Thor: Gott des Donners 1 – Götterschlächter

19. Dezember 2021
3 Minuten gelesen

Thor, Donar, der Gott des Krieges und des Donners, hat viele weitere Namen in seiner ursprünglich nordischen Mythologie. In den 1960ern bediente sich Stan Lee und Jack Kirby einem neuen Kosmos, um die bereits bestehenden galaktischen Helden und Bedrohungen mit einer weiteren Figur anzureichern. Da die medial oft bediente griechisch-römische Mythologie nicht in Frage kam, zogen die Schöpfer des Marvel-Kosmos die nordischen Götter rund um Thor aus dem schier endlosen Hut der Ideen.

Thors Ersterscheinung jährt sich 2022 bereits zum 60. Mal und viele Kreative haben dem Gott des Donners spannende Geschichten auf den Leib geschrieben. Panini Comics hat wohl einen der begehrtesten Run der letzten Jahrzehnte – 2012 geschrieben von Jason Aaron – in einem dicken Deluxe Hardcover veröffentlicht. Dieser 276 Seiten starke erste Band von zweien ist prall gefüllt mit einer großen Covergalerie, Original Bleistiftvorzeichnungen und ganzseitig getuschten Originalentwürfen des Zeichners Esad Ribić.

Ein Epos auf drei Zeitebenen

Vom Beginn an bewegen wir uns als Leser:in zwischen drei unterschiedlichen Zeitebenen und drei grundsätzlich unterschiedlichen Inkarnationen eines Thors.

Die uns erste vorgestellte Version ist der Wikinger-Thor, dessen Fähigkeiten es ihm noch nicht erlauben, Mjölnir zu schwingen, und der sich am liebsten unter seinesgleichen mischt, um die Freuden des Lebens zu genießen. Er ist ein Großmaul, trägt selten Oberteile, schlägt zu, bevor er fragt, und ist bei Weitem keine sehr helle Birne im Kronleuchter der Erkenntnisse. In einer Nacht spült es den Kopf eines Gottes an die Ufer Islands, dies kann sich Thor noch nicht erklären, doch er spürt: Großes ist im Gange.

Der zweite Thor ist der des Jetzt, also der Rüstung tragende Avenger Thor, der mit Mjölnirs Schwung und der Thorkraft durch Galaxien fliegen kann und sich für die Sicherheit der Völker aller Galaxien einsetzt. Dieser Thor ist durchtrieben von Zweifeln, jagt einem Geltungsdrang nach und macht auf einer seiner Reisen eine merkwürdige Entdeckung. Es fehlen Götter – immer mehr und im ganzen Universum.

Der letzte Thor gehört einer fernen Zukunft an und fristet sein Dasein in einem Asgard, das tot ist. Nur noch er sitzt auf seinem Thron, denn er ist nun König Thor von Asgard. Die vielen tausenden Jahre und Kriege forderten Tribut, so trägt er nun wie einst Odin eine Augenklappe und verlor auch einen Arm, der durch Technologie ersetzt wurde. Er ist sehr mächtig, unsterblich und von größter Einsamkeit geplagt, denn er wird gefangen gehalten.

Sie alle treffen auf ein Wesen, das sich ein einziges Ziel für seine Existenz gesetzt hat: Alle Götter sollen sterben. Gorr, der Götterschlächter, ist verantwortlich für die vielen toten Götter, für leere Pantheons für hilflose Wesen auf weit entfernten Planeten in noch viel weiter entfernten Galaxien. Kein Gott ist zu klein oder zu groß, er will sie alle umbringen und erledigt dies mit Freude. Seine Rolle in diesem ersten großen Bogen, der in elf Kapiteln erzählt wird, erfährt einiges an Wandel, Tiefe und Motivation, sodass die Figur spürbar relevant wirkt. Dies ist ein gut entworfener und auch tiefst unsympathischer Gegner, der tatsächlich unbesiegbar scheint.

Apokalypse mal anders

Es kommt vor allem in Superhelden-Comics häufig vor, dass epische Schlachten, riesige Armeen und schier endlose Kräfte aufeinanderprallen. In dieser von Aaron verfassten Geschichte scheint es nicht anders. Allerdings gelingt es, eine Atmosphäre zu kreieren, die sich nach hundertprozentig Konsequenzen tragenden Ereignissen anfühlt unter einer der für Thor größten Bedrohungen.

Zudem wird die Frage nach der Göttlichkeit gestellt, anhand von Thor wie auch des vermeintlich ungöttlichen Gorr. Diesem scheint nicht bewusst, welche Folgen sein Plan haben wird und was er schlussendlich sein wird. Außerdem hantiert diese Geschichte viel mit der Thematik des Gott-Glaubens. Welche Funktion oder welche Sicherheiten geben einem der Glaube an einen Gott bzw. an mehrere?

Der Stil

Der Stil von Esad Ribić ist absolut einzigartig. Das heißt nicht immer einzigartig gut, leider. Die Szenerie, die Kämpfe, die geometrischen Gebäude und Perspektiven, die einem gezeigt werden, sind ganz großes Kino. Auch die Entwürfe der Figuren sind vieles, aber auf keinen Fall schlicht oder nicht durchdacht. Allerdings muss man sagen, dass an vielen Stellen sehr offensichtliche Grimassen gezeichnet wurden. Gesichter, die weit aufgerissene Augen und Münder zeigen, oder gar während eines Sprechteils mit geschlossenem Mund und Augen daneben stehen, als hätte man sie im falschen Moment fotografiert. Fotografiert trifft es wohl sehr gut, denn die Bilder besitzen alle großartige Dimensionalität. Dies zeigt sich vor allem beim Spiel mit Licht und Schatten, den Oberflächenstrukturen und auch in der Anordnung der Panels zueinander.

Abgesehen von den teils grotesken Gesichtern der Figuren ist der Zeichenstil von Esad Ribić wirklich grandios immersiv und erfreut einfach auf jeder Seite von neuem. Es scheint sogar so, dass die Panels wirklich noch händisch gezeichnet werden und teilweise durch die Verwendung von Kohle- oder Pigmentstiften ihren haptischen Look erhalten.

Fazit
Thor war eine ganze Zeit wie vom Erdball verschwunden und kam spätestens mit den Filmen des MCU wieder zurück. Diese Ausgabe „Thor: Gott des Donners – Götterschlächter“ macht ihrem Namen und der Figur alle Ehre. Es ist ein apokalyptischer und gigantischer Kampf unter Benutzung aller Register der Erzähl- und Zeichenkunst. Sollte man sich ein Herz fassen und die fast 40€ in dieses Hardcover investieren? Ja, wenn man Thor-Fan ist, sollte man dies tun. Denn nicht nur die großartige Geschichte erwartet einen, nein, auch die zahlreichen Blicke hinter die Kulissen auf die Skizzen von Esad Ribić machen klar, wie hochwertig diese Arbeit ist. Großartig, dass Panini Comics diese Reihe in einer so hochwertigen Form noch mal gebündelt auf den Markt bringt. Zudem ist dieser Comic eine direkte Vorlage für den bald erscheinenden Film „Thor: Love and Thunder“.
Pro
Eine fesselnde Erzählung und ein einzigartiger Kunststil werten „Thor: God of Thunder 1 – God Slayer“ auf.
Kontra
Einige Gesichtsausdrücke wirken in „Thor: God of Thunder 1 – God Slayer“ übertrieben.
9.4

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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