Der freie Vogel fliegt – Band 4

freie vogel fliegt 4 cover

„Der freie Vogel fliegt“ ist eine Kollaboration zweier chinesischer Künstlerinnen. Die Autorin Jidi, namentlich Zu Yale, und die Zeichnerin Ageng, geboren als Pan Liping, haben den von Jidi in China bereits sehr erfolgreichen Jugendroman adaptiert, neu interpretiert und das entstandene Comic in Deutschland zum ersten Mal 2018 veröffentlicht.

Auch dieses Comic wurde vom Verlag Chinabooks E. Wolf in zweisprachiger Ausführung veröffentlicht. Es findet sich also zweimal derselbe Comic in unterschiedlichen Sprachen in einem Buch, daher lässt sich auch der Umfang einer jeden Ausgabe erklären. Dieser Comic hat jedoch hingegen einiger anderer von Chinabooks veröffentlichten Comics eine ausführliche Vokabelliste am Ende jeder Ausgabe sowie ein kleines Glossar zu einigen erklärungswürdigen Begriffen.

Die Handlung

Die fünf Freunde Xiaolu, Xie, Su, Baymax und Ren sitzen in einem Hotelzimmer. Die Stimmung ist gedrückt, denn gerade hat Xie ihre Abtreibung hinter sich gebracht. Su hängt wehmütig am Telefon und wartet auf eine Rückmeldung ihres mittlerweile in Peking lebenden Freundes. Es entsteht ein Konflikt zwischen Ren, der sie seit langer Zeit mit ganzem Herzen und bedingungslos liebt, und Su, die ihm aus Scham nicht unter die Augen treten kann. Wir erfahren in einem privaten Gespräch zwischen Su und Xiaolu, woher diese Scham und die Sorge in Su entspringen. Sie fühlt sich verantwortlich für das plötzliche Versterben einer damals gemeinsamen Freundin Rens, mit der sie sich beide eine Verliebtheit für Ren teilten. Ihre damaligen Entscheidungen führen sie zu den Schlussfolgerungen, dass sie eine Mitschuld am Tod der Mitschülerin trägt.

So wie dieser vierte Band beginnt, geht es auch noch ein wenig weiter. Xie verschwindet ohne große Vorwarnungen, um in Australien einen Neuanfang zu wagen, und verabschiedet sich in einem Brief bei ihren Freunden. Su entscheidet sich, nachdem sie von ihrem in Peking lebenden Freund vor ihrer Haustür überrascht wurde, zu ihm nach Peking zu ziehen und verlässt die Gruppe ebenfalls. So bleibt nun Xiaolu wieder allein in Chengdu. Jedoch wird eine neue Figur eingeführt, die quirlige Guo Xiaoyue, die ebenfalls Comics mag und mit Xiaolu nun Lern- und Tischpartnerin in der Nachhilfe für die Abschlussprüfungen wird. Die zwei könnten unterschiedlicher nicht sein. Guo ist sehr energisch und sich keines Kommentars scheu, wohingegen Xiaolu immer noch in ihren Fantasien und inneren Monologen mit ihren Fantasiehasen ihre Konflikte ausdiskutiert. Es entsteht eine zweckmäßige Freundschaft zwischen den beiden, die allerdings einiges Potenzial für weitere Ereignisse birgt.

Zur Mitte dieses Bandes kehrt die einst verschwundene Xiaoman, die langjährige Freundin und innigste Liebe des Bruders Hu Xu, wieder zurück. Sie erzählt Xiaolu, warum sie so handelte, als sie der Figurengeschäftbetreiber in Band 3 zu ihrem Geburtstag überraschen wollte. Xiaoman schildert Xiaolu auch, wie tief ihre Gefühle für Hu Xu waren, bis dieser schließlich vor ihnen steht und sie sich freudig wehmütig in die Arme fallen. Ein kleines mögliches glückliches Ende der zwei? So hofft es auch Xiaolu, als sie sich auf den Weg nach Hause begibt.

Weiterhin wird die Perspektive des empfindlichen und immer freundlichen Ren Dongs beleuchtet, der mit seiner Band ein Konzert in der Stammbar gibt. Xiaolu versteht ihn zwar akustisch nicht, sieht und fühlt aber, dass er verletzt ist und hoffnungsvoll wartend seine Liebe für die Su Yan mit sich trägt.

Zum Ende dieses vierten Bandes erhält Guo noch ein Kapitel, in dem ihre Vergangenheit und ihr Umgang mit schulischem Druck, den Erwartungen der Gesellschaft und ihrem sozialen Umfeld ein wenig näher betrachtet wird.

Auf den letzten Seiten ist es dann fast so weit: Xiaolu ist bereit, ihren Schwarm Hin Chè anzusprechen. Doch erst einmal fährt sie ihm heimlich schweigend auf dem Fahrrad hinterher. Wird sie ihren Mut zusammennehmen können?

Der Stil

Diesem vierten Band ist wohl am deutlichsten das Spiel der Farben, die Atmosphäre des Inhaltes unterstützend, positiv anzumerken. Blautöne und Szenen, die in der Nacht stattfinden, repräsentieren dunkle Episoden, während die hellen, ja fast weißen Teile des Comics kontrastierend für die Zuversicht und eine positive Grundstimmung stehen.
Einige Male nutzt die Zeichnerin und Koloristen Ageng auch graue Farben, ausgeblichene und fast schon dreckige grau-braune Töne, um ungeliebte Erinnerungen oder einfach einen Rückblick zu verdeutlichen. Ihre Wahl der Farben ist in dem ganzen Comic sehr stimmungsvoll und adäquat.

Die Zeichnungen sind bis auf ein paar wenige Gesichter wesentlich konstanter als in einigen vorigen Bänden. Xiaolu gewinnt mittlerweile nicht nur in ihren Handlungen, sondern auch in ihrem Erscheinungsbild an Reife und hat sich dezent verändert; sie ist erwachsener im Antlitz. Eine sehr subtile, aber schöne Entwicklung des Schaffens der Zeichnerin.

freie vogel fliegt 4 cover
Fazit
Auch dieser vierte Band ist ein Hinzugewinn. Die liebevoll geschriebenen Monologe und Erzählertexte zu Beziehungen, Liebe und dem Verlust von Menschen, sei es durch eine Trennung oder den Tod, sind sehr anregend und können einen in der richtigen Stimmung sehr berühren. Die Einstellungen der Figuren und ihre Weltansichten könnte man kritisieren, jedoch waren Rollenbilder, Geschlechterrollen und auch die Gesellschaft in den Neunzigern nicht auf einem so egalitären, gleichgestellten und feministischen Niveau, wie es heute vielerorts ist. Hinzu kommt, dass sich diese Geschichte in China abspielt, einer Kultur, die so grundlegend anders in ihren sozialen Mechanismen und Hierarchien aufgebaut ist, dass sich vieles daraus erklären, zumindest nachvollziehen lässt. Xiaolu ist eine Träumerin, eine Romantikerin und ein herzensgutes Wesen, das durch die Ereignisse in diesem Comic einen grandiosen Wandel vollzieht. Es ist eine Geschichte für Junggebliebene und Fans von sensiblen Coming-of-Age Geschichten, die sich der Härte des Lebens nicht versperrt und sie nicht versucht zu verzerren.
Pro
Schöne Farben und Illustrationen, herzliche Figuren, großartige Erzählertexte.
Kontra
Nichts.
10

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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