Gedanken zum Jahreswechsel von Lars – 13 mediale Höhepunkt dieses Jahres

Was für ein Jahr! Politisch und gesellschaftlich war es wohl eins der wichtigsten und wegweisendsten Jahre des noch jungen Jahrtausends. An fast jedem Tag prasselten neue, erschreckende, aufwühlende und betrübende Nachrichten auf uns ein. Mit dieser Last auf den Schultern verwundert es nicht, dass dem Eskapismus in fremde Welten und Universen vor allem nun gefrönt wird. Ich versuchte mich selber wieder in das Leben zu werfen und erlebte zwischen dem Getöse um verfehlte 1.5° Grad und Kriegsberichten doch auch kleine schöne Momente. Einige der künstlerischen Erzeugnisse, die mir dabei hilfreich gewesen sind, möchte ich nun hier sammeln. Vielleicht entdeckt ihr einige Perlen, um euch die leisen Abende oder lauten Lebensabschnitte aufzuhellen, wenigstens kurz gedanklich rauszukommen.

5 Werke aus Comics, Mangas & Graphic-Novels

Die Auswahl dieser fünf folgenden Werke fiel mir schwer, da ich sehr viel dieses Jahr gelesen habe. Wenn etwas in dieser Liste steht, dann weil es mich, wie auch immer geartet, emotional berührt hat. Entweder war es ein lang ersehntes herzliches Lachen, eine verdrückte Träne oder eine strahlende Freude für die Figuren, die diese Werke in mir hervorriefen. Ein weiteres wichtiges Kriterium für mich: Würde ich etwas noch einmal lesen.

Karmen

Copyright: Cross Cult

!Achtung Triggerwarnung!
Was ist das Leben Wert? Welche Fehler würde man beheben? Und mit welcher Perspektive tritt man dem Leben entgegen? All diese Fragen haben Geschichten wie die „Christmas Carol“ von Charles Dickens schon 1843 oder der Film „It’s A Wonderful Life“ aus dem Jahr 1946 bereits schon bearbeitet. Dieses Werk jedoch geht einen ganzen Schritt weiter. Sie zeigt, was nicht gezeigt werden will, sie geht gnadenlos ehrlich mit den Figuren um und konfrontiert den Leser damit. Doch was passiert in „Karmen“ vom Zeichner und Autor Guillem March?

Die junge Frau Catalina ist seit Kindertagen in ihren besten Freund verliebt. Dieser doch eher promiskuitive junge Mann scheint sich jedoch nicht für sie zu interessieren. Ein immer wieder aufgesagter Monolog am Telefon mit einer sich von ihm trennenden Frau macht diese Routine umso emotionsloser und kalt. Es gipfelt darin, dass Catalina oder auch Cata ihn verdächtigt mit ihrer Mitbewohnerin ein Verhältnis eingegangen zu sein. Sie erträgt es nicht mehr und beendet ihr Leben mit zwei tiefen Schnitten. Es wird alles ganz direkt und ungeschönt, jedoch nicht verherrlichend oder brutal, aufgezeigt.

Dann tritt Karmen auf. Eine wirre, rötlich-pinke Frisur und so etwas wie ein Skelettkostüm tragend marschiert sie in die Wohnung Catalinas. Schnell stellt sich raus, dass dies kein Kostüm ist und Karmen kein Mensch. Sie nimmt Cata mit auf eine Reise in die Vergangenheit und zeigt ihr, wie das Leben in der Phase zwischen Tod und Leben sein kann. Cata wird fliegen, Menschen beim Sex beobachten, ihre Eltern besuchen und sich in das Schicksal anderer Menschen einzumischen versuchen.

Es ist eine umwerfende Geschichte. Sie ist krass, sie ist witzig, sie lässt Gedanken schwirren und sieht zudem einfach großartig aus. Fünf Jahre arbeitete Guillem March an diesem Werk und es lohnte sich mit jeder Seite.

