Spider-Man: Across The Spider-Verse

Als vor nunmehr 5 Jahren der erste von Sony produzierte Spider-Man Animations-Film erschien erhob sich ein staunendes Raunen und verschwand bis heute nicht mehr. Dieser immer noch als bester Film über einen Spinnenmann gewertete Streifen machte etwas, das bisher nicht denkbar war. Sie präsentierten einen kreativen, künstlerisch anspruchsvollen Animationsfilm außerhalb des Pixar-Mainstreams. Lange erwartet und endlich eingetroffen führt „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ spinnt diese Idee umso mutiger fort. Dieser Film ist zudem erst die erste Hälfte des zweiten Teils.

Die Regisseure Joaquim Dos Santos (Produktion „Die Legende von Korra“), Kemp Powers (Drehbuch von Pixars „Soul“) und Justin K. Thompson (Produktionsdesign „Into the Spider-Verse“) haben das Drehbuch von Phil Lord (Drehbuch „The Lego-Movie“), Christopher Miller (Drehbuch „The Lego-Movie“) und Dava Callaham (Drehbuch „Shang-Chi and the Legend of the Ten Rings“) zu einem farbenfrohen, stilistisch überragend innovativen und eindrucksvollen Film umgesetzt. Das über 1000 Mitarbeiter große Team, das an diesem 2 Stunden und 20 Minuten langen Film arbeitete ist das bisher größte eines Animationsfilms jemals. Die unter Sony Pictures Animation laufende Produktion hat sich bezahlt gemacht und legt die Hürde für folgende Animationsfilme großer Studios extrem hoch.

Hatten wir jetzt nicht genug Multiversums-Filme?

Diese Frage kann man sich ganz sicher stellen und wird jedoch mit diesem Film keine einfache Antwort finden können. Denn der Film begibt sich ganz ähnlich wie „Everything, Everywhere, All At Once“ in eine Familiengeschichte, die mittels Projektion in neue Lebenswelten anderer Dimensionen und Welten verdeutlicht, dass das Vertrauen auf die Familie (auch Freunde als Familie), deren Zuwendung und der gegebene Rückhalt selbst Multiversen übergreifend vorhanden ist und stärkt. Sie zeigen mit diesem Film spannende Möglichkeiten des Medium Films auf und stellen zaghaft theoretische Fragen zu Multidimensionalen Ereignissen. Doch allem voran sprechen sie über das Thema erwachsen werden.

Miles Morales (gesprochen von Shameik Moore) ist der Spider-Man der Erde-1610. Er ist nun auf dem Weg erwachsen zu werden. Immer noch weiß niemand außer seinem Mitbewohner Ganke, der auf keinen Fall sein „Mann im Stuhl“ werden will, von Miles zweiter Identität. Dies führt zu Chaos im Privatleben und zeigt früh im Film, das sich dieser nicht thematisierte Vertrauensbruch in der Familie Morales als Belastung und Treiber wachsender Distanz entwickelt. Er vermisst seine Freunde aus den anderen Dimensionen, vor allem aber seine Teenage-Liebe Gwen Stacy.

Gwen Stacy (gesprochen von Hailee Steinfeld) hingegen vermisst Miles auch, hat aber als Spider-Woman von Erde-65 ganz andere Probleme in ihrem Leben. Der Film beginnt mit ihrer Welt, ihrer Origin-Story und der Offenbarung, dass ein Familienkonflikt trotz gelüfteter Geheimidentität zwischen die Eltern-Kind-Beziehung treten kann. Während sie einen stilistisch und technologisch aus der Zeit gefallenen Vulture bekämpft, tauchen plötzlich andere Spider-Menschen auf. Sie erhält die Einladung in das Hauptquartier. Dieses wird vom Spider-Man 2099, alias Miguel O’Hara (gesprochen von Oscar Isaac) unter strikter Herrschaft geführt. Wie sich im weiteren Verlauf des Films herausstellt, bilden sie eine Einsatztruppe, um Risse im Multiversum zu schließen und entflohene Wesen wieder zurückzuführen. Andernfalls sterben die Welten und schlimmsten Falls sogar die Universen.

Bild und Ton

Die stilistischen Kniffe und innovativen Ideen des ersten Films werden in diesem zweiten Teil mit einem wissenden Lächeln, ob der eigenen verhaltenen Kreativität, einfach weggewischt. Dieser Film explodiert vor visueller Kunst. „Across the Spider-Verse“ zeigt einem was Animation auch bedeuten kann. Sie mischen spielend leicht Stile miteinander, erstellen je nach Welt oder Szene wahnsinnige Farbstimmungen, lassen die Spinnen-Menschen so akrobatisch und ästhetisch durch die oft krisenhaften Situationen gleiten und zeigen einem immer wieder, dass dieser Film konkurrenzlos ist am Himmel der Animationsfilme.

