Eine Rucksackreise durch Japan – Elfter Teil – Ein langes Gespräch und wenig Bewegung

  1. Eine Rucksackreise durch Japan – Erster Teil – Die Ausfahrt „Nichtraucher“
  2. Eine Rucksackreise durch Japan – Zweiter Teil – die ersten Schritte
  3. Eine Rucksackreise durch Japan – Dritter Teil – auf die inneren Werte kommt es an
  4. Eine Rucksackreise durch Japan – Vierter Teil – Sprachbarrieren
  5. Eine Rucksackreise durch Japan – Fünfter Teil – Zu Gast bei Familie Takahashi
  6. Eine Rucksackreise durch Japan – Sechster Teil – Heiß, Heißer, Onsen
  7. Eine Rucksackreise durch Japan – Siebter Teil – It’s a Long Way From Home
  8. Eine Rucksackreise durch Japan – Achter Teil – Kontraste
  9. Eine Rucksackreise durch Japan – Neunter Teil – Allein unter Tausenden
  10. Eine Rucksackreise durch Japan – Zehnter Teil – Yukatas, Trommeln und eine Erkenntnis
  11. Eine Rucksackreise durch Japan – Elfter Teil – Ein langes Gespräch und wenig Bewegung
  12. Eine Rucksackreise durch Japan – Zwölfter Teil – Mitten im Nirgendwo
  13. Eine Rucksackreise durch Japan – Dreizehnter Teil – Die Magie der Zeit
  14. Eine Rucksackreise durch Japan – Vierzehnter Teil – Klima, Verkehr und ein Paar auf Hochzeitsreise

Der Morgen verlief hektisch. Ich wachte auf, bemerkte das nahende Ende des Frühstücksbuffets und hastete, den Kissenabdruck noch im Gesicht tragend, in den Speiseraum. Dort erwarteten mich viele der bisher genossenen Bestandteile voriger Frühstücke der Hotels, in großen Schalen und Schüsseln auf einem Buffett ausgelegt. Fertiger Reis in einem riesigen Reiskocher, Misosuppe zum selber zusammenbauen, frischer Fisch, gebratener Fisch, Müsli, Salate, gebratenes Gemüse, eingelegtes Gemüse, Nattou, europäische Gebäcke und noch vieles mehr.

Ich begnügte mich mit einem sehr vollen Tablett und versuchte so viel und schnell wie möglich in mich hinein zu schaufeln. Sehr eigenartig empfand ich die Tendenz die Eier einfach nicht zu kochen. Man schlürfte also ein mehr oder minder rohes Ei aus dessen Schale heraus.

Die Hitze war schon in der Früh sehr anstrengend, also entschied ich mich dazu mir ein Taxi rufen zu lassen und den Weg zum Bahnhof nicht schwitzend, stehend, wartend und laufend anzugehen. Dies sollte sich durch anstehenden Tag ziehen, denn ich konnte und wollte 37 Grad im Schatten mit meinem Gepäck nicht tolerieren müssen. Meine doch recht schlechte Vorbereitung, was zumindest die Recherche der klimatischen Gegebenheiten anbelangte, führte nun also dazu, dass ich ein breites Angebot an Kleidung sinnlos mit mir herumtrug. Vieles davon würde ich nicht ein einziges Mal aus meinem Rucksack herausnehmen.

Meine nächste knapp dreistündige Fahrt verging beinahe im Flug. Ich gewöhnte mich überraschend schnell an die Länge der Fahrten und das viele Sitzen im Zug. Man muss aber auch anmerken, dass der Komfort in den meisten Shinkansen sehr groß war. Die Sitze ließen sich in ihrer Position so verstellen, dass man am Fenster sitzend sehr gut ein Nickerchen halten konnte. Solche Annehmlichkeiten wurden schnell Normalität und ich freute mich immer auf die Fahrten mit den Schnellzügen.

