Shamhats Liebhaber – Die wahre Geschichte von Gilgamesch

7. März 2022
2 Minuten gelesen

Es ist schon erstaunlich, wie ähnlich sich die erzählten Geschichten der Menschheit sind und schon immer waren. Egal in welcher Kultur oder zu welcher Zeit in der Historie, es finden sich darin gleiche Motive von Liebe, Freundschaft, Macht und Verrat, um nur einige Beispiele zu nennen.

Die wahrscheinlich älteste schriftlich festgehaltene Geschichte ist das Gilgamesch-Epos. Diese nahezu 4000 Jahre alte Geschichte wurde erst nach vielen arbeitsintensiven Jahren aus der altbabylonischen Keilschrift (Akkadisch) entschlüsselt und übersetzt. Die leider nur bruchstückhaften Reste der zwölf Tontafeln sind noch heute Bestandteil zahlreicher Forschungen und Neuinterpretationen. So auch dieser Graphic Novel mit dem Titel „Shamhats Liebhaber – Die wahre Geschichte von Gilgamesch“, welche von Charles Berberian adaptiert wurde. Die französische Übersetzung dieses beim Reprodukt Verlag erschienen Werks fertigte Silv Bannenberger an. Das französische Original entstand in Kooperation mit dem Louvre und erschien erstmals als „Louvre éditions“.

Die Handlung

Gilgamesch ist König von Uruk, einer mesopotamischen Metropole und Nachbarstadt von Babylon. Er labt sich an seinem Reichtum, feiert seine Göttlichkeit, die er nicht müde wird zu betonen, und erfreut sich der Gesellschaft einer gewissen Shamhat. Diese Kurtisane genießt großen Einfluss und eine akzeptierte Position am Hofe. Der König lässt seiner Göttlichkeit Ausdruck verleihen, indem er seine Geschichte von seinem obersten Berater und General Ebih in Tafeln schlagen lässt. Bereits dort wird klar, dass jede Geschichte genau das ist und bleibt: eine Geschichte. Sie wird ausgeschmückt, verbessert und verkürzt an Stellen, an denen nicht so viel gesagt werden soll. In diesem speziellen Fall des fragmentierten Ausgangsmaterials ist der Untertitel dieses Werkes sicherlich als ironischer Seitenhieb auf Geschichtsschreibung zu interpretieren.

Dem König dringt ein Gerücht über einen weißen Leoparden ans Ohr und er schickt seine geliebte Kurtisane Shamhat aus, um diesen zu bändigen. Wie sich herausstellen soll, ist dieser Leopard der gut aussehende und intelligente Enkidu. Dessen Vergangenheit ist anfänglich nebulös und er scheint von besonderer Herkunft zu sein. In welchem Verhältnis der Mann zum König steht, klärt sich im Verlauf dieses Werks. Vorerst gelingt es Shamhat, den König davon zu überzeugen, den Konkurrenten Enkidu nicht sofort töten zu lassen. Nach einem Kampf zwischen jung gegen alt entsteht eine tiefe Freundschaft größten Vertrauens.

Das Leben scheint ideal; der Stadt und den Menschen geht es gut. Wäre da nicht der Wunsch des Königs, seine Göttlichkeit zu manifestieren und unsterblich zu werden. Den Kampf gegen den Himmelsstier müsse er dafür gewinnen und könnte damit seinem Ziel näherkommen. So begeben sich Enkidu und Gilgamesch auf eine gemeinsame Reise. Sie ist kräftezehrend und den wahren Charakter des Gilgamesch offenbarend. Zudem erfahren wir – während König und bester Freund auf der Jagd des mystischen Stiers sind -, was es mit Enkidu auf sich hat. Eine fatale Entscheidung trifft die andere und ein schnelles Ende überrumpelt nicht nur so manche Figur dieser Geschichte.

Der Stil

Charles Berberians Stil strahlt etwas ganz Archaisches und Rohes aus. Es wirkt des Öfteren nahezu so, als könnten seine von Aquarellmalereien geprägten Bilder gar Teil der 4000 Jahre alten Tontafeln sein. Die Figuren sind häufig stilisierte und minimalistische Darstellungen, die doch nie einfach oder stumpf wirken.

Die Bildausschnitte sind bestens gewählt und geben der Erzählung ein ganz eigenes und sehr interessantes Tempo. Einige Male zeigt der Künstler außerdem Panoramen der Natur und der Städte, die mit teils schwerem Strich und dunklen ineinanderlaufenden Farben dargestellt werden. Die Kolorierung dieses Werks macht den Löwenanteil der antiken Wirkung aus. Auf dem beige-weißen Papier sieht man die kräftigen und anscheinend mit Tinte- oder Tuschestiften gezogenen Outlines. Die schnörkellosen und detailarmen Zeichnungen werden belebt mit blauen, grünen, grauen und schwarzen Aquarellfarben. Teilweise verschwimmen sogar Outline und Kolorierung und bilden eine subtile Form der Struktur an Charakteren oder Gegenständen.

Diese Adaption, sicherlich auch diese Geschichte an sich, zeigt häufig, wie die Figuren miteinander und sich gegenseitig beschlafen. Sex und Nacktheit gehören in diesem Werk zur gewöhnlichen Lebensrealität. Doch auch in diesen Szenen wirkt die Darstellung nie plump vulgär, sondern eher wie eine Darstellung eines tatsächlich Tausende Jahre alten Geschehnisses.

Fazit
„Shamhats Liebhaber“ ist ein in vielerlei Hinsicht besonderes Werk des Charles Berberian. Es ist ihm gelungen, eine kohärente Geschichte stilistisch auf den Punkt treffend und zugleich zeitlos in seinen Motiven aus dem Gilgamesch-Epos zu extrahieren. Die rudimentäre Bildsprache komplementiert die archaische Wirkung dieser mystischen Erzählung über den König. Außerdem interessant daran ist die angenommene Perspektive der Shamhat. Diese Graphic Novel ist ein Einstieg, der die Neugier schürt, sich mehr mit diesem Epos zu beschäftigen, denn es scheinen so viele Mythen und Geschichten darauf basieren zu können.
Pro
Gekonnte Adaption des zeitlosen Gilgamesch-Epos mit einem einzigartigen, archaischen Kunststil.
Kontra
Häufige Darstellungen von Sex, begrenzte Details und möglicherweise unklare Erzählungen können die allgemeine Attraktivität einschränken.
10

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Lars Hünerfürst

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