Mein Freund Pierrot – und der Zauber der Liebe

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Mein Freund Pierrot Cover Cross Cult

Magische Welten, ein junges Mädchen aus gutem Hause, ein verwegener Zauberer, die große Liebe und abgrundtiefe Erkenntnisse bietet Jim BishopsMein Freund Pierrot“. Ähnlich der Gestaltung des Covers dieses großformatigen Hardcovers, das der Ludwigsburger Verlag Cross Cult gestaltet hat, ist die Geschichte reich an Facetten, Farben und unterschiedlichen Themen. Ganz zentral steht jedoch das wohl meist beschriebene Thema der Welt: die Liebe. Warum sich ein Blick in dieses 265 Seiten starke Liebesmärchen lohnt, soll nun erläutert werden.

Die Geschichte des Figurentypos

Diese 2022 in Frankreich erschienene, abgeschlossene Geschichte zeigt sich als Mischung vieler uns bekannter Erzähltypen. Die Heldenreise und das Überkommen des Monsters sind die zwei prominentesten in diesem Comic.

Zuerst jedoch eine kleine Begriffserklärung des Titels. Sucht man den Namen des auf dem Cover dargestellten Zauberers „Pierrot“ erscheinen eine bunte Reihe von Clowns und Magiern. Dies lässt sich mit einem kurzen Exkurs in die Geschichte Theaters erklären. Belege zu einer Bühnenfigur mit dem Namen Pierrot, also einem Typos eines Charakters, der immer mehr oder weniger konstante Eigenschaften hat, kursieren schon seit einigen Jahrhunderten im französischsprachigen Teil Europas.

Die bis heute währende Bedeutung dieses zumeist pantomimischen Clowns mit weiß geschminktem Gesicht verdankt die Figur des Pariser Theaters Anfang des 19. Jahrhunderts. Darin wird die Figur als sympathisch und sogar bemitleidenswert beschrieben. Zuvor war „der Pierrot“ durchtrieben und intrigant. Die historische Referenz bezieht sich im Fall des Comics „Mein Freund Pierrot“ höchstens noch auf die Eigenschaften, da der Protagonist in keiner Szene der optischen Form seines Pariser Vorbilds entspricht. Eine Entsprechung in der deutschen Sprache ist beispielsweise der „Hans Wurst“, ursprünglich auch eine Figurentypos der komödiantischen Theaterbühnen.

Also lässt sich aus dieser kleinen Ausschweifung schon ersehen, dass zumindest beim französischsprachigen Publikum einige Assoziationen wach werden könnten, seien sie noch so unterbewusst. Die Figur des mysteriösen Zauberers, der die nach Freiheit suchende junge Frau in andere Welten entführt, sollte aber auch bei den meisten anderen Leserinnen einige Anknüpfungspunkte bilden

Worum geht es?

Die junge Frau Cléa entstammt einer adligen Familie und träumt jedoch vom Künstlerdasein. Nach einer Theateraufführung schwärmt sie von der Tänzerin und davon selber den Traum zu hegen einmal so tanzen zu können. In jenem Moment der Begierde und des Wunsches taucht eine ominöser Gaukler auf, der einen nie gesehenen Kartentrick verspricht. Dieser Gaukler ist Pierrot und es wird sich herausstellen, dass er mehr als ein Mensch ist. Cléa ist nicht nur den Zwängen der Gesellschaft im Bezug auf ihre „Karriere“ als Frau eines Reichen eingeschränkt, sie soll außerdem einer arrangierten Heirat zustimmen.

Natürlich hat sie offiziell keine Wahl, zumal ihr künftiger Ehemann eine vermeintlich gute Partie darstellt. Sie ringt ihm das Versprechen ab das Straßenfest in der Stadt zu Besuchen, ein von den Eltern der zwei jungen Menschen als heidnisches Fest der Bauern verschrienes Spektakel. Dort trifft sie abermals auf Pierrot, der ihr mit seinen bereits zuvor in ihrem Zimmer demonstrierten magischen Kräften einen Weg in eine neue Zukunft zeigt. Sie bricht aus ihrem goldenen Käfig aus, entscheidet sich für jugendliche Liebe, für die Magie.