Coda

Copyright: Cross Cult

Es ist bunt, schrill, mystisch und doch eine eher klassische Liebesgeschichte. Das dreiteilige High-Fantasy-Abenteuer „Coda“ von Simon Spurrier und Matías Bergera reitet mit großer Kraft und viel Farbe durch eine apokalyptische Welt. Vorher schien sie von Ylben, Trollen und anderen magischen Wesen bevölkert. Nach der „Quench“ sind nur noch einige wenige übrig und die Welt muss sich neu ordnen.
Der Protagonist „Hum“, ein ehemaliger Barde, sucht verzweifelt nach einem Heilmittel für seine verfluchte Frau. Auf dem Weg zur Erkenntnis um das Wesen seiner Frau und seinen eigenen Wünschen begegnen er und sein Pentahorn Näg so manchem verrücktem Fantasy-Klischee. Die Sprache ist derb, die Bilder sind mit Soundwords gespickt und demnach sehr laut, die Figuren herrlich sarkastisch und diese ganze Welt einfach lächerlich witzig. Es ist ein spaßiger Ritt durch diese verquere Welt, die im Kern eine doch sehr konventionelle Abenteuergeschichte ist, in der der Held nach Erkenntnis und Liebe strebt.

Supergirl – Die Frau von Morgen

Copyright: Panini

Sie ist einfach super! Diese von Tom King geschriebene und Bilquis Evely in wunderschöne Bilder gegossene Geschichte hebt Superhelden auf eine ganz neue Ebene. Es ist eine Geschichte über Rache, Freundschaft und Mitgefühl. Die Erzählerin und handlungstreibende Figur Ruthye kommt von einem Planeten, der an eine Fantasy-Mittelalter-Welt erinnert. Ihr Vater wird willkürlich von einem Handlanger des Königs umgebracht. Sie schwört Rache und sucht einen Auftragsmörder, der für sie diesen Job erledigen wird.

Wie der Zufall es so will, feiert Kara alias Supergirl gerade ihren 21. Geburtstag in einer Schenke auf diesem Planeten. Sie mischt sich in übergriffiges Verhalten gegenüber Ruthye eines Schurken ein. Als besagter Mörder ihres Vaters am nächsten Tag Supergirls Schiff klaut und ihren Hund Krypto erschießt, wird das ganze persönlich. Gemeinsam machen sich die zwei jungen Frauen auf und durchkreuzen die buntesten Welten, stecken häufig in irgendwelchen Transportschiffen eingepfercht neben sexistisch-toxisch-männlichen Wesen fest und bieten allen die Stirn.

Die fantastischen Bilder, viele emotional tiefgreifende Momente und die wundervoll erzählte Geschichte lassen einen beim Lesen eine Achterbahn der Gefühle fahren. Zwischen Freude für die Figuren und tiefster Betroffenheit gelingt den beiden Künstler:innen einfach jedes Gefühl zu transportieren und die Lesenden abzuholen.

Trotz allem Liebe..

Copyright: Splitter Verlag

Die Zeit ist relativ. Jeder kennt das Phänomen „schnell verfliegender Zeit“, wenn es ein besonders schöner Tag oder Abend war. Manchmal friert die Zeit nahezu ein, entweder vor Langeweile oder aus größter Erregung heraus. In dieser sommerlich leichten Geschichten „Trotz allem Liebe…“ wird die Liebesgeschichte eines Paares erzählt, welches über viele Jahrzehnte hinweg nie voneinander losgekommen ist. Das spannende daran, die Geschichte wird zeitlich rückwärts erzählt und ergibt vorwärts einen Sinn. Die Zeichnungen von Jordi Lafebre sind zuckersüß und erinnern häufig an Disney der späten 90er Jahre. Es ist eine ungewöhnlich erzählte Geschichte mit unkonventionellen Figuren, die sich trotz oder wegen der großen Zeitspanne in der Erzählung einfach herrlich authentisch anfühlen. Diese Graphic-Novel ist eine wirklich schöne Feel-Good-Lektüre mit so manchem freudigem Schluchzen.

Usagi Yojimbo

Diese Reihe ist schon fast 35 Jahre alt, aber zeitlos unterhaltsam. Stan Sakai, der kreative Vater Usagis und vielen weiteren interessanten Figuren, ist mit dieser Reihe 2020 in die „Will Eisner Award Hall of Fame“ aufgenommen worden. Sakais Welt ist voller Tiere, die Reden und Arbeiten und ehrenvolle Männer sein können. Diese Welt ist eine Mischform eines Japans im 17. Jahrhundert und Fantasy-Comics. Der Protagonist ist Usagi Yojimbo (Hase Leibwächter) ein nun herrenlosen Samurai, ein Ronin, der durch die Ländereien streift und in lose aufeinander aufbauenden Abenteuern Menschen in Not zu Hilfe eilt. Darin findet man selten einen wirklich ernsten Ton. Angefangen beim Ableben der mit der Katakana zur Strecke gebrachten Kontrahenten und Schurken. Über ihren zur Grimasse verzogenen Gesichtern erscheint zum Zeitpunkt ihres Todes ein Totenkopf in einer Sprechblase. Blut und explizite Gewalt ist sehr selten, trotz des Genres Samurai-Epos.