Die Route führte mich über die Großstadt Sendai. Dort spielte der Manga „Blue Giant“, der mir sehr gefiel. Auszusteigen mochte ich trotzdem nicht, da mir die Familie Takahashi verriet, dass sich dort die High-Society, die Reichen und Schönen aufhielten. Etwas, das mir schon in Berlin zuwider war. Also fuhr ich direkt an den Ort meines kommenden Aufenthalts, die kleine östlich von Sendai gelegene Vorstadt Ishinomaki (石巻市).

Ich erreichte die Unterkunft wieder Mal um einiges früher, als die eigentliche Ankunftszeit gesetzt war. In der Regel ist ein Check-In nicht vor Drei Uhr am Nachmittag möglich. Dieses Hotel war ein Self-Check-In, also dachte ich würde kein Problem darin bestehen früher zu erscheinen. Also schnappte ich mir den bereitliegenden Schlüssel aus der am Eingang liegenden Schale, schleppte mein Gepäck, das an heißen Tagen umso schwerer erschien, in den ersten Stock und legte mich ab. Schon beim Betreten des Hotels wurde mir klar, dass dieses Hotel einen ganz eigenen Charme besaß. Die Wände und Decken waren zugeklebt mit Postern und Plakaten von Ausstellungen, Serien, Filmen oder Konzertankündigungen. Hier und da baumelten Fische aus Papier, bunte in der einfallenden Sonne glitzernde Girlanden und andere quietschbunte Dekoration von der Decke. Der Innenbereich war eine kompakte Reizüberflutung auf wenigen Metern. Das Zimmer war sehr klein, aber mehr als ausreichend für meine Bedürfnisse. Ich hatte meine eigene Dusche, den von mir so geliebten Tatamiboden und ein Futon, also was brauchte ich mehr. In dieser Unterkunft lag ein Schlafanzug bereit, der mehr an eine Sportuniform erinnerte und ich fühlte mich sofort wie Tsubasa aus „Kickers“.

Einen Großteil des Tages verbrachte ich im Tatami gedeckten Raucherraum auf meiner Etage. Dort saß ich, telefonierte, schrieb und schaute gelegentlich raus in die Hitze des Tags. Im Laufe des Nachmittags bekam ich Gesellschaft von einem japanischen Besucher der Unterkunft. Nach einer kurzen Vorstellung ohne technische Hilfe, da er ein paar Worte Englisch einwarf, wenn mein Verständnis des Japanischen ausblieb, wechselten wir zum Translator. Es entstand ein längeres Gespräch und wir tauschten uns über vieles aus. Er erzählte mir, dass er mit seinem Sohn in der Gegend gewesen sei. Dieser spielte in der Mini-League Baseball, 3rd Base und Pitcher, also ein scheinbar talentierter Spieler. Baseball war hier ein medial großer Sport, es lief ungefähr so regelmäßig in Hotellounges, Bars oder Restaurants, wie Fußball in Europa. Er war sichtlich stolz auf seinen Sohn, als er erzählte in welchen Ligen und Turniere dessen Mannschaft bereits spielte.

