im Schatten des Gesetzes gegen Ungerechtigkeit antrat. Die Charaktere sind alle sehr facettenreich und machen große Entwicklungen in dieser über 400 Seiten starken Geschichte. ACHTUNG SPOILER: Es lief darauf hinaus, dass der Anführer der Watchmen eine Bedrohung schuf, die die Menschheit im Kampf gegen einen scheinbar unbesiegbaren Gegner vereinen sollte. Das Ende des Kalten Krieges, die Abwendung der atomaren Vernichtung der Welt (Solche Ängste existierten in den USA sehr lang und intensiv). Es funktionierte, aber ein hoher Preis musste gezahlt werden.

Immer wieder spielte Moore mit Figuren, die moralisch extrem fragwürdig sind. Der Comedian beispielsweise gilt als Kriegsheld und Idol des gewonnen Vietnam-Konflikts. Tatsächlich hatte er zahlreiche zivile Opfer und bestialische Hinrichtungen zu verantworten. Die Waffenliebe und der Hang zur Anarchie blieb dem Comedian bis zum frühzeitigen Tod erhalten. Der Publikumsliebling, ein schwerst traumatisierter und soziopatischer Mann, den man als Rorschach kennt, war hingegen von einem starren Wertekanon bestimmt. Er stand, wenn auch selten mit sauberer West oder eben solchen Methoden, für Gerechtigkeit und eine zynische Unbestechlichkeit. Selbst im Angesicht der Konsequenzen einer Verbreitung von Informationen über „das Monster, das die Welt einte“, haderte er nicht und ließ sich von einem Kollegen der Watchmen mit erhobenem Haupt hinrichten.

Eine fragwürdige Moral, eine Maske & ein Detektiv

Diese vielen Konflikte, die auf dem Unterbau fantastisch geschriebener Figuren liegen, werden von Tom King in der Sequel-Mini-Serie Rorschach weitergeführt. Mehr als 30 Jahre später taucht er wieder auf. Der Mann mit der Maske im Rorschachtest Design ist nicht allein. Er und eine ebenso maskierte junge Frau wurden kurz vor einem Attentat auf den Präsidentschaftskandidaten Gouverneur Turley von Sicherheitsleuten getötet. Nun stehen auf einmal viele Rätsel groß wie ein Elefant im Raum. Wie kann es sein, dass der bereits tote Rorschach auf einmal mit maskierten jungen Frauen in Kuhtreiber-Kostüm auf Politiker jagt macht? Ist es ein typischer Comic-Mumbo-Jumbo, der den Held einfach wiederbelebte? War es vielleicht ein Imitator? Und wenn ja, warum dann dieser Politiker?

Bisher fasst das nur die ersten drei Seiten zusammen. Man merkt schnell, dass diese 12 Hefte starke Serie mehr zu bieten hat. Wir begleiten den namenlosen Detektiv bei seinen Ermittlungen, die ihn die Personen hinter den Masken kennenlernen lässt. Es sind Laura „The Kid“ Cummings, eine in Wyoming groß gewordene Zirkusfrau, die von einem waffenvernarrten Vater großgezogen wurde, der an Gehirne invalidierende Oktopoden glaubte und ihr als Kind schon Schießen beibrachte. Sie wird als leichtgläubig und gefährlich mit einer Waffe eingeführt. Ihr Partner und scheinbar der neue Rorschach ist der Comiczeichner William „Will“ Myerson, dessen Werke auch dem Piraten-Genre zugehören. Ein klarer Verweis auf die Piraten-Comic-Episoden in Watchmen.

Damit nicht genug. Die Verstrickungen des Gouverneurs Turley in die Geschichte, die politischen Intrigen und weitere Offenbarungen lassen den Detektiv an seinem Auftraggeber zweifeln. Ist Turley wirklich der einzige Mann, der Amerika wieder auf den rechten Weg führen kann? Ein Mann, dessen Anekdoten über ihn und den Comedian in Vietnam zum Lachen bringt? Die Zukunft soll einem radikalen Konservativen gehören, der sich hinter der Maske der Staatsmannes versteckt? Man kann erahnen, wie viel zeitkritische Seitenhiebe darin zu lesen sein könnten.

Der Stil

Der Erzählstil ist cineastisch. Die Art und Weise, die Geschichte vor dem Leser auszubreiten, erinnert an gute Politthriller. Der Erzähler, der namenlose Detektiv, breitet die erlangten Fakten geführter Interviews und Recherchen in imaginativen Szenen vor den Augen des Lesers aus. Die Farbgebung korrespondiert mit den Episoden der Handlung. Rückblenden sind häufig in einem unaufdringlichen Sepia koloriert. Der Rest der fortlaufenden Handlung hat hingegen eher kühle Farben, wenige Akzente, die nicht Blut sind.

Die verschachtelte Handlung, die viel über die Psyche und eine fortwährende Radikalisierung spricht, lässt sich am besten verfolgen, wenn man dieses Werk am Stück liest. Der wirklich große Vorteil bei einer Gesamtausgabe. Die Veröffentlichungszeiträume lagen bei deutscher Ersterscheinung recht weit auseinander. Wegen der zusehends komplexeren Handlung und Nuancen der Figuren führte es dazu, dass die Atmosphäre nicht bestehen blieb. Tatsächlich ist es sehr atmosphärisch, auf dem Weg tiefer und tiefer in die Gedanken und die Ideologie eines ungleichen Paares, das ein Attentat plante.

Jorge Fornés Bilder strahlen eine großartige Ruhe aus. Die minimalistische Linienführung, zahlreiche schöne Perspektiven und das Tempo durch das Lettering machen diese Reihe zu einer leicht konsumierbaren Lektüre selbst für Comic-Anfänger. Die Kolorierung des Dave Stewart ist dem Zeichenstil angepasst, nämlich minimalistisch und sauber. Klar voneinander getrennte Farbebenen, die in Abstufungen zueinander Schattierungen bilden, erinnern an den Stil Moores Watchmen. Sie sind jedoch mehr als nur Flächen. Die Schattierungen durch Flächen sind maßgeblich daran beteiligt, den Look dieser Reihe zu formen.

Fantastische, andersartige Fortsetzung
Rorschach ist eine aufwühlende und spannende Studie des moralischen Verfalls. Tom King gelingt es mit den Bildern Jorge Fornés und der Kolorierung Dave Stewarts eine dichte Atmosphäre zu schaffen, die sich mit jedem guten Politischen-Thriller messen kann. Wer hier eine Rorschach-Story erwartet, die auf den originalen Rorschach eingeht, muss enttäuscht werden. Dennoch wird der Kern der Figur in dieser Mini-Serie greifbar, das Dilemma aus Rechtschaffenheit und gesellschaftlicher Moral.
Pro
Spannender Thriller
Minimalistische, schöne Zeichnungen
Kontra
Teilweise mehr Charakterstudie, als handlungsgetriebene Story

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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