Zwischen all den ironischen Geschehnissen liegt aber noch mehr. Stan Sakai webt die japanische Geschichte, kulturelle Gepflogenheiten und Mythen und Sagen spielerisch in seine Geschichten ein. Immer eine sehr unterhaltsame, spielend leichte, dennoch ernst zu nehmende Reihe.

5 Werke aus Film und Serien

Dies ist eine Liste meiner diesjährigen Highlights in bewegten Bildern. Auch hier gilt die Frage: „werde ich es noch mal ansehen?“ als eins der größten Kriterien.

The Boys

Zu „The Boys“ muss wahrscheinlich nicht so viel gesagt werden. Es hat dieses Jahr einen ziemlichen Hype um die dritte Staffel gegeben. Zurecht, wie ich finde. Diese Serie reißt mit gut geschriebenen Figuren und irrwitzig schwarzem Humor den Superhelden die schillernde Maske vom Gesicht. Die Serie dekonstruiert die moderne Gesellschaft politisch und medial. Die Darsteller zeigen alle eine große Bandbreite schauspielerischen Könnens. Doch eines muss klar sein: Es wird geschnetzelt, gehackt, gelasert, explodiert und mit Blut an keinem Ende gespart.

Ich hab es fast in einem Rutsch aufgesogen und war mit jeder Folge mehr und mehr Fan dieser Comic-Adaption. Sie gilt unter vielen Comic-Fans als die beste Comic-Serie. Dem schließe ich mich an.

His Dark Materials

Eine weitere Adaption einer literarischen Vorlage ist die dieses Jahr beendete Serie „His Dark Materials“. Auf der Buchvorlage von Philip Pullman basierend versuchte man schon vor einigen Jahren mit dem Film „Der goldene Kompass“ eine Adaption zu landen. Scheiterte aus vielen guten Gründen. Allerdings ist diese serielle Erzählweise der von der BBC und HBO produzierten Serie um ein Vielfaches besser.

Als ein Liebhaber der Bücher kann ich mich einfach überhaupt nicht beschweren, was diese Serie anbelangt. Die Figuren wurden fantastisch gespielt, die Animationen waren mehr als zufriedenstellend (besser als manche Marvelproduktion) und selbst die häufig infrage gestellte Nähe zum Buch empfand ich als sehr treffend umgesetzt. Dass gewisse Anpassungen und Veränderungen vorgenommen werden mussten, diente rein des Spannungsaufbaus dieser Serie. Inhaltlich sind es Kleinigkeiten, die verändert wurden, aber der Geschichte keinen Abbruch tun.

Doch worum geht es eigentlich? Im Kern geht es um ein Mädchen, das aus einer Welt stammt, in der die Seele als außerhalb des Körpers befindliche Tiere existieren, auf eine alles verändernde Reise gehen soll. Sie kann mittels der mystischen Substanz „Staub“ (oder auch „dunkle Materie“) einen Kompass bedienen, der die Wahrheit spricht. Das Mädchen Lyra wird auf einen ebenso außerordentlichen Jungen treffen. Ohne viel spoilern zu können, muss ich nun aufhören zu schreiben. Seht euch die Serie einfach an!

She-Hulk

Es gab wohl selten eine Marvel-Cinematic-Universe Serie, die so viel Hass und Häme im Internet kassiert hat wie diese. Vorneweg sei gesagt, dass eben die Menschen (zumeist weiß und männlich) einfach nicht verstanden haben, worum es in der Serie geht. Ihre Egos, ein konservatives, anachronistisch sexistisches Weltbild, waren schlichtweg überfordert mit einer Mainstream-Serie aus dem Hause Disney, die sich so direkt über diese Gruppe Menschen lustig macht und dann auch nicht gerade wenig Kritik übt.

Im Grunde ist es aber eine eher konventionelle Serie. Nach dem Prinzip „Monster of the Week“ muss sich die Anwältin Jennifer Walters gegen verschiedenste Bedrohungen wehren. Sei es ein Fall vor Gericht, eine Hochzeit oder ein Yoga-Retreat, dem sie am liebsten entfliehen will, immer macht diese Serie eine Sache sehr gut. She-Hulk bricht die vierte Wand regelmäßig, pointiert und witzig!

