Dorohedoro 6

9. Oktober 2022
2 Minuten gelesen

Schon zum sechsten Mal bringt uns das Imprint Manga Cult des Ludwigsburger Verlags Cross Cult den Klassiker „Dorohedoro“ in einer massiven Doppelausgabe. Wieder einmal tauchen wir dank der maßlosen Fantasie der Q-Hayashida in eine magische, raue und aberwitzige Welt ein. Der Figurenkanon ist groß, die Welt facettenreich und häufig erschreckend brutal.

Schon 2000 erschien diese Reihe mit ihrer Erstveröffentlichung. Mehr als 20 Jahre später wurde ein recht erfolgreicher Anime dazu produziert und erhielt ebendieses Re-Release in extra großer Ausführung. Ein visueller und absurd komischer Lesespaß öffnet seine Softcover Buchseiten.

Zwei Kreuze, wenn es überstanden ist

Etwas Schockierendes ist im vorigen Band geschehen. En, der Anführer von Shin, Noi, Fujita und so vielen anderen Figuren, ist getötet worden. Seine Rolle in dieser Welt kam der eines inoffiziellen Regierenden gleich, denn schon mit dem Tod vergeht ganze Architektur, ein soziales System und eine Gruppenzugehörigkeit löst sich einfach in Rauch auf. Die Nachricht verbreitete sich blitzschnell, denn die von ihm gewirkten Pilz-Zauber dekorierten schließlich große Teile der Stadt und verschwanden sofort mit seinem Tode. Das Anwesen Ens steht daraufhin bald leer. Nur noch einige wenige treue Anhänger behalten ihre Position, doch müssen sie ihren Platz schon zügig räumen. Eine neue Gewalt nimmt sich den frei gewordenen Thron, die Kreuzaugen.

Als zweit- und drittklassige Magier begehren sie nun, ihrem Schicksal als Fußabtreter der skrupellosen und oftmals herzlosen Magier entgegenzutreten. Sie nehmen sich das, was für sie sonst unerreichbar wäre: Macht, Einfluss und Ansehen.

Schon zu Beginn, wie auch in den letzten Ausgaben, ist Dr. Kasukabe auf der Suche nach seiner Ehefrau. Diese ist dieser Tage bereits ein Teufel (magischer Rang und Aussehen) und soll ihm helfen bei der Suche nach einem von den Kreuzaugen gehuldigtem Mann, Ai.

Wer bist du jetzt wirklich?

Die ewig loyalen Cleaner Ens, Shin und Noi, versuchen derweil einen Weg zu finden, an Ens Kopf zu gelangen. Darin befindet sich der benötigte Zauber und ermöglicht die Wiederbelebung mittels der zaubernden Katze Kikurage. Mehrere Parteien begehen also ähnliche Wege, um unterschiedliche Ziele zu erreichen und treffen auf ihrer Mission immer wieder weitere Charaktere, deren Ambitionen sich teilweise überschneiden.

Im zweiten Teil dieser Ausgabe wird Nikaidos Vergangenheit und ihre Angst vor ihrer eigenen Magie beleuchtet. Sie versucht mit Kawajiris Hilfe, ihre Magie zu kontrollieren und sie zu nutzen. Es scheitert, denn kaum jemand ist Zeit-Magier und es braucht spezielle Literatur. Diese ist natürlich im Anwesen des verstorbenen En.

Dort hat sich aber die Kerngruppe der noch übrigen Kreuzaugen zusammengeschlossen und wirbt eine riesige Armee untalentierter Magier an. Sie wollen sich von ihrer lebenslang erlebten Diskriminierung frei machen und strömen zu Hunderten ins Anwesen, um sich Kreuze über die Augen tätowieren zu lassen.

Zum Ende wird es noch mal rasant und leider auch zusehends unübersichtlich. Ein verfluchter, sich aus dem vom Echsen-Kopf-Fluch Caimans befreiter Mann namens Curse beziehungsweise Risu treibt nun sein rachsüchtiges Unwesen. Jedoch ist dort noch Aikawa, Risus vielleicht bester Freund, der sich an nichts erinnern kann. Sie jagen sich gegenseitig und es wird an einigen Stellen schwer verwirrend, wer denn nun der ehemalige Caiman ist, wer der wirkliche Anführer der Kreuzaugen war und ist und welche Ziele die Figuren überhaupt haben. Es endet wieder einmal mit einem fiesen Cliffhanger, der dem ganzen vorher Erlebten noch ein weiteres großes Fragezeichen als Krönung aufsetzt.

Der Stil

Q-Hayashidas präzise Zeichnungen sind wundervoll anzusehen. Die Fülle ihrer Panels kann aber auch überfordern, denn es passiert so viel darin. Die Umgebung ist reich an Details und atmosphärischen Kleinigkeiten. Ihre entworfenen Figuren haben zwar immer ein charakteristisches Aussehen, doch sind diese zumeist durch Kleidung stark zu unterscheiden, nicht unbedingt mittels ihrer Gesichtszüge.

Es ist außerdem wichtig, auf die explizite Gewalt und das nicht geringe Niveau an Body-Horror oder Splatter-Elementen hinzuweisen, die in die Geschichte einfließen. In dieser Ausgabe werden so einige Körper auf – gelinde gesagt – unsaubere Art und Weise auseinandergenommen. Der bisher als Comic-Relief fungierende Caiman fehlt nun, was im Speziellen dieser Ausgabe eine gewisse Leichtigkeit abhandenkommen lässt. Die Tonalität wird düsterer, ernster und das spürt man auch in den Bildern.

Fazit
Diese sechste Ausgabe von „Dorohedoro“ ist bisher die am wenigsten konsequente und leider erzählerisch schwächste Ausgabe dieser Reihe. Es scheint, als würde die Arbeit Q-Hayashida Luft holen, um dann einen großen Sprung in der Handlung zu machen. Die hierin behandelten Themen von Diskriminierung, Identitätskrise und der Sinnsuche sind dennoch nicht weniger interessant eingebaut. Die bisher vorhandene Leichtigkeit und Albernheit sind irgendwo auf dem Weg aus dem Korb der vielen Eigenschaften dieser Reihe herausgefallen. Es bleibt des Cliffhangers wegen superspannend und die Hoffnung, das Knäul aus Andeutungen, losen Fäden und gelegten Spuren endlich geordnet und beantwortet zu bekommen. Die Hoffnung auf den nächsten Band ist also vorhanden; dieser Band scheint im Vergleich zu anderen seiner Reihe nur ok.
Pro
Führt eine fantasievolle Welt mit vielfältigen Charakteren fort und erforscht faszinierende Themen; Detaillierte Grafik und fesselnde Handlungsstränge.
Kontra
Verminderte narrative Konsistenz und erhöhte Komplexität; explizite Gewalt könnte manche Leser verunsichern; Fehlen eines alberischen Tons in diesem Band.
9.6

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

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