Neon Genesis Evangelion – Perfect Edition 1

20. Juli 2023
3 Minuten gelesen

Eine dystopische Welt eröffnet sich uns und es gibt nur eine Handvoll Auserwählter, die sich gegen riesige Monster wehren und die Erde retten können. Das Schicksal der Menschen hängt an Jugendlichen, die riesige Kampfanzüge steuern im Kampf gegen Aliens. Klingt ja doch nach einem dieser Mecha-Filme, irgendwie nach Pacific Rim. Das Setting des Neo-Tokio im Jahr 2015 stammt aus der Feder des Autors Hideaki Anno und wurde vom Künstler Yoshiyuki Sadamoto 1994 bis 2013 als Manga adaptiert. Die Entstehungsgeschichte dieses Werks ist eher ungewöhnlich.

Der Manga wurde erst nach Beginn der Arbeit am Anime begonnen, erschien allerdings kurz vor der Veröffentlichung der bewegten Bilder. Diese Veröffentlichungspolitik bescherte eine ausgezeichnete Publicity. In den 90ern galt der Mecha-Anime, also riesige von Menschen gesteuerte Kampfroboter gegen Monster, als wenig innovativ. Allerdings gelang es dem Gesamtwerk bis heute als Kultklassiker und Liebling der Fans seinen Ruhm zu erhalten. Selbst knapp 20 Jahre später gilt die Anime-Serie noch als revolutionär für das Genre und gehört zu den beliebtesten Serien. Sechs Filme erschienen außerdem zusätzlich zum Anime.

Nun veröffentlicht der Verlag Carlsen-Manga die gesamte Geschichte in sieben dicken Sammelbänden. Sie erscheinen mit neuen Bilddaten, also mit einer knackigen, hochauflösenden Druckqualität und jeweils exklusiv gestalteten Covers. Es ist ganz klar eine Manga-Reihe, die sich an ein jugendlicheres Publikum richtet. Im Verlauf der Reihe stellen sich jedoch philosophische und psychologische Fragen über das Innenleben der Protagonisten und deren Moralität. Doch nun zum ersten Eindruck dieser Reihe.

Vaterkonflikt und Religion

Neon Genesis Evangelion Shinji Gendo Ikari Carlsen
Copyright: Carlsen

Shinji Ikari ist 14 Jahre alt, ein zurückhaltender Junge, der einen großen Teil seines Lebens bei seinem Onkel lebte. Die Handlung beginnt damit, dass ihn sein Vater Gendo Ikari zu sich beordert. Abgeholt wird Shinji von der Mitarbeiterin Misato Katsuragi, die als Ausbilderin und Koordinatorin in der Organisation NERV für Shinjis Vater die riesigen Maschinen und ihre Piloten betreut. Es geht auf einmal alles extrem schnell und nimmt einen unerwarteten Ablauf.

Als Shinji auf dem Weg zu seinem Vater war, greift eins der riesigen und unbekannten Technologie-Aliens an. Die Stadt wird verwüstet und Shinji, wie auch Misato geraten fast unter Trümmer. Ihnen gelingt die Flucht ins Hauptquartier, doch es sei ihnen keine Ruhe gegönnt. Die eigentliche Pilotin Rei Ayanami (gern gewählte Cosplay-Figur) ist verletzt und kampfunfähig. Nun muss Shinji eine Entscheidung treffen, denn seine Genetik spricht für eine hohe Synchronität mit dem riesigen Kampfroboter, dem Evangelion. Er wird siegen, aber gleichzeitig sofort als gebrochene Figur gezeigt.

Die Lage kühlt sich ab und Shinji entscheidet sich von NERV als Pilot der Evangelions, kurz EVA, ausbilden zu lassen. Eine neue Schule und neue zwischenmenschliche Hürden des Teenageralters erwarten ihn. Immer mit dabei ist die vergebene Suche nach Anerkennung und Zuneigung, nur ein einziges positives Wort, durch seinen eiskalten und eisenharten Vater. Konterkariert wird diese von Trauer und Selbstwertproblemen getrübte Perspektive durch regelmäßig platzierten Humor. Nicht nur ist Misato eine eher unkonventionelle Frau mit einem eigenartigen Haustier Pinguin namens PenPen, auch seine neuen „Freunde“ aus der Schule können nicht seltsamer sein. Überzeichnete Figuren gehören zu dieser Reihe, die den Konflikten dann mit viel Sprengkraft ihre Dynamik verpassen.