Sie haben verstanden, dass die Form der Funktion folgen kann. Daher wechseln sie teilweise innerhalb einer Szene den gesamten Look der Figuren und der Szenerie. Man mag nun vermuten, dass dies als störend oder gar wirr erscheint, doch weit gefehlt. Mittels Komplementärfarben, Entfernen der Farben oder das hinzugeben von Strukturen und einer visuell den 3D-Effekt imitierenden Räumlichkeit saugt einen dieser Film einfach ein. Diesen Film kann mehrfach gesehen werden und man wird immer wieder etwas neues Entdecken, weil jedes Bild zu vielschichtig ist um es beim ersten Mal komplett verdauen zu können.

Die Musik des Films ist, wie auch im ersten Teil, von Hip-Hop dominiert. Sei man noch so kritisch gegenüber diesem Genre, die Musikauswahl funktioniert und unterstützt jede Szene einfach fantastisch. Überraschend ist auch, dass emotionale Szenen dezente bis keine Musik unterliegen haben. Es wird hier nicht, ganz im Stile Marvels, mit der Musik diktiert, was der Zuschauer zu empfinden hat. Viele Titel des von Daniel Pemberton komponierten Soundtracks bilden schwebende, ambivalente, meist eher melancholische Klangflächen. Die Hip-Hop Tracks sind wie bereits im ersten Teil dominiert von Auto-Tune, knackenden Beats und ikonischen Sounds. So macht dieser Film eine stilistische Bestandsaufnahme der heutigen Strömungen gleich mehrere künstlerischer Disziplinen.

Fazit

Mit „Spider-Man: Across the Spider-Verse“ stellt Sony Pictures alles Spinnenfilme in seinen Schatten. Der Film hat Herz, ist witzig, übervoll an Anspielungen und Easter-Eggs und ist wohl das visuell eindrucksvollste, das seit Jahren auf der großen Leinwand lief. Glücklicherweise ist die zweite Hälfte von diesem zweiten Teil bereits zu Ende des Jahres angekündigt. Es wird ein Fest, ein Feuerwerk und fulminantes Finale einer wirklich beeindruckenden Filmreihe, die sich nicht an alten Tugenden festhält, sondern neue Maßstäbe setzt.

Nur wenige Stunden später – Nils war auch im Kino

Fast mehr als fünf Jahre ist der letzte Animationsfilm um Miles Morales‘ Spider-Verse her. Sony Pictures Animation hat es damals geschafft, Disney bei den 94. Academy Awards zu übertrumpfen. Völlig zurecht. Schon 2018 war die Geschichte um die hunderten Versionen von verschiedenen Spider-Man-Varianten aus allen möglichen Parallelwelten sehr besonders und bis dato einzigartig. Die haulozinierende visuelle Präsentation fiel stark in die Dramaturgie und ermöglichte ein weitaus schnelleres Erzählen der Story. Nun konnte ich vor wenigen Tagen die 23 Minuten längere Fortsetzung in meinem Kino aus der Nachbarschaft sehen und hätte nicht gedacht, dass dieser Tage ein Sequel besser sein könnte als sein Vorgänger.

Ich nehme mal an, dass mein Absatz im unteren Teil des Beitrags platziert wird und ich denke, man darf mittlerweile auch etwas spoilern. Denn es war folgendermaßen: Als bei mir das Intro mit dem sehr eindringlichen Song „Self Love“ von Coi Leray lief, schrieb mir Lars über Telegram „Mega gut!“. Ich hatte in diesem Moment zwar nur den Prolog gesehen und Lars kam in Berlin schon aus seiner Vorstellung heraus, aber war mir schon irgendwie sicher, dass ich gerade in einem unvergesslichen Kinoerlebnis sitze. Die synchronisierte Montage zu Beginn zeigte das Leben von Gwen Stacy’s ganz eigenem Film, der nie erscheinen wird und war für mich schon gleichzusetzen mit Teilen aus „Everything Everywhere All At Once“ (2022). Das von Daniel Pemberton komponierte Intro presste mich mit dem einnehmenden Progressive-Rock in den Kinositz. Die sonst mir viel zu laut klingenden Dolby Atmos Lautsprecher hätten mich gern noch etwas lauter anschreien können.

Knackige Dialoge und eine wilde Achterbahnfahrt mit einem abrupten Stillstand entlockten meinem Kinosaal ein freudiges, aber fassungsloses Raunen. Danach wurde laut applaudiert und niemand stand auf. Für die nächsten zwei Lieder vom Abspann wurde laut diskutiert. Ich öffnete die IMDb App und vergab eine sichere 10/10 und musste unbedingt das Releasedatum von Teil 3 erfahren. Aktuell ist es der 29. März 2024. Das ist weniger als ein Jahr! Diesmal werde ich mich vorbereiten und noch einmal das Double-Feature genießen und mich dabei auf das bevorstehende und beste Paralleluniversum erfreuen.

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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