Es ist eine überraschend kritische und witzige Serie, wenn nicht sogar die witzigste Marvel-Serie jemals. Zumal deutet sie einige sehr interessante Entwicklungen für das Franchise an.

Everything, Everywhere, All At Once

Mein persönliches Highlight dies Jahr im Kino. Ein Film, so drüber und gleichzeitig ernst zu nehmen, wie kaum ein anderer Film dieses Jahr. Es ist ein echter Multiversums Film, auf keiner Linie vergleichbar mit dem doch recht mittelmäßigen Versuch der Marvel-Studios. Es ist ein Familiendrama, ganz weltlich und eigentlich ganz klein. Wären da nicht die zig anderen Welten und Versionen der Hauptfigur, gespielt von Michelle Yeoh, die gerettet werden müssen. Viele Themen stecken in diesem Film, die alle gleichzeitig behandelt werden. Manches kommt daher ein wenig zu kurz, hinterlässt aber dafür einige Fragen und Gefühle zu eben diesen Themen. Der Film behandelt im Grund das Thema Identität: migrantische Identität, familiäre Identität, sexuelle Identität und kulturelle Identität sind nur einige sehr präsente Formen der wohl modernsten und modischsten Art der Selbstrepräsentation.

Ich empfinde diese Film als großen Zugewinn für die Kinolandschaft, denn ich hatte so viel Spaß wie lange nicht mehr. Eine wirklich wilde Achterbahnfahrt durch Tiefen und Höhen, schön Dialoge und gut choreografierte Kung-Fu-Szenen haben diesen Film in diese Liste hochschnellen lassen.

1917

Dieser Kriegsfilm ist anders als anderen seiner Art. Es ist so nah dran am Geschehen, wie wohl kaum ein anderer. Der „One-Take“ Eindruck verstärkt diese Wirkung immens. Im ersten Weltkrieg situiert, beginnt dieser Film mit einem klaren Auftrag: Zwei britische Soldaten müssen durch das Niemandsland ins feindliche Gebiet, um einen aufgedeckten Hinterhalt zu vermeiden. In knapp 120 Minuten aufregendster Manier begleiten wir als Zuschauer dieses Spektakel. Es ist nicht viel zu sagen, außer: schaut ihn euch an.

3 Podcasts

Diese drei ausgewählten Podcasts haben es in heftiger Rotation in mein Gehör geschafft. Sie sind divers in Unterhaltungswert und Informationsgrad.

Filmanalyse

Der von Wolfgang M. Schmitt produzierte Podcast „Filmanalyse“ nimmt sich Popkultur und Klassiker der Filmgeschichte vor die Brust. Dabei analysiert er auf Grundlage philosophischer Konzepte und immer mit vielen literarischen und politischen Verweisen, was es hinter dem steht, was wir glauben zu sehen. Es ist ein außerordentlich informativer Podcast, der mit seinen durchschnittlich 20 Minuten langen Episoden randvoll mit anregenden und kritischen Aussagen zum Nachdenken anregt.

Kack & Sachgeschichten

In bierseliger Laune unterhalten sich drei „Medienfutzis“ Richard, Fred und Tobi über Filme und gelegentlich auch Serien. In ihren oft über zwei Stunden langen Episoden pflegen sie auf unterhaltsamer Weise Streitgespräche, analysieren und kontextualisieren Filme. Immer einige hopfenhaltige Erfrischungsgetränke parat stehend, schweifen sie so manches Mal sehr illuster ab und geraten dabei in teils wüste Interpretationen. Wem die „Filmanalyse“ zu trocken ist, wird bei den „Kack & Sachgeschichten“ mit feuchtfröhlichem Konterprogramm erfreut sein.

Geschichten aus der Geschichte

Dieser bereits mehrfach prämierte Podcast widmet sich der Geschichte. Abwechselnd erzählen sich Richard und Daniel kleine Geschichten aus der Geschichte und bringen einem ganz beiläufig viel über den jeweiligen Kontext bei. Die Themen sind breit aufgestellt. So kann nahezu jeder etwas darin von Interesse finden. Von der Geschichte der Ramen-Suppe über die Geschichte des Saxofons, das Exil Napoleons bis hin zu Schlachten des frühen Mittelalters findet sich nahezu jeder Aspekt, Zeitepoche und Kontinent vertreten.

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

Schreibe einen Kommentar

Your email address will not be published.