#Comictober Moschberg – Bilder aus der Zukunft

15. Oktober 2023
2 Minuten gelesen
Moschberg Cover ASRA

Dass die Welt, wie sie dieser Tage belebt wird, nicht mehr lang den menschlichen Bedürfnissen standhält, sollte den Meisten nun klar geworden sein. Es kann so nicht weitergehen. Dies ist keine Meinung, dies ist in der Wissenschaft allgemeiner Konsens, seit Jahrzehnten. Wie aber soll es in der Zukunft anders sein? Dort hört für die Mehrheit die öffentliche Diskussion auf.

Die Künstlerin Astrid Raimann alias ASRA hat sich dieser Thematik gewidmet und in ihrem Comic „Moschberg – Bilder aus der Zukunft“ einen möglichen Entwurf veröffentlicht. Sie stand als eine von vielen Ausstellenden auf der Comic Invasion 2023 in Berlin und war so freundlich ein Rezensionsexemplar zur Besprechung zu stellen. Der Comic erscheint im Selbstverlag und ist in jedem gut sortierten Buchgeschäft bestellbar.

In Zeiten des Aufbruchs

Copyright: ASRA Comics

Wir beginnen die Geschichte in einem Flugzeug, in den Gedanken und Erinnerungen des Protagonisten Leo. Dieser ist mittlerweile erfolgreicher Geschäftsmann auf seinem Weg nach Köln zu einem Investorentreffen. Seine von häuslicher Gewalt geprägte Kindheit wird uns als ihn prägendes Thema eingeführt und bestimmt ihn zu großen Teilen auch noch. Er möchte nie wieder arm sein und befindet sich in dieser Geschichte auf einem Scheideweg seines Lebens. Denn noch ein weiterer Teil seiner Vergangenheit offenbart sich, seine Zuneigung zur in Australien kennen gelernten Freundin Mona. Nach Beendigung des Investorentreffens soll Leo sich ein PS-starkes Auto mieten und in ihren Heimatort fahren und dort mit einer ihm unbekannten Realität konfrontiert werden.

Leo besucht Mona im titelgebenden Moschberg. Diese Kleinstadt unterliegt einem Wandel, befindet sich auf der Schwelle einer großen Veränderung. Mona ist eine der treibenden Charaktere dieser Transformation. Sie nimmt Leo mit auf eine Tour durch den unscheinbar wirkenden Ort, der voller Potential und Progressivität den Wandel selber in die Hand nimmt. Die Zwei laufen durch das Stadtzentrum, das bunt, belebt, divers und nahezu frei von Autos einen wohnlichen und schönen Eindruck macht. Auf das Kommentar Leos bezüglich eben jener Gemütlichkeit stellt die Künstlerin auf der gegenüberliegenden Seite die selbe Perspektive auf den Straßenzug im aktuellen Status Quo. Häufig nutzt Astrid Raimann solche Gegenüberstellungen, die im Stil eines städteplanerischen Modells ausgestaltet sind. Dank solch simpler und immens unterstützenden Illustrationen erscheint ein Wandel absolut nicht unmöglich. Viel eher unvorstellbar, warum immer noch so wenige Gemeinden diesen Schritt wagen.

Ein großes Argument gegen solche Bestrebungen ist die Wirtschaftlichkeit und ein Automobilzentrismus, die fernab jedweder ökologischer und ethischer Gedankenspiele liegen. Doch auch für Leo ist die Angst um eine Verarmung immanent. Die fehlende Bestrebung des Wachstums, der ökonomischen Expansion in neue Investitionsräume und den damit ausbleibenden gewinnmaximierenden Marktmechanismen schaffen Angst und wecken besagte Kindheitserinnerungen. Es kommt daher zum Streit zwischen Mona und Leo. Wie löst sich der zuspitzende Konflikt, der nun zwischen das sich näher kommende Paar gestellt hat?

Copyright: ASRA Comics

Fotocollagen und Pop-Art

Schon beim Blick auf das Cover fällt eine eigensinnige Stilistik ins Auge, die man in dieser Form selten sieht. Die Mischung aus Fotorealismus und einer überstilisierten, komplett digitalen Bildgestaltung erschafft ein ganz eigenes Gefühl und Nähe beim Betrachten der Panels. Die Exposition, die in Köln spielt, zeigt beispielsweise den Kölner Dom im Comic-Stil, wobei sich die Fotografie noch hinter den digital bearbeiteten Farbflächen fühlen lässt. Ob diese Arbeitsweise tatsächlich gewählt wurde, lässt sich schwer beurteilen. Der Look und den Eindruck den man erhält, auch wegen so mancher Panels in der umliegenden Natur Moschbergs, erinnert an gerenderte Hintergründe von berühmten Point and Click Videospielen. Allerdings sind Astrid Raimanns Bilder wesentlich lebendiger und vielschichtiger.

Dafür reduziert und simplifiziert sie an anderen Stellen, wie dem Figurendesign und der Mimik. So manches Mal wirken die Expressionen der Charaktere, als wären sie anhand einer Schablone oder Vorlage für Ausdrücke gestalten worden. Die Feinheit oder gar Mikroexpressionen finden hierin wenig Platz. In den meisten Dialogen bleiben die Charaktere vor einfarbigem Hintergrund mit leichtem Farbverlauf und halten ihr Gespräch. Dieser eher klassische Stil kontrastiert umso mehr mit den lebendigen und bunten Umgebungen der Natur. Einige gut gesetzte Ausnahmen zeigen exemplarisch wie selbst der Kontext eines Gesprächs die eigene und Fremdwahrnehmung von Gesagtem beeinflussen kann. Dann auf einmal scheinen Dinge möglich und werden offenbart, die man vorher nicht so gesehen haben konnte. Dies nur weil sich die Umgebung änderte.

Moschberg Cover ASRA
Optimismus zum Wandel
Astrid Raimanns „Moschberg - Bilder aus der Zukunft“ zeigt eine wünschenswerte Fantasie der inneren und äußeren Veränderung, um gemeinsam einen besseres Leben zu führen. Die Anregungen und zahlreichen Konzepte aus Land-, Energie- und Marktwirtschaft werden im Anhang mit jeweiligem Beleg und einer Quelle angeführt, sodass sich die fortführende Literatur als kein Problem darstellt. Genau dies ist der Kern dieses Comics: es ist eine Orientierung, ein möglicher Leitfaden, ein verträumter Blick in eine Zukunft solidarisch-ökologischen Zusammenlebens. Mit diesem Werk gelingt es sicherlich auch in Schulen oder Gruppen junger Erwachsener ein Bewusstsein für öffentliche Räume zu schaffen und darüber angeregt zu diskutieren.
Pro
zahlreiche Anregungen für Veränderung (klein oder groß)
ermutigt seine Umgebung ökoligscher und fairer zu gestalten
zeigt Sorgen und Ängste auf
Kontra
manches Design, Zeichnung einer Figur wirkt sehr unproportional
eine erwartbare Handlung
7

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Über den Autor

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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