The Department of Truth 2 – Die Stadt auf dem Hügel

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Die Realität droht unter der Last der Fake-News und sich ständig wiederholenden Verschwörungsmythen zu zerfallen. Doch was ist die Realität eigentlich? Ist es das, was du und ich fühlen, sehen, also wahrnehmen können? Heißt das gleichzeitig, dass alles, was sich nicht mit den Sinnen wahrnehmen lässt weniger real ist? Einigen dieser Fragen geht James Tynion IV in seiner Geschichte „The Department of Truth 2 – Die Stadt auf dem Hügel“ nach.

Diese bereits beim Publikum zum Fanliebling gewordene Reihe wird von Martin Simmonds in meisterhafter Kunst visualisiert. Es gibt wenige Reihen, die sich in Form und Inhalt als so herausstechend und einzigartig beschreiben lassen. Zum Glück hat sich der Splitter Verlag die Lizenzen ergattert und veröffentlicht diese Reihe nun in absolut hochwertigen Hardcover-Ausgaben. Selbst das Lettering von Frieda Sobiech dieser deutschen Übersetzung von Katrin Aust beweist ein extrem hohes Maß an Qualität.

„Sie sind die Guten, oder?“

Copyright: Splitter Verlag

Agent Cole Turner, ein ehemaliger FBI-Ausbilder, wurde im ersten Band von gleich zwei Organisationen angeworben. Die erste mit dem Namen „Black Hat“ zeigte ihm, was niemand für möglich, zu viele Menschen aber für plausibel halten, nämlich, dass die Erde flach ist. Die zweite Organisation zeigte Agent Turner, dass die Menschen ihre Realität selber erschaffen, durch die Macht ihrer Gedanken. Daher braucht es das „Department of Truth“, das die Auswüchse dieser Glaubenskonstrukte beseitigt, eindämmt oder sogar für ihre eigenen Zwecke instrumentalisiert.

Der dafür viele Jahre verantwortliche Specialagent Hawk Harrison gehört zu den ersten großen Meistern dieser mysteriösen Profession. Er war schon an vielen Beseitigungen von Aliens, Monstern und Dämonen beteiligt, wie er berichten wird. Doch scheint besagter Hawk ein ganz eigenartiges Spiel zu spielen, in dem Cole Turner eine essenzielle Rolle besetzt. Die im ersten Band angedeutete Satanic-Panic und das Auftreten des Sternmanns, dessen mediale Präsenz für viele Amerikaner ein Grund zu Sorge vor dem Erstarken satanischer Kulte war, ist enger mit Cole Turner verbunden, als er dies selber für möglich hält. Cole wird von Hawk unter seine Fittiche genommen und sie begeben sich auf einige schier unglaubliche Missionen, die Zitat: „echt kranker Scheiß“ zu Tage fördert.

Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen sie …

Ein sehr großer Bestandteil dieser zweiten Ausgabe ist die verzweifelte Suche eines Mannes nach dem Sasquatch. Dieser in den USA überaus bekannte Verschwörungsmythos zum übergroßen, haarigen Menschenaffen, der in den Wäldern leben soll wird seit Generationen weitererzählt. In diesem speziellen Fall führt die Begegnung mit einem solchen Wesen gleich zu mehreren zerrütteten Familien.

Mittels einer Reihe von Briefen eines Vaters an einen seiner Söhne erfahren wir, wie er zum Gläubigen wurde. Die Geschichte erhält zudem gelegentlich einige die Erzählung unterstützende Panels oder ganze Seiten, die dem Inhalt des sonst „handgeschriebenen Brief“ weitere Tiefe verleihen. Darin erfahren wir wie besagter Familienvater selber als Kind von seinem Vater mitten in der Nacht geweckt wurde, um mit eigenen Augen die Fußspuren im Wald zu sehen und den Geruch des Wesens in der Nase stechen zu spüren. Er war noch Kind und musste mit ansehen, wie die Besessenheit seines eigenen Vaters die Ehe und schließlich dessen Leben kostete.

Copyright: Splitter Verlag

Sein Schicksal nahm andere Wege und endete jedoch in nahezu der selben Sackgasse. Die Ehe zu seiner Liebe des Lebens, das Zusammenleben mit seinen nun erwachsenen Söhnen und die besessene Suche nach dem mythischen Wesen jedes Wochenende waren nicht miteinander vereinbar. Allein, desillusioniert und an einem Leben zweifelnd, in dem das unmögliche und die Fantasie keinen Platz der Existenz finden, begibt er sich auf seine letzte Jagd. Es ist eine Reihe von Abschiedsbriefen, die wir dort lesen dürfen. Auf der letzten Jagd wird sich allerdings alles ändern, denn er trifft auf Cole Turner, Hawk Harrison und eine der begnadetsten Ranger des Department.

Knoten im Kopf

Diese eh schon sehr fordernde Geschichte über Familientragödien, Vertrauen, Wahrheit, Gut oder Böse und der Suche nach Klarheit wird von Martin Simmonds visuell grandios umgesetzt. Es lässt sich kaum ein schlechtes Wort zu diesem Stil sagen. Simmonds Illustrationen sind vielschichtig, so extrem reich an lebendigen Strukturen und Dynamik, das man manchmal die Augen nicht von einer Seite nehmen kann. Es herrscht eine gewisse Rohheit und gewollte Hässlichkeit in der Art wie der Künstler die Figuren und Szenerie gestaltet. Die vielen unterschiedlichen Zeichenmedien beziehungsweise Ebenen der digitalen Datei ergeben eine unfassbar immersive Fusion verschiedener Stilistiken und Methoden. Kein Bild ist still oder ohne einen besonderen Kniff. Selbst die häufig als langweilig oder die Geschichte bremsend wahrgenommenen Briefe wirken großartig. Sie allein zeugen von so viel Liebe für das Detail und einem unglaublich aufmerksamen Blick für das nötige Bisschen, um die Atmosphäre perfekt zu machen.

Eine instantane Assoziation zur ersten Staffel der Serie „True Crimes“ kann einem beim Anblick der Seiten, schon allein des Cover wach werden. Diese ambivalente Anspannung, basierend auf Unwissenheit und häppchenweisen Einblicken hinter die Fassade der geheimen Organisationen, lässt einen einfach nicht wegkommen von diesem Werk.

The Department of Truth 2 Die Stadt auf dem Huegel Cover
Konsequent, schonungslos und auf den Punkt
„The Department of Truth 2 - Die Stadt auf dem Hügel“ ist persönlicher und näher am Menschen, als es die Exposition sein konnte. Dies macht es jedoch nur noch erschreckender, unglaublicher und spannender. Gerade weil sich in dieser Ausgabe viel Zeit genommen wird die Mechanismen, Motive und Auswirkungen von Verschwörungsglauben zu erörtern wirkt die gesamte Ausgabe ein wenig lehrmeisterlich. Allerdings scheinen eben jene Definitionen und Klarstellungen des Konsens umso wichtiger, da sich vom Cliff-Hanger vorwärts wohl knall hart in die Geschichte geworfen wird. Es ist ein großartig, schauderhafter und beeindruckender Spiegel der Gesellschaft und Politik der vergangenen knapp 100 Jahre, den Tynion und Simmonds hier mit dem Skalpell sezieren.
Pro
großartige Illustrationen
intelligent eingewobene Figurendramen
Kultur- und Mentalitätsgeschichte der USA im Abriss
Kontra
ein wenig viel Erklärung im Stil eines Expositions-monologs
9

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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