House of X/Powers of X – ein Neustart im Megaband

Dieser Megaband wird dem Format mehr als gerecht! Der von Jonathan Hickman (Autor von: „Secret Wars“, „Uncanny X-Men“, „FF“ und „Avengers“) verfasste neue Status-Quo der X-Men ist mehr als nur ein Event, das versucht neue Gesetze für die fantasiereiche Welt der X-Men zu setzen. Hickmans Arbeit am X-Men-Kosmos endete kürzlich. Doch wehret den Anfängen seiner Ideen.

Es ist der wohl ideenreichste und gnadenloseste Kontinuitätsneustart, den man seit langem in einem derart komplexen, teilweise komplizierten und umfangreichen Comic erwarten könnte. Gezeichnet wurde dieser Start von R.B. Silva und Pepe Larraz. In korrekter Lesereihenfolge erhält man dieses Power-House beim Stuttgarter Verlag Panini Comics derzeit nur noch als Hardcover.

Die Geschichte der X-Men

Die Mutanten stehen, seit ihrer Erfindung im Jahr 1963 durch Stan Lee und Jack Kirby, für den Kampf um die Gleichberechtigung zwischen der Minderheit der Mutanten und der Mehrheitsgesellschaft der Menschen. Dieser Konflikt äußerte sich in der Geschichte der X-Menschen, wie so oft in einer menschlichen Gesellschaft, in stereotypen Feindbildern, Ausgrenzung, Rassismus und schlussendlich der Verfolgung und dem Genozid an den gehassten Mutanten.

Dass dieses Sujet seit den Anfängen der X-Men konstant geblieben ist, lässt Schlüsse dazu ziehen, wie wenig Aufklärung, Bewusstsein für die eigenen Handlungen und Lehren aus der eigenen humanen Vergangenheit gezogen wurden. Leider sind es heutzutage ähnliche Probleme, die in vielen Gesellschaften rege diskutiert werden müssten. Diesbezüglich bleiben die X-Männer (und Frauen) in Hickman’s „House of X/Powers of X“ ihrer Thematik treu, verarbeiten den Wunsch nach einer gleichberechtigten Zukunft und streben weiterhin nach Akzeptanz.

Die Themen

Hickman drehte an einigen Stellschrauben und hat zusätzlich, zu diesen bereits sehr präsenten und prägenden Themen der X-Menschen, die Frage nach einem weiteren Versuch einer geeinten Gesellschaft und einer möglichen alternativen Zukunft für alle Mutanten hinzugefügt. Die Mutanten um Professor Charles Xavier sind nun kurz davor ihre eigene Nation zu gründen.

Krakoa heißen die paradiesischen Inseln, die in der Regel nur Mutanten Zugang erlauben und ihrem Ursprung nach selber mutantischer Natur sind. Sie werden die neue Heimat für alle Überlebenden des Genozids von Genosha (Millionen Mutanten starben durch die Tötungsroboter Sentinels) und alle anderen auf der Erde verstreuten Mutanten. Selbst die vermeintlich „bösen“ Mutanten wie Apocalypse und Sinister finden Asyl.

Die Insel der Neuerungen

Copyright: Panini Comics

Auf Krakoa wollen Professor X, der ewige Erzfeind-Freund Magneto und viele weitere äußerst prominente Mutanten, wie Cyclops, Phoenix, Wolverine, aber auch Antihelden oder gar ehemalige Feinde wie Sinister, Apocalypse und Mystique einen vor dem UN-Rat ratifizierten Rechtsstaat gründen. Mit Hilfe einer wundersamen krakoanischen Pflanze planen sie ihre Unabhängigkeit zu finanzieren. Die Blüte dieser Pflanze kann nahezu jede der bekannten Krankheiten der Menschen heilen oder lindern, womit die Mutanten um Professor X einen gewaltiges Druckmittel gegenüber dem Rest der Welt besitzen. Die daraus entstehende Monopolstellung, einhergehende Korruption und machtpolitische Kämpfe werden im Laufe der dreijährigen kreativen Leitung Jonathan Hickmans mehrfach in einzelnen Reihen thematisiert.

Ein weiteres Novum dieser Reihe ist, dass mittels der Fähigkeiten von „den Fünf“ Mutanten und der Insel Krakoa niemand mehr sterben muss. Es ist also möglich so etwas wie ein mentales Backup zu erstellen und die Körper der dann herangezüchteten Mutanten dank Professor X Fähigkeiten zu bespielen. Bahnbrechend für alle Mutanten und die Waghalsigkeit aller danach folgenden Aktionen. Ebenso groß, wenn auch subtil, ist die von Krakoa bereitgestellte Möglichkeit einen Setzling irgendwo auf der Erde zu platzieren, woraus in der Folge ein Portal zur Insel wachsen wird. Diese sind ebenso nur von Mutanten passierbar und bekräftigen ihre neue Machststellung.

Das Haus des X und die Kräfte von 10?