Manga und Meta-Ebene

Die religiösen Motive darin sind natürlich nicht willkürlich. Die unbekannten Monster nennen die Menschen ironischer Weise Engel, wobei die Kampfroboter Evangelion beziehungsweise EVA heißen. Einige der wichtigsten beteiligten Organisationen sind NERV, SEELE und GEHIRN. Sie bilden im Lauf der Handlung die administrative Struktur hinter den Lebensrettern (Lebensspender) EVA. Auch den Figuren lassen sich ihren unterschiedlichen Schreibweisen im japanischen stark charakterisierende Eigenschaften zuordnen. Shinji lässt sich als Wut und Hass übersetzen, Rei als Kälte, Befehl oder Dankbarkeit. So nimmt sich die Serie von Anfang an einer Meta-Ebene an, die im Verlauf bearbeitet wird.

Bildsprache

Neon Genesis Evangelion Carlsen Shinji Misato
Copyright: Carlsen

Der Stil Yoshiyuki Sadamotos ist sehr klar und schnörkellos. Das Pacing der Panels funktioniert wirklich sehr gut, sodass man diesen ersten recht umfangreichen Band sehr schnell weg liest. Mittels heller und nur dezent mit Struktur oder Schatten versehener Seiten bildet der Künstler einen starken Kontrast zu den sehr technischen und akkuraten Zeichnungen der Maschinen, Panzern und Actionszenen. Knallt es erstmal, dann fliegen die japanischen Katakana Soundwords nur so über die Seiten. Detailreiche Mechas und viele Beschleunigungs-Linien kann man bereits im ersten Kapitel bestaunen. Auch etwas, das bei dieser Ausgabe besonders ist, sind die farbig gedruckten Seiten zu Anfang jedes neuen Bandes. Da in dieser Neuveröffentlichung gleich zwei Bände zusammengefasst werden, kann man auch zwei Mal farbige Seiten geniessen.

Trotz all dieser Action zeigt der Künstler auch, dass er ein Händchen für die leisen und intimen Momente hat. Die ersten Gewissenbissen Shinjis zeigen sich in diesem Band. Seine kindliche Verletzlichkeit und die nicht zu befriedigende Suche nach echter Zuneigung, Zugehörigkeit und Anerkennung kann man wunderbar gezeichnet nachempfinden. Immer wieder bricht dieser Momente seine Atmosphäre durch Humor. Dabei nutzt Sadamoto alle Klischees der Manga-Welt, kleine Seufzer-Wölkchen bei Erleichterung, eingleiste leere Gesichter bei peinlichen Situationen und natürlich auch die überzeichneten Expressionen allgemein gehören ins Programm der Slap-Stick-Comedy. Diese Momente sind manchmal etwas deplatziert und verfehlen somit ihre zum Schmunzeln oder Lachen anregende Wirkung. Ebenso die Art des Witzes, die gelegentlich nicht sehr gut gealtert sind, beispielsweise bezogen auf Rollenbilder. Dies mag sicherlich auch zum großen Teil an der subjektiven Lesegewohnheit liegen.

Großer Auftakt
„Neon Genesis Evangelion 1“ startet dynamisch und mit vielen Spannung versprechenden Möglichkeiten. Die Rahmenhandlung, also die Kämpfe und Mechas, nimmt viel Platz ein, wodurch manchmal die Figuren ein wenig zu kurz kommen. Allerdings ist diese in den 90ern und 2000ern entstandene Reihe ganz unumgänglich eine Maßstab setzende. Die Verbindung aus der Aufarbeitung psychologischer Traumata und krassen Mecha-Kämpfen, in denen man das Metall scheppern hören kann, macht diese Reihe so reizvoll. Es kann vor allem Jugendlichen einiges an Perspektive und interessant wirkenden Gedanken für ihren Denkprozess mitgeben. Als Neuling mit dieser Reihe sollte man sich auf Einiges gefasst gemacht, denn es geht heiß her.
Pro
interessante Welt
vielfältige Zeichnungen
Kontra
Figuren wirken teilweise sehr plakativ
Humor ist nicht immer gut gealtert
7

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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