Als wir dann begannen über die Arbeitswelten unserer Heimatländer zu reden, wurde mir abermals bewusst, dass Deutschland einen sehr guten Ruf im Ausland genoß. Meiner Meinung nach zu weiten Teilen nicht mehr begründet, aber so war das eben mit einer Reputation. Sie war nicht von Fakten gedeckt, sondern fußte auf einem Jahrzehnte alten Stereotyp aus gefühlten und medial reproduzierten Wahrheiten. Als wir über die Ferien und das Reisen redeten, kam eine für mich unerwartete Tatsache auf den Tisch. Ich verriet meinem Gesprächspartner, dass in Deutschland der Urlaubsanspruch auf 28 Tage pro Jahr per Gesetz geregelt sei. Ihm fielen fast die Augen aus, beim lesen vom Translator übersetzten Text. In Japan gäbe es solche Gesetze nicht, weshalb die meisten Arbeitnehmer mit ganzen sieben Tage Urlaub pro Jahr auskommen mussten. Die gesetzlichen Feiertage waren da natürlich nicht mit inbegriffen. Ich erzählte ihm außerdem, dass in Deutschland eine Diskussion über die 4-Tage-Woche teilweise im Raum stand. Er erklärte mir, dass er es begrüßenswert empfand solche Debatten in Japan zu sehen. Doch viele Firmen und Arbeitnehmer lebten einen grundsätzlich anderen Arbeitsethos, der sich häufig auf 12 Stunden lange Arbeitstage und wenig Zeit für das eigentliche Leben beschränkte. Als ich ihm sagte, dass im Widerspruch zur Außenwirkung mein Eindruck von Deutschland sich als zunehmend bequem und ineffizient beschreiben ließ, war er entrüstet. So könne Deutschland nicht sein und er winkte ablehnend ab. Schließlich war dies das Land der großen Autos, Technologie und des Fußballs. Nun ja, wenn man daran Fleiß maß, dann mag seine Einschätzung vielleicht zutreffen.
Unser Gespräch verschob sich dahin, dass ich fragte, ob er mir eine Region für Tee empfehlen könnte. Ich äußerte außerdem meine Verwunderung darüber, dass so wenig präsente Teekultur zu erleben war. Es schien mir mehr wie ein alltägliches Konsumprodukt, kalt und schnell aus dem Kühlschrank, als etwas von langer und großer kultureller Bedeutung. Seine Empfehlungen für Teeanbaugebiete betrafen Regionen von denen ich noch nie als herausragende Gegenden gehört hatte. Umso spannender sich diesen vielleicht einmal zu widmen.

Nach ungefähr einer Stunde des anregenden Austauschs verabschiedete er sich zur Nachtruhe. Mich trieb der Hunger um und so verließ ich nach geraumer Zeit zum ersten Mal das Haus und erkundete in der warmen Luft der Nacht die kulinarischen Angebote. Als ich so meines Weges lief, fiel mir das goldene M ins Auge und ich verspürte einen spontan auftretenden Heißhunger auf ekelhaftes amerikanisches Fast-Food. So folgte ich dem Geruch von abgestandenem Frittenfett und betrat die geräumigen Hallen des umsatzreichsten Konzerns der Fast-Food Branche. Das Essen war sehr viel fettiger, als ich erwartet hatte.
Nach diesem Leberhaken sehnte ich mich nach ein wenig süßer Kost. Also suchte ich einen 7-Eleven, der auf dem Rückweg lag und bediente mich dort am Süßigkeiten- und Backwarenangebot. In so gut wie jedem Convenience-Store lag eine breite Auswahl an Baumkuchen, mit süßen Cremes gefüllte Brötchen, herzhafter Variationen und natürlich alles von Gummitieren bis Schokolade für den schnellen Hunger bereit. Ich konnte mich eine gefühlte Ewigkeit in diesen Läden aufhalten und mir einfach alles ansehen. Meine Wahl fiel auf ein mit Cantaloupe-Melone gefülltes süßes Brötchen, einige Mochi, etwas Schokolade und noch einen Notfall Onigiri. Die Nacht war gesichert und ich machte mich auf den langsamen Weg zum Hotel. Trotz der wenigen Bewegung war ich doch recht erschöpft vom Tag.

Der sich vor ein paar Tagen einstellende Ausschlag auf einem Oberschenkel besserte sich nicht, ich verspürte eine Spur von Halsschmerzen und hatte alles andere als Lust darauf im Urlaub krank zu werden. So rechtfertigte ich diesen Ruhetag vor mir ohne mit der Wimper zu Zucken und legte mich in der Gewissheit meinem Körper eine Pause gegönnt zu haben ins Bett. Am nächsten Tag lag eine kurze Strecke Bahnfahrt vor mir, die ich mit einer regionalen Linie in die Berge der Präfektur Miyagi hinter mich legen würde. Es stand ein Tag entspannter und kontemplativer Atmosphäre vor mir, zumindest war dies mein Plan.

Lars Hünerfürst

Minimalistisch und musikalischer Comic Enthusiast - lief zu Fuß von Berlin nach Paris.

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