Das Spiel mit dem Buchstaben „X“ und der numerologischen Bedeutung einer römischen 10 ist natürlich alles andere als zufällig. Mit dem Haus des X ist der aufstrebende Einfluss des Professor Charles Xaviers gemeint. Als Gegenentwurf gibt es spätestens seit dem Marvel-Kontinuität verändernden Event „House of M“ eine Anti-Helden-Fraktion rund um Magneto und seine Töchter. Doch hierin wird Professor X als antreibender, wenn auch nicht zwingend entscheidungstragende Figur erzählt. Er beginnt die neue Lebensrealität mit einer Regierung auszustatten, mit verbindlichen Mutanten-Gesetzen. Dafür müssen alte Konflikte, Ressentiments, Erinnerungen und Verfeindungen bei Seite gelegt werden. Das „Stille Konzil“ wird das Ergebnis dieser Anstrengungen sein, in dem vier Lager jeweils drei Repräsentant:innen einen Platz erhalten.

Zu aller Überraschung ist jemand anderes die eigentliche Hauptfigur dieses groß angelegten Events: Moira McTaggert. Man kennt sie als immer Mal auftauchende Nebenfigur in den Comics und sogar aus den X-Men Filmen wie „X-Men: Erste Entscheidungen“. Darin spielt sie die Regierungsbeauftragte und spätere enge Vertraute Professor Charles Xaviers. In diesem Neustart Hickmans wird offenbart, dass sie ebenfalls eine Mutantin ist. Eine Mutantin mit der anfänglich fragwürdigen Fähigkeit der Wiedergeburt. Sie wird beim Sterben mit ihrem gesamten Wissen und allen Erfahrungen immer wieder an den Tag ihrer Geburt zurückgeschickt. So durchlebt sie dann mehrere hunderte Jahre, immer im Versuch eines Abzuwenden: Die Auslöschung aller Mutanten und Übernahme der Maschinen. Dieser Konflikt und diese Fähigkeiten werden für den Verlauf der Hickman-Ära erst sehr spät wieder sehr wichtig.

Erzählweise und Ausblick

Es ist eine wirklich wahnsinnig komplexe Erzählstruktur. Sie springt zwischen Zeitebenen, Orten, Lebenszyklen und Figuren hin und her. Das macht das Leseverständnis nicht unbedingt leichter, dennoch ist es ein unfassbar spannender und fesselnder neuer Ansatz, der geneigte Leser:innen einnimmt. Mit diesen vielen Verstrickungen, Andeutungen und Ausblicken auf zukünftige Ereignisse lockt Hickman mit süßem Kuchen in eine dunkle und verzweigte Höhle. Man kommt dort erst allwissend heraus, wenn man sich durch mehr als 10 eigenständige X-Reihen hindurchgelesen hat. Einige sehr empfehlenswerte Reihen darunter sind „Marauders“, die bisher noch nicht in Deutschland erschienenen humoristisch angelegten „Hellions“, die Ausflüge des „Wolverine“ und natürlich die namensgebende Reihe „X-Men“. Viele dieser Serien funktionieren problemlos ohne Vorwissen und oder Querreferenzen.

Natürlich ist es als Einsteiger in die X-Men-Materie recht illusorisch 10 Reihen mit jeweils durchschnittlich 4 Paperbacks, im Umfang von jeweils 4-6 Heften, aufholen zu wollen. Man kann der Welt von Hickman auch folgen, wenn man sich die großen Events besorgt und diese genüßlich rezipiert. Das wären zum einen dieser hier besprochene Titel. Als nächstes wäre „X of Swords“ zu empfehlen. Darin werden zwei lange voneinander getrennte Mutantensphären aufeinandertreffen und alle laufenden Reihen einen ersten Knotenpunkt finden. Zu guter Letzt beendet Hickman in „Inferno“ seine Arbeit an der Welt der Mutanten und führt offen gebliebene Fragen um die Bedeutung Moira McTaggerts für den X-Kosmos zusammen. An so gut wie allen Reihen und Events arbeiten fast nur die besten Zeichner, Tuscher und Koloristen, die dieser Tage auf dem Superhelden-Markt zu finden sind.

Fazit

Mit „House of X/Powers of X“ hält man einen denkwürdigen Neustart und visuell eindrucksvolles Comic in der Hand. Die Illustrationen sind unfassbar überzeugend, setzen teilweise einen neuen Standard in der digitalen Zeichenkunst des Superhelden-Mainstreams und geben einem das Gefühl bei etwas Neuem dabei zu sein. Jonathan Hickman deutet bereits in dieser Ausgabe an, dass der langfristige Plan für ein ganzes Franchise vor ihm ausliegt. Es wird umfangreich, komplex, thematisch divers, in seinen Figuren bunt und zahlreich. Vor allem bleibt es sich in seinem Kern treu. Die Mutanten, die sich nach Anerkennung und Akzeptanz sehnen, bleiben auch in diesem Neustart bestehen. Der Kampf zwischen den Homo sapiens sapiens und den Homo superior bleibt also beständig und betritt nun eine neue, nächste Stufe. Wer bisher noch kein Fan von den X-Menschen war, sollte es vielleicht einmal hiermit versuchen. Aber vorsichtig, es besteht Suchtgefahr.

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris

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