Supergirl – Die Frau von Morgen

Supergirl. Das Klingt im ersten Moment nach einer Masche dem geneigten Comic- und Superman-Fan ein paar Euros aus der Tasche zu ziehen. Dahinter steckt dann sicherlich auch eine Figur, die nur einen billigen Gender-Swap durchmacht, also im Grunde nur weiblich gezeichnet wird, aber im Kern ein ebenso stereotyper Mann ist. FALSCH!

Dieser Comic ist weitaus mehr, als ein Abklatsch einer altbekannten Figur. Der vielfach preisdotierte Autor Tom King hat mit der äußerst talentierten Zeichnerin Bilquis Evely eine Helden-, Road- und Selbstfindungsreise geschaffen, wie man sie selten mit blau-rot tragenden Helden lesen durfte. Die Häme auf den (un)sozialen Medien war natürlich vorprogrammiert. Eine weibliche, selbstbewusste Heldin, die alles das verkörpern soll, was ein Superman seit 1939 schon darstellte. Doch dieser Comic bricht in einigen Momenten mit der starken Facette und zeigt sich empfindsam und melancholisch, auch verletzbar. Dass diese Arbeit eine außergewöhnliche ist, hat der kürzlich als kreativer Leiter des DC-Filmuniversums eingesetzte James Gunn ebenso postuliert und damit für sehr hohe Verkaufszahlen gesorgt. Seine Begeisterung für dieses Werk soll nun in einer eigenen Filmadaption auf die große Leinwand gebracht.

Copyright: Marvel

Diese 220 Seiten umspannende und abgeschlossene Mini-Serie in acht Heften aus dem Hause DC-Comics erhält man beim Panini Verlag als Softcover Paperback.

Kann man nicht ein Mal in Ruhe saufen?

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Kara Zor-El alias Supergirl wird 21 und nimmt dies zum Anlass auf einem weit entfernten Planeten zu feiern. Sie ist eine der letzten Überlebenden des untergegangenen Krypton, dem Ursprungsplaneten des als Superman bekannten Kal-El. Sie sah ihre Heimat sterben und hat somit ein grundsätzlich anderen Blick auf Leid und den Tod.

Während Kara also eines ihrer vielen alkoholischen Getränke zu sich nimmt, bekommt sie mit wie ein junges Mädchen einen Söldner anheuern will. Ruthye sucht jemanden, der den Tod ihres Vaters rächt. Dieser wurde durch einen Handlanger des Königs ihres Planeten zu unrecht getötet. Mit dem von ihm zurückgelassenen Schwert in der Hand versucht sie nun einen passenden Rächer ihres Vaters zu finden. Schneller, als es für Kara in ihrem Zustand ertragbar ist, wird sie in die Geschehnisse reingezogen. Als sie Ruthye Hilfe anbieten wollte, taucht der Antagonist Krem auf, schießt den Hund Krypto an und stiehlt ihr Raumschiff.

Die Reise beginnt

Nun wird es persönlich für Kara. Ihre Kräfte sind auf Grund der Distanz zu einer Sonne jedoch so schwach, dass sich die Zwei auf einen interstellaren Roadtrip begeben müssen. Wie alle anderen Wesen des Universums auch reisen sie nun mit diversesten Monstern und Kreaturen in vollgestopften Transportern. Sie folgen der Verwüstung und den Taten des machtgierigen und opportunistschen Krem.

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Die gesamte Zeit verfolgen wir die mitunter schrecklichen Erlebnisse aus der Sicht der Ruthye. Ihre Sprache wirkt sehr altmodisch, sicherlich ihrer Herkunft, also dem mittelalterlichen entlehnten Planeten, geschuldet. Sie hält ihre Abenteuer mit Kara in ihrem Tagebuch fest. Darin zweifelt sie am „Guten“, hinterfragt ihre eigenen Motive, beschreibt ihre steigende Wut und Verzweiflung ob der grausamen Taten des nun zu Macht gelangten Krem. Dieser schloss sich einer Gruppierung interstellarer Piraten an, die durch das Universum reisen und rauben und morden. So geraten die beiden jungen Frauen immer wieder in Situationen, die einfach zu viel für jede Seele sind. Erschlagen von Ohnmacht, Überforderung und Hilflosigkeit geben sie sich seelische Unterstützung und ermutigen sich nicht aufzugeben.

Was wirst du tun, wenn er vor dir steht?

Diese Frage stellt Kara im Verlauf der Geschichte schon früh. Und es ist wohl eines der wichtigsten Themen, die sich in diesem Werk verbergen. Was nutzt einem die Rache? Was ändert die Vergeltung für die vielen Toten? Womit rechtfertigt man die Selbstjustiz? Ruthye ist bis auf wenige Momente überzeugt und unnachgiebig. Eines Tages haben sie es geschafft, doch steht nun Kara als geschwächte Supergirl gegen eine ganze Horde von schwerst gefährlichen und kampferprobten Mördern. Ein großes Finale, einige großartige Superhelden-Momente und ein wirklich unerwarteter Ausgang dieser Geschichte sind garantiert.

Eines macht dieser Comic in jedem Fall. Entweder ist man ergriffen von all der Zerstörung und fühlt mit den Protagonistinnen mit, dann ist es eine Reise voller Entbehrungen und so mancher tragischer Momente. Oder man sieht zwei Individuen, wie sie sich befreunden und ein gemeinsames Abenteuer durchleben. Egal wie man diesen Comic lesen wird, die Figuren funktionieren und sind wundervoll von Tom King inszeniert.

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Hinzukommt der fantastische Zeichenstil der Brasilianerin Bilquis Evely und der Kolorierung durch Mat Lopes. Ihre Bilder sind klar strukturiert, schön komponiert, zeigen harte Kanten und Formen und drücken dennoch vieles sehr weiches und nahbares aus. Sie nutzt eine exzellente Balance aus Schattierungen durch Schraffur, Tusche und die äußerst wirkungsvolle Kolorierung, um auf ihren Seiten für atmosphärische Dichte zu sorgen. Dabei ist nicht immer gegeben, dass die Gesichter oder Figuren einen besonders gefälligen und gar Mainstream Look haben. Viele der Designs erinnern allerdings an andere bekannte interstellare und multiplanetare Abenteuer. So können beispielsweise manche Referenz an das Farbspektrum von Coda oder die Diversität der Wesen in Star-Wars gefunden werden, wenn man das möchte.

So gut! Ich würde einen Film...achja
„Supergirl - Die Frau von Morgen“ ist wunderschön anzusehen und wühlt einen emotional auf. Eine im ersten Moment konventionell wirkende Heldenreise, geschmückt mit vielen schönen Charakteren, einer sich herzlich anfühlenden Freundschaft und einigen interessanten Fragen zur Rechtschaffenheit machen diese Mini-Serie zu einem ganz besonderen kleinen Schatz. Tom King wickelt einen um den Finger und Bilquis Evely lässt einen dabei ganz verzaubert vergessen, wie man Superhelden-Comics sonst gewöhnt ist. Eine nicht ohne Grund bald als Film adaptierte Geschichte, die sich in jedem Regal eines Comic-Liebhabers wiederfinden sollte.
Pro
traumhaft schöne Bilder
liebevoll erzählte Figuren
ein perfekter Umfang und Tiefgang
Kontra

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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