Von der Heldenreise hin zu Beziehungsdrama

Nun gab jedoch Berthier, ihr zukünftiger Ehemann, das Versprechen und fühlt sich nun an sie gebunden. Dem Schwur und der Pflicht treu macht er sich auf die verschwundene Cléa zu finden. Die ihm drohenden Gefahren sollten ihm nicht zuletzt wegen der Konfrontation mit magischen Wesen überaus bewusst sein. Doch ganz wie Siegfried sein Brünhilde um nichts in der Welt ersetzen mochte, so geht auch Berthier seine ganz eigene Odyssee. Auf dem Wege gerät er an andere Magier, Feen und Monster und bleibt nicht unversehrt. Die Symbolik, die mit ihm, an ihm, erzählt wird, kommt zwar sehr auf dem silbernen Teller daher, jedoch funktioniert diese zweifelsohne in dieser Geschichte.

Cléa hingegen schwebt in ihrer traumhaften Welt aus Magie und Mysterien. Jedoch wandelt sich diese von Wundern und entdeckerischer Vorfreude dominierte Geschichte in ein Beziehungsdrama. Sie haben Konflikte zu den großen Fragen einer Beziehung, diskutieren, streiten und vertragen sich. Bishop legt seinen Figuren Dialogzeilen in den Mund, die auch im Nachhinein betrachtet von größerer Tiefe zeugen, als die meisten modernen Dramen in den Kinos es zu Stande bringen. Zwischen alle dem steht vor allem eine große Frage im Raum: Wer ist dieser Pierrot? Und was hat es mit der Liebe auf sich?

Was ist die Liebe?

Mit den folgenden Worten eröffnet der als Julien Bicheux in Seine Saint-Denis geboren Jim Bishop sein zweites großes Werk:

„Man hat mir nicht richtig beigebracht, was Liebe ist, deshalb habe ich diesen Comic geschaffen. Den Comic, der meine schönste und schmerzhafteste Geschichte ist.“

„Mein Freund Pierrot“, Widmung.

Bereits mit diesen wenigen schlagkräftigen Worten der Widmung lässt sich erahnen wohin die Reise geht, was möglicherweise geschehen soll. Doch sollte man an dieser Stelle nicht all zu schnelle Schlüsse ziehen. „Mein Freund Pierrot“ hat es visuell und inhaltlich in sich. Denn Bishop zeigt uns etwas, das wir im von ihm vorhergehend veröffentlichten Werk „Die verlorenen Briefe“ schon angedeutet bekamen. Eine tiefgreifende Verletzlichkeit, komplizierte und mehrschichtige Beziehungen, sowie gebrochene Erwartungen stehen hier thematisch gleichwertig nebeneinander. Die vom Künstler geschriebenen Dialoge fühlen sich zwischenzeitlich so authentisch an, dass es nicht verwundern würde, wenn diese aus seiner eigenen Historie stammen würden.

Die diesen Absatz einleitende Überschrift wird in diesem Comic nicht geklärt. Zumindest nicht so wie man es vielleicht erwarten würde von einer quietschbunten und magischen Welt, die auch von Disney sein könnte, mit sprechenden Wesen und drolligen Kobolden. Was der Comic jedoch macht ist paradoxes Verhalten aufzeigen, demonstrieren wie groß die Irrationalität der Liebe ist und was Menschen gewillt sind in Kauf zu nehmen, um einen Tropfen davon kosten zu können.

Mein Freund Pierrot Cover Cross Cult
Eine dringende Empfehlung
„Mein Freund Pierrot“ ist eine großartige Überraschung, ein Spektakel für die Augen und eine bittere Pille für jeden, der schon Mal sein Herz gebrochen bekam. Jim Bishop hat mit diesem Werk eine geniale Verbindung von Genre-Klischees, einem umwerfenden Zeichenstil und universalen Themen geschaffen, dass es schwer ist diesen Comic nicht bedingungslos zu empfehlen. Jim Bishop ist ein Künstler, den man sich merken sollte und von dem wir hoffentlich noch einige große Erzählungen bestaunen dürfen.
Pro
Themen, Symbole und Metaphern
Erschaffene und magische Welt
Figuren, denen man nah kommen kann
Kontra
Erzähltypus und Wendungen erwartbar